Sarah Engels liegt auf einem Podest, trägt ein weißes Kleid und Leder-Overknees – und reißt sich dann das Kleid vom Leib. Darunter: ein goldener Body. Der deutsche ESC-Beitrag „Fire“ will nicht zündeln, er will gleich die Brandschutzordnung der Wiener Stadthalle herausfordern. Nur ist das beim Eurovision Song Contest (ESC) so eine Sache: Wer als Zweites auftritt, brennt oft schon, bevor Europa überhaupt die Snacks geöffnet hat.
Über Startnummern kann man beim Eurovision Song Contest ungefähr so lange diskutieren wie über die Frage, ob Käse auf Fisch gehört. Fakt ist: Startplatz zwei gilt traditionell als undankbar. Noch nie hat ein Land von dort gewonnen. Dass Deutschland nichts reißen würde, war aber auch unabhängig davon nicht komplett überraschend. Egal ob Startnummer zwei oder drei: Dieses Feuer stand von Beginn an eher auf Teelicht als auf Flächenbrand.
- Meinung: Deutschland muss aus Bulgariens ESC-Triumph lernen
- „Bangaranga“: Kurioses ESC-Video zeigt, was TV-Zuschauer nicht sahen
- Showkritik: Deutschland brennt beim ESC nur auf Sparflamme
- Überblick: Das ESC-Ergebnis – Wer hat wie viele Punkte bekommen?
- Porträt: Das ist ESC-Siegerin Dara aus Bulgarien
Sarah Engels singt besser als „Fire“
An Sarah Engels’ Leistung liegt das Ergebnis nur bedingt. Sie singt ordentlich, sie wirkt präsent, sie wirft sich mit bemerkenswerter Entschlossenheit in diese Choreografie, lässt sich rückwärts in die Arme ihrer Tänzerinnen fallen. Das Problem ist eher der Song. „Fire“ tut so, als käme gleich der große Beyoncé-Moment.

Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man: Es ist nur ein Dupe aus dem Action-Regal bei Tedi. Es glitzert, es lodert, es wird gefallen, es wird gestanden, es wird wieder gelodert. Nur die Stimme, die Engels eigentlich hat, wird vom Song erstaunlich gut versteckt. Das muss man auch erst mal schaffen.
Thorsten Schorn klingt wie Kommentar-Onkel
„Was haben wir alles abgebrannt, jetzt geht der Spritpreis wieder hoch“, kommentiert der Moderator der deutschen Übertragung, Thorsten Schorn, nach dem Auftritt. Der Satz ist noch einer seiner harmloseren. Immer wieder rutscht der deutsche Kommentar an diesem Abend in einen Ton, der weniger nach liebevoller ESC-Ironie klingt als nach Alt-Männer-Humor mit Mikrofon.
Auch interessant
Gerade dieser Wettbewerb lebt von Überzeichnung und schrägen Gesten. Wer ihn kommentiert, muss diese Codes nicht ehrfürchtig behandeln. Aber er sollte sie auch nicht permanent von oben herab weglächeln.
Sarah Engels nimmt das Ergebnis später mit erstaunlicher Fassung. Sie wolle nicht, „dass Deutschland traurig ist“, sagt sie. Ihre Familie werde sie morgen genauso in den Arm nehmen wie gestern. Das ist sympathisch – und vermutlich die gesündeste Reaktion auf einen Wettbewerb, bei dem man zumindest etwas erleichtert ist, dass es nicht null Punkte geworden sind.
Bulgarien gewinnt mit „Bangaranga“-Bums
Gewonnen hat Bulgarien. Dara holt mit „Bangaranga“ den ersten ESC-Sieg für ihr Land – und das ziemlich deutlich. 516 Punkte, Platz eins bei Jury und Publikum, ein Partysong, der sein eigenes Kunstwort gleich mitliefert. Und was für eine Choreo! Bulgarien war nach dreijähriger Pause zurückgekehrt. Jetzt richtet das Land 2027 den Wettbewerb aus.
Vor dem Finale galt Finnland als Favorit. Linda Lampenius und Pete Parkkonen traten mit „Liekinheitin“ an, was übersetzt „Flammenwerfer“ heißt. Geige, Pathos, große Geste – eigentlich war alles da, was ein ESC-Sieg braucht. Und trotzdem ging der Beitrag an diesem Abend irgendwie unter. Nicht krachend, eher so, wie ein sehr teurer Nebeleffekt langsam ausläuft. Man wartete auf diesen einen Moment, in dem der Song die Halle packt und nicht mehr loslässt. Stattdessen stand Finnland am Ende auf Platz sechs und sah aus wie ein Favorit, der seinen eigenen Hype nicht ganz einholen konnte.
Israel singt aus dem Kreuzfahrt-Diamanten
Den zweiten Platz belegt Israel. Und das trotz des frühen Auftritts, bereits als dritter Act. Noam Bettan singt „Michelle“, einen Song über toxische Liebe, auf Englisch, Französisch und Hebräisch. Die Inszenierung beginnt in einem übergroßen Diamanten, der sich öffnet und den Sänger freigibt. Das ist natürlich subtil wie ein Heiratsantrag auf einem Kreuzfahrtschiff, funktioniert aber erstaunlich gut.

Bettan bringt mit, was beim ESC hilft: Kopfstimme, Streicher, Mitsingmoment, Leidensblick. In der Fernsehübertragung sind keine Buhrufe zu hören, im Green Room steht bei Israel allerdings nur die israelische Delegation – das war bei den anderen Beiträgen anders. Manchmal sagt beim ESC nicht nur der Applaus etwas, sondern auch, wer nicht mitklatscht.
Dabei versucht „Michelle“, hörbar unpolitisch zu sein. Ein Liebeslied, ein großer Refrain, kein offensichtliches Statement. Nur lässt sich Israels Teilnahme in diesem Jahr nicht aus dem politischen Kontext lösen. Spanien, Irland, die Niederlande, Island und Slowenien boykottieren den Wettbewerb wegen Israels Teilnahme und der Kriegsführung im Gazastreifen.
„Choke Me“ würgt sich nach vorn
Der ESC kann noch so oft betonen, unpolitisch zu sein – er ist es ungefähr so sehr wie ein Familienessen, bei dem alle vorher vereinbaren, nicht über Probleme zu sprechen. Fünf Minuten später liegt der erste Konflikt auf dem Tisch. Und trotzdem: Man würde sich wünschen, dass er unpolitisch ist. Denn es kann doch nicht sein, dass ein Künstler erhöhtes Sicherheitsmanagement benötigt, nur weil er aus einem bestimmten Land kommt.
Dass Rumänien auf Platz drei landet, ist einer der Momente, bei denen man kurz prüft, ob man versehentlich auf dem zweiten Bildschirm ein anderes Finale laufen hat. Alexandra Căpitănescu tritt mit „Choke Me“ an, einem Titel, der schon vorab Diskussionen auslöste. Der Song soll laut Sängerin nicht von gefährlichen sexuellen Praktiken handeln, sondern von einer erdrückenden Beziehung.

Pop darf natürlich unbequem sein, Pop darf über Begehren sprechen, Pop muss nicht immer pädagogisch eingehegt werden. Trotzdem: Platz drei ist für diesen Beitrag erstaunlich weit vorn. Musikalisch hätte dieser Abend andere Kandidaten gehabt, die dort plausibler gewirkt hätten.
Australien: Delta Goodrem fliegt aus dem Flügel
Australien macht derweil das, was Australien beim ESC gerne macht: Einmal alles, bitte. Delta Goodrem sitzt am Flügel, sieht aus wie eine Popkönigin kurz vor der Himmelfahrt und singt mit einer Stimme, die elastischer ist als jeder Gymnastikball. Irgendwann erhebt sie sich dann auch noch mehrere Meter aus ihrem Flügel.

„Eclipse“ ist groß, Delta Goodrem professionell, stimmlich beeindruckend. Vielleicht fast zu perfekt. Der ESC liebt große Stimmen – aber manchmal noch mehr das Gefühl, dass gleich etwas völlig Unvernünftiges und nicht Erwartbares passiert. Immerhin reicht es für Platz vier.
„Ya Ya Ya“ riecht nach Indie-Disco
Einen der schönsten Stilbrüche des Abends liefert Norwegen mit „Ya Ya Ya“. Sänger Jonas Lovv sieht aus wie der kleine Bruder von Freddie Mercury, mit Schnauzbart, Tattoos und karierter Lederlatzhose – ohne Oberteil darunter, versteht sich. Das sind sofort Indie-Disco-2005-Vibes.
Man möchte sich einen Long Island Ice Tea bestellen, auf der Tanzfläche einen süßen Indie-Boy nach Feuer fragen und später sehr überzeugt behaupten, The Killers hätten früher einfach anders geklungen. Der Song ist nicht unbedingt Siegermaterial. Aber er hat ein Gefühl. Und beim ESC ist das oft mehr wert als drei perfekt ausgeleuchtete LED-Wände.
Eurovision Song Contest 2026: Die Startreihenfolge im Finale
- 01 Dänemark: Søren Torpegaard Lund – „Før Vi Går Hjem“
- 02 Deutschland: Sarah Engels – „Fire“
- 03 Israel: Noam Bettan – „Michelle“
- 04 Belgien: Essyla – „Dancing On The Ice“
- 05 Albanien: Alis – „Nân“
- 06 Griechenland: Akylas – „Ferto“
- 07 Ukraine: Leléka – „Ridnym“
- 08 Australien: Delta Goodrem – „Eclipse“
- 09 Serbien: Lavina – „Kraj Mene“
- 10 Malta: Aidan – „Bella“
- 11 Tschechien: Daniel Zizka – „Crossroads“
- 12 Bulgarien: Dara – „Bangaranga“
- 13 Kroatien: Lelek – „Andromeda“
- 14 Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer – „Eins Zwei Drei“
- 15 Frankreich: Monroe – „Regarde!“
- 16 Moldau: Satoshi – „Viva, Moldova!“
- 17 Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen – „Liekinheitin“
- 18 Polen: Alicja – „Pray“
- 19 Litauen: Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“
- 20 Schweden: Felicia – „My System“
- 21 Zypern: Antigoni – „Jalla“
- 22 Italien: Sal Da Vinci – „Per Sempre Sì“
- 23 Norwegen: Jonas Lovv – „Ya Ya Ya“
- 24 Rumänien: Alexandra Căpitănescu – „Choke Me“
- 25 Österreich: Cosmó – „Tanzschein“
„Tanzschein“ ist wohl keine gute Idee
Für Österreich, den Vorjahressieger, wird es der vorletzte Platz, sogar hinter Deutschland. Cosmó fordert mit „Tanzschein“ sinngemäß eine Art Führerschein fürs Nachtleben. Das ist Quatsch, aber sehr guter Quatsch. Der Song klingt ein bisschen nach Bilderbuch, hat einen Tiktok-Tanz und bringt genau jene Leichtigkeit zurück, die man beim ESC braucht – so wie ein perfekt getimtes ZwiWa (Zwischenwasser).
Darüber ist man insbesondere froh, wenn die Einspieler mit der Moderatorin des Abends, Victoria Swarovski, kommen. Als „Professor Eurovision“ erklärt sie bedeutungsvolle ESC-Momente. Immerhin: die perfekte Zeitspanne für eine Zigarettenpause.
Deutschland brennt, aber der Funke fehlt
Der ESC 2026 balanciert wieder zwischen zwei Polen: Pathos und Quatsch. Genau darin liegt seine alte, unkaputtbare Kraft. Bulgarien gewinnt mit einem Partylied, Israel wird trotz Boykott Zweiter, Rumänien schiebt sich mit einem diskutierten Song auf Platz drei, Finnland verliert als Favorit an Glanz, Deutschland bekommt null Publikumspunkte. Das klingt wild. Es ist aber ziemlich ESC. Eine Show, die so tut, als ginge es nur um Musik, und gerade deshalb immer auch zeigt, worüber Europa nicht einig wird.
Für Deutschland bleibt die alte Erkenntnis: Ein guter Live-Auftritt reicht nicht, wenn der Song nicht trägt. Sarah Engels hat sich nicht blamiert. Sie hat aus „Fire“ vermutlich mehr herausgeholt, als darin steckte. Aber der ESC belohnt selten solide Pflichterfüllung. Er belohnt Momente, die hängen bleiben. Bulgarien hatte so einen Moment. Deutschland hatte Feuer. Nur leider keinen Funkenflug.



