Ziemlich düster dürfte es werden, wenn Alexandra Căpitănescu heute Abend beim Eurovision Song Contest 2026 in der Wiener Stadthalle für Rumänien antritt. Ihr Song heißt „Choke Me“, auf Deutsch etwa: „Würg mich“. Allein der Titel war ausreichend, um den Beitrag aus der üblichen ESC-Vorfreude herauszulösen und in eine Debatte zu ziehen, die weit über Musikgeschmack hinausgeht.
Denn „Choke Me“ wird nicht nur als dramatische Popnummer gelesen, sondern auch als möglicher Verweis auf sexuelle Strangulation. Aktivistinnen kritisieren den Song deshalb als „gefährlich“ und „leichtsinnig“. Er könne, so der Vorwurf, eine riskante Praxis romantisieren. Aus Rumänien kommt eine andere Deutung: Der Song sei metaphorisch gemeint. Es gehe um emotionale Überforderung, um das Gefühl, an den eigenen Gedanken zu ersticken. Bloß nicht wörtlich nehmen, so die Verteidigung.
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Alexandra Căpitănescu beim ESC 2026: Die Physikerin mit der rauen Stimme
Hinter der Debatte um „Choke Me“ steht eine Sängerin, deren Weg zum ESC nicht ganz typisch ist. Alexandra Căpitănescu ist 22 Jahre alt, stammt aus Galați im Osten Rumäniens und bewegt sich zwischen zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Popbühne und Physiklabor.
Neben ihrer Musikkarriere studiert Căpitănescu im Master an der Fakultät für Physik in Bukarest; ihren Bachelor hat sie bereits abgeschlossen. Besonders interessiert sie sich für Medizinphysik. Parallel dazu begleitet sie die Musik seit ihrer Kindheit. Schon mit zehn Jahren begann Căpitănescu, Gesang und Klavier zu lernen. Landesweit bekannt wurde sie 2023, als sie mit 19 Jahren „Vocea României“, die rumänische Ausgabe von „The Voice“, gewann. Schon in den Blind Auditions brachte sie alle vier Jury-Stühle zum Drehen. Später trat sie im Team des Sängers Tudor Chirilă an und gewann schließlich die elfte Staffel der Show.
Seitdem arbeitet Căpitănescu daran, aus dem Casting-Erfolg eine eigene künstlerische Handschrift zu formen. 2024 veröffentlichte sie ihre Debüt-EP „Căpitnu“, außerdem mehrere Singles, die sie gemeinsam mit ihrer Band und rumänischen Songwritern schrieb. Ihre Musik führte sie bereits auf Bühnen im ganzen Land – unter anderem zum Electric Castle, einem der großen rumänischen Festivals.
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Auch ihr ESC-Beitrag trägt diese Suche nach einer eigenen Handschrift weiter. „Choke Me“ hat Căpitănescu selbst mit einem Team rumänischer Songwriter geschrieben. Musikalisch bewegt sich „Choke Me“ zwischen Rock, Pop und härteren Metal-Anklängen. In einem Interview mit dem ESC sagte Căpitănescu, die Mischung verschiedener Genres sei ihre „Verrücktheit“, weil sie Musik in all ihren Formen liebe.
Inhaltlich kreist der Beitrag um ein Gefühl, das sich nicht leicht sortieren lässt: Liebe als Druck, Nähe als Überforderung, Sehnsucht als etwas, das den Atem nimmt. Genau hier beginnt die Kontroverse. Der Refrain wiederholt die titelgebende Zeile rund dreißigmal; dazu kommen Bilder körperlicher Überforderung und platzender Lungen. Zeilen wie „All I need is your love. I want it to choke me“ werden deshalb nicht nur als drastische Metapher gelesen, sondern auch als möglicher Verweis auf sexuelle Strangulation.
International wurde deshalb Kritik laut. Im „Guardian“ hieß es sinngemäß, „Choke Me“ zeige eine alarmierende Missachtung der Gesundheit und des Wohlbefindens junger Frauen. In sozialen Netzwerken fordern einige ESC-Fans, Rumänien solle den Text ändern; andere verlangen sogar eine Disqualifikation. Căpitănescu verteidigt ihren Beitrag dagegen als Ausdruck seelischer Überwältigung. Sie habe beschreiben wollen, wie es sich anfühle, in negativen Gedanken festzustecken, so die Sängerin. Der rumänische Sender TVR erklärte ebenfalls, der Titel sei metaphorisch gemeint. Die Bühneninszenierung solle diese Lesart verdeutlichen und einer wörtlichen Interpretation entgegenwirken.
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Alexandra Căpitănescu mit „Choke me“: Rumäniens ESC-Beitrag im Video
Alexandra Căpitănescu: Der Songtext von „Choke me“
Songtext auf Englisch
Phantom
You feel like a phantom
Why do you wanna tame me?
It’s hard to breathe in
Do you feel me?
Do what I say
And don’t you ever betray me
You are here to obey me
Are you not?
All I need is your love
I want it to choke me, choke me, choke me
Born for you to control
I want you to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
Love me, make my lungs explode like
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
All I need is your love
I want it to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
Save me
Inside, I’m blazing
I want you to call me, call me, call me, call
My body is begging
Do what I say
And don’t you ever betray me
You are here to obey me
Are you not?
All I need is your love
I want it to choke me, choke me, choke me
Born for you to control
I want you to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
Love me, make my lungs explode like
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
All I need is your love
I want it to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
All I need is your love
I want it to choke me, choke me, choke me
Born for you to control
I want you to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
Love me, make my lungs explode like
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
All I need is your love
I want it to choke me, ch-ch-ch-choke me, ch-ch-ch-choke me
Songtext auf Deutsch
Phantom
Du fühlst dich an wie ein Phantom
Warum willst du mich zähmen?
Es fällt schwer, Luft zu holen
Fühlst du mich?
Tu, was ich sage
Und verrate mich niemals
Du bist hier, um mir zu gehorchen
Oder etwa nicht?
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, würgt, würgt
Geboren, damit du mich kontrollierst
Ich will, dass du mich würgst, w-w-w-würgst, w-w-w-würgst
Liebe mich, bring meine Lungen zum Explodieren, wie
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, w-w-w-würgt, w-w-w-würgt
Rette mich
In mir brenne ich
Ich will, dass du mich rufst, rufst, rufst, rufst
Mein Körper fleht darum
Tu, was ich sage
Und verrate mich niemals
Du bist hier, um mir zu gehorchen
Oder etwa nicht?
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, würgt, würgt
Geboren, damit du mich kontrollierst
Ich will, dass du mich würgst, w-w-w-würgst, w-w-w-würgst
Liebe mich, bring meine Lungen zum Explodieren, wie
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, w-w-w-würgt, w-w-w-würgt
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, würgt, würgt
Geboren, damit du mich kontrollierst
Ich will, dass du mich würgst, w-w-w-würgst, w-w-w-würgst
Liebe mich, bring meine Lungen zum Explodieren, wie
Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh
Alles, was ich brauche, ist deine Liebe
Ich will, dass sie mich würgt, w-w-w-würgt, w-w-w-würgt
So erfolgreich war Rumänien zuletzt beim ESC
Rumänien reist mit „Choke Me“ nicht nur mit einem umstrittenen Song nach Wien, sondern auch mit einer Wettbewerbsgeschichte, in der Euphorie und Ernüchterung oft nah beieinanderlagen. Das Land debütierte 1994 beim Eurovision Song Contest in Dublin, nachdem es 1993 noch in der osteuropäischen Vorauswahl gescheitert war. Seither gelangen Rumänien mehrere starke Platzierungen: 2005 erreichten Luminița Anghel & Sistem mit „Let Me Try“ in Kiew den dritten Platz, 2010 gelang Paula Seling und Ovi mit „Playing With Fire“ in Oslo dasselbe. Dazu kam Mihai Trăistarius vierter Platz mit „Tornerò“ 2006 in Athen.
Der bitterste Einschnitt folgte 2016. Eigentlich sollte Ovidiu Anton Rumänien damals in Stockholm vertreten. Drei Wochen vor seinem geplanten Auftritt im zweiten Halbfinale wurde das Land jedoch von der European Broadcasting Union (EBU) ausgeschlossen. Grund waren Schulden des rumänischen Senders TVR bei der EBU, die damals mit rund 14,5 Millionen Euro beziffert wurden.
Auch später blieb Rumäniens Verhältnis zum Wettbewerb angespannt: 2024 setzte TVR aus Budgetgründen aus, 2025 fehlte das Land erneut. Die Rückkehr nach Wien ist damit nicht nur ein weiterer ESC-Anlauf, sondern auch ein Versuch, nach finanziellen Problemen und zwei Jahren Pause wieder Anschluss zu finden.
- 2025: (Aus finanziellen Gründen auf Teilnahme verzichtet)
- 2024: (Aus finanziellen Gründen auf Teilnahme verzichtet)
- 2023: Theodor Andrei – „D.G.T. (Off and On)“ (nicht für das Finale qualifiziert)
- 2022: WRS – „Llámame“ (Platz 18)
- 2021: Roxen – „Amnesia“ (nicht für das Finale qualifiziert)
Auf Alexandra Căpitănescus Auftritt lastet daher mehr als die übliche Hoffnung auf ein gutes Ergebnis. An die früheren Erfolge anzuknüpfen, wird nicht leicht. Doch ihr Beitrag dürfte zumindest eines schaffen: Über Rumänien wird gesprochen werden. Und beim ESC ist das manchmal schon der erste Schritt.
Eurovision Song Contest 2026: Die Startreihenfolge im Finale
- 01 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – „Før Vi Går Hjem“
- 02 Deutschland: Sarah Engels – „Fire“
- 03 Israel: Noam Bettan – „Michelle“
- 04 Belgien: Essyla – „Dancing On The Ice“
- 05 Albanien: Alis – „Nân“
- 06 Griechenland: Akylas – „Ferto“
- 07 Ukraine: Leléka – „Ridnym“
- 08 Australien: Delta Goodrem – „Eclipse“
- 09 Serbien: Lavina – „Kraj Mene“
- 10 Malta: Aidan – „Bella“
- 11 Tschechien: Daniel Zizka – „Crossroads“
- 12 Bulgarien: Dara – „Bangaranga“
- 13 Kroatien: Lelek – „Andromeda“
- 14 Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer – „Eins Zwei Drei“
- 15 Frankreich: Monroe – „Regarde!“
- 16 Moldau: Satoshi – „Viva, Moldova!“
- 17 Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen – „Liekinheitin“
- 18 Polen: Alicja – „Pray“
- 19 Litauen: Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“
- 20 Schweden: Felicia – „My System“
- 21 Zypern: Antigoni – „Jalla“
- 22 Italien: Sal Da Vinci – „Per Sempre Sì“
- 23 Norwegen: Jonas Lovv – „Ya Ya Ya“
- 24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – „Choke Me“
- 25 Österreich: Cosmó – „Tanzschein“



