- Schon in den vergangenen Jahren wurde der Eurovision Song Contest von politischen Debatten überschattet
- In diesem Jahr verzichten einige Länder sogar auf die Teilnahme
- Worum es in dem schwelenden ESC-Streit geht
Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien sollte vor allem ein Jubiläum sein: die 70. Ausgabe des weltweit größten Fernsehmusikwettbewerbs – ein Fest aus Pop, Pathos und Punktetafeln. Doch schon Monate vor dem Finale am 16. Mai in der Wiener Stadthalle war klar: Ein politischer Konflikt überschattet den ESC und belastet auch sein Motto. „United by Music“, also geeint durch Musik, wirkt derzeit weniger wie ein Versprechen als wie eine offene Frage.
Denn die Teilnahme Israels am Song Contest sorgt für Streit. Eigentlich wollte die Europäische Rundfunkunion, kurz EBU, Anfang Dezember 2025 in Genf gemeinsam mit allen Mitgliedsstaaten über das weitere Vorgehen entscheiden. Doch dann wurde Israels Teilnahme doch nicht zur Abstimmung gestellt. Die EBU ist der Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, der den ESC organisiert. Weil es kein Votum über Israel gab, bleibt der Weg für den israelischen Sender Kan frei: Israel tritt beim ESC 2026 in Wien an.
Mehrere Länder wollen diese Entscheidung jedoch nicht mittragen. Die Rundfunkanstalten aus Spanien, Irland, Slowenien, den Niederlanden und später auch Island kündigten nach der Entscheidung einen Boykott des ESC 2026 an. Damit rückt schon vor dem ersten Auftritt die Frage in den Mittelpunkt, was den ESC eigentlich zusammenhält.
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ESC 2026: Warum Israel im Mittelpunkt des Streits steht
Die Antwort auf diese Frage führt weit über den Musikwettbewerb hinaus. Im Kern geht es in dem Streit um Israels Teilnahme vor dem Hintergrund des Kriegs im Gazastreifen nach dem Terrorangriff der Hamas und verbündeter Gruppen am 7. Oktober 2023. Mehrere Rundfunkanstalten hatten deshalb seit Monaten erklärt, eine Teilnahme am ESC sei für sie kaum vorstellbar, solange Israel involviert sei. Andere Länder hielten dagegen gerade einen Ausschluss Israels für problematisch. Ihr Argument: Der ESC sei ein Wettbewerb von Sendern und Künstlern, nicht von Regierungen. Auch die Bundesregierung sprach sich gegen eine Ausgrenzung aus.
Die EBU versuchte, den Streit nicht über ein direktes Ja oder Nein zu Israel zu lösen, sondern über neue Regeln. Bereits im November hatte sie Reformen angekündigt: Künftig sollen schon in den Halbfinals professionelle Jurys mit abstimmen. Außerdem sollen Werbekampagnen rund um die Beiträge strenger kontrolliert werden. Gemeint sind damit etwa politische oder staatlich unterstützte Kampagnen, die das Publikumsvoting beeinflussen könnten. Aus Israel hatte es zuletzt solche Aktionen gegeben.
Nach der Sitzung erklärte die EBU, ihre Mitglieder hätten eine „klare Unterstützung für Reformen zur Stärkung des Vertrauens und Schutz der Neutralität“ ausgedrückt. Damit, so die Botschaft, könnten alle Mitglieder teilnehmen, die diese Regeln akzeptieren.
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ESC 2026 ohne Spanien, Irland und die Niederlande: Warum der Boykott schwer wiegt
Doch der Versuch, den Konflikt über Regeln zu beruhigen, überzeugte nicht alle. Nach der Entscheidung in Genf zogen mehrere Sender Konsequenzen aus ihren Vorbehalten. Spanien, Irland, Slowenien und die Niederlande erklärten, 2026 nicht am Eurovision Song Contest in Wien teilzunehmen. Island folgte wenige Tage später.
Die Boykotte fallen allerdings unterschiedlich aus. Die Niederlande ziehen ihren Beitrag zurück, wollen den Wettbewerb aber weiter übertragen; auch Island nimmt nicht teil, strahlt den ESC aber im TV aus. Spanien, Irland und Slowenien gehen weiter: Ihre öffentlich-rechtlichen Sender wollen weder einen Beitrag schicken noch den Wettbewerb zeigen. Der irische Sender RTÉ begründete den Schritt unter anderem mit den „entsetzlichen menschlichen Verlusten im Gazastreifen“ und der humanitären Lage dort.
Slowenien macht aus dem Verzicht ein eigenes Programm. RTV Slovenia will während der ESC-Tage statt der Shows eine Reihe mit dem Titel Voices of Palestine zeigen, in der palästinensische Spiel- und Dokumentarfilme laufen.
Dass gerade diese Länder fehlen, trifft den ESC empfindlich. Spanien gehört zu den sogenannten Big Five, also zu jenen fünf Ländern, die den Wettbewerb finanziell besonders stark tragen und normalerweise automatisch im Finale stehen. Irland ist mit sieben Siegen das erfolgreichste Land der ESC-Geschichte, die Niederlande gewannen fünfmal. Der Protest kommt damit nicht aus der Peripherie des Wettbewerbs, sondern aus seinem historischen und institutionellen Zentrum.
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Israel beim Eurovision Song Contest: Regierung und Sender weisen Kritik zurück
Aus israelischer Sicht liest sich dieselbe Entscheidung ganz anders. Während mehrere Länder ihren Rückzug erklären, wertet Israel das Votum der EBU als Bestätigung. Staatspräsident Isaac Herzog sagte, Israel verdiene es, „auf jeder Bühne der Welt vertreten zu sein“, und dankte jenen „Freunden“, die für Israels Rechte eingestanden seien. Der ESC müsse, so Herzog weiter, für Musik, Freundschaft zwischen Nationen und kulturelle Verständigung stehen. Noch schärfer reagierte Außenminister Gideon Saar. Er nannte die Boykottankündigungen anderer Länder eine „Schande“.
Der israelische Sender Kan, der für den ESC-Beitrag zuständig ist, will an der Teilnahme festhalten. Kan-Direktor Golan Jochpaz sagte laut mehreren israelischen Medien, es gebe keinen Grund, Israel von einem kulturellen Ereignis auszuschließen, das „unter keinen Umständen politisch werden darf“.
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Dass der ESC „unter keinen Umständen politisch werden“ solle, wie Kan-Direktor Golan Jochpaz sagte, war schon in den vergangenen Jahren schwer einzulösen. Denn der Streit um Israels Teilnahme begann nicht erst mit der EBU-Entscheidung für Wien. Bereits beim ESC 2024 in Malmö und beim Wettbewerb 2025 in Basel hatte es Proteste gegen Israel gegeben. In Basel zeigte der spanische Sender RTVE vor dem Finale eine Botschaft, in der es hieß, Schweigen sei bei Menschenrechten keine Option; gefordert wurden „Frieden und Gerechtigkeit für Palästina“.
Umso auffälliger ist, wie zurückgenommen der israelische Beitrag für Wien wirkt. Für Israel tritt in diesem Jahr Noam Bettan mit „Michelle“ an, einer mehrsprachigen Popballade über einen Mann, der einer verlorenen Liebe nachtrauert und sich an gemeinsame Momente erinnert. Gesungen wird auf Hebräisch, Englisch und Französisch.
Eurovision Song Contest 2026: Die Startreihenfolge im Finale
- 01 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – „Før Vi Går Hjem“
- 02 Deutschland: Sarah Engels – „Fire“
- 03 Israel: Noam Bettan – „Michelle“
- 04 Belgien: Essyla – „Dancing On The Ice“
- 05 Albanien: Alis – „Nân“
- 06 Griechenland: Akylas – „Ferto“
- 07 Ukraine: Leléka – „Ridnym“
- 08 Australien: Delta Goodrem – „Eclipse“
- 09 Serbien: Lavina – „Kraj Mene“
- 10 Malta: Aidan – „Bella“
- 11 Tschechien: Daniel Zizka – „Crossroads“
- 12 Bulgarien: Dara – „Bangaranga“
- 13 Kroatien: Lelek – „Andromeda“
- 14 Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer – „Eins Zwei Drei“
- 15 Frankreich: Monroe – „Regarde!“
- 16 Moldau: Satoshi – „Viva, Moldova!“
- 17 Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen – „Liekinheitin“
- 18 Polen: Alicja – „Pray“
- 19 Litauen: Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“
- 20 Schweden: Felicia – „My System“
- 21 Zypern: Antigoni – „Jalla“
- 22 Italien: Sal Da Vinci – „Per Sempre Sì“
- 23 Norwegen: Jonas Lovv – „Ya Ya Ya“
- 24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – „Choke Me“
- 25 Österreich: Cosmó – „Tanzschein“
Dass der ESC 2026 in Wien stattfindet, liegt am Sieg des österreichischen Countertenors JJ, der 2025 in Basel mit „Wasted Love“ gewann. Österreich übernimmt damit nicht nur die Gastgeberrolle, sondern auch einen Konflikt, der sich über mehrere Wettbewerbe aufgebaut hat. Der ESC soll zeigen, dass Musik verbinden kann. Im Mai wird sich zeigen, wie weit diese Idee trägt.




