Michelle, Michelle. Michelle: Die zentrale Textlinie des israelischen Beitrags für den Eurovision Song Contest 2026 ist dieses Mal so schlicht, dass ihn Zuschauer aller Länder mitsingen können. Im Zentrum der Bühne: ein gigantischer Diamant – laut israelischen Angaben ist es die größte Bühneninstallation im diesjährigen Wettbewerb.

Israel lässt sich den ESC jede Menge kosten. Im Jahr 2025 lag der Betrag bei 3,5 Millionen Schekel (eine Million Euro) – wobei die Kosten für Werbung noch nicht enthalten sind. Beigesteuert wurde er von zwei TV-Sendern, dem privaten Keshet 12 und dem öffentlich-rechtlichen KAN. In dem Betrag sind nicht nur Kosten für die Bühnenperformance und das Video enthalten, sondern auch hohe Ausgaben für die Sicherheit. Kein Team ist in größerer Gefahr, Opfer von Attacken zu werden, als das israelische.

ESC 2026: Heftige Vorwürfe gegen Israel im Vorjahr

Für das Land ist die ESC-Bühne eine seltene Gelegenheit, sein angekratztes Image aufzubessern. Ausnahmsweise ist Israel nicht als Kriegsnation im Gespräch – sondern als Teilnehmende an einem künstlerischen Wettbewerb, in dem nur Talent zählt. Aber ist das so?

Nach dem Wettbewerb im Vorjahr gab es Gerüchte über großangelegte Spekulationen beim Publikumsvoting. Da sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, hieß es, als der israelische Beitrag in den Augen der Jury nur den 14. Platz verdiente, vom Publikum jedoch zum Sieger gekürt wurde. Letztlich landete Israels Vertreterin Yuval Raphael mit „New Day Will Rise“ auf dem zweiten Platz. In diesem Jahr wurden daher die Regeln fürs Publikumsvoting angepasst.

Yuval Raphael aus Israel bei den Proben zum zweiten Halbfinale des ESC 2025.
Yuval Raphael aus Israel bei den Proben zum zweiten Halbfinale des ESC 2025.© Jens Büttner/dpa | Jens Büttner

Denn tatsächlich hatte man in Clips und Werbung auf Social Media dazu aufgerufen, 20 Mal für Yuval Raphael zu stimmen. 20 Anrufe, das ist die maximale Anzahl, die von einer Nummer erlaubt ist. Inzwischen hat die European Broadcasting Union (EBU), die den ESC organisiert, die Regel geändert: Nur noch zehn Anrufe sind erlaubt – und Werbung, die zu „Massenabstimmung“ aufruft, verboten. Dennoch wurden auch für den israelischen Beitrag 2026 entsprechende Spots geschaltet – ganz zum Missfallen der Kritiker.

ESC in Wien: Teilnahme ist für Israel politisch wichtig

In Israel herrscht deshalb Nervosität. Es geht darum, ein Debakel zu verhindern. Für das Land ist der Songcontest ein Ereignis, das in seiner Bedeutung weit über einen Musikwettbewerb hinausgeht. Es ist auch eine Mission in Sachen öffentliche Diplomatie. Das Team, das Israel beim ESC vertritt, ist Botschafter für ein Israel-Bild, das nichts mit Krieg und Besatzung zu tun hat. Es geht darum, die Herzen zu öffnen für ein Land, zu dem alle eine Meinung haben, ohne je da gewesen zu sein.

Wie bedeutend der ESC für Israel auch auf politischer Ebene ist, zeigte sich etwa im Jahr 2024. Damals kam es zum Konflikt zwischen dem israelischen Team und den ESC‑Veranstaltern. Der Song, der auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 anspielte, war nach dem Geschmack der ESC-Organisatoren zu stark politisch aufgeladen. Israel wurde von der EBU aufgefordert, den Beitrag zu ändern und etwas Neutrales, Unpolitisches einzureichen. Das sorgte in Israel bei vielen für Entsetzen.

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ESC 2026: Im Beitrag Israels geht es um die Liebe

In diesen Streit schaltete sich schließlich sogar Israels Staatspräsident Yitzchak Herzog ein. Er forderte das israelische Team auf, den Text zu ändern. „Klug zu sein bedeutet nicht nur, sich im Recht zu fühlen“, sagte er. Klug zu sein bedeute manchmal, nachzugeben. „Ich halte es für wichtig, dass Israel beim Eurovision Song Contest auftritt“, erklärte der Präsident. „Das ist auch ein Zeichen, denn es gibt Hasser, die versuchen, uns von jeder Bühne zu verdrängen.“ Letztlich schrieb Israel den Beitrag um. Statt „Oktoberregen“ hieß er nun „Hurrikan“ – und schaffte den fünften Platz.

Der diesjährige ESC-Beitrag „Michelle“ ist so angelegt, dass er Stereotype von jungen israelischen Männern untergraben soll. Man sieht hier nicht das oft transportierte Klischee eines männlichen Israelis – das eines kampfbereiten Soldaten. Das Thema des Songs: eine Liebe, die endet. Und ein Mann, der darunter leidet.

Israel beim ESC 2026: Noam Batan singt für seine Landsleute

Der junge Mann, der „Michelle“ so sehr betrauert, wird vom 27-jährigen Sänger Noam Bettan verkörpert. Bettan singt seinen Beitrag auf Französisch, Englisch und Hebräisch. Auch das ist ein Versuch, die Israelkritiker im europäischen Publikum in ihrer Muttersprache zu erreichen. Noam Bettan ist selbst zweisprachig aufgewachsen: Seine Eltern kommen aus Frankreich, er ist als einziger seiner Geschwister nach der Immigration der Familie nach Israel geboren.

Wie schon in den Jahren zuvor hat auch dieses Jahr die Teilnahme Israels am Songcontest für hitzige Debatten gesorgt. Mehrere Länder hatten sich dafür starkgemacht, Israel auszuschließen – als Grund wurde zumeist das Vorgehen des israelischen Militärs im Gazakrieg genannt, aber auch die zumindest fragwürdige Werbepraxis aus dem Vorjahr. Viele verwiesen zudem auf Russland, das nach seinem Überfall auf die Ukraine umgehend vom ESC ausgeschlossen wurde. Israel argumentiert hingegen, dass es selbst Opfer eines Überfalls war – nämlich seitens der Hamas. Hinzu kommt: Russland wurde auch wegen seiner strikten Kontrolle der Medien ausgeschlossen. In Israel gibt es dagegen einen freien Journalismus.

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Israel beim ESC: Sänger Bettan lässt sich in Proben ausbuhen – zum Üben

Das Gastgeberland Österreich machte sich für Israel stark – und sicherte damit dem Land letztlich die Teilnahme. Doch der Protest ebbt seither nicht ab. So hat Nemo aus der Schweiz aus Protest gegen Israels Teilnahme die ESC-Siegertrophäe von 2024 zurückgegeben. Mehrere Länder werden den diesjährigen Bewerb aus demselben Grund boykottieren.

Wie angespannt die Atmosphäre ist, zeigte auch der Eurovision Song Contest 2025 im schweizerischen Basel. Während der Performance der israelischen Sängerin Yuval Raphael gab es Buh-Rufe. Das sorgte in Israel für Entsetzen – schließlich handelt es sich bei der Sängerin um eine Überlebende des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023. Raphael musste dort mitansehen, wie um sie herum junge Festivalbesucher von der Hamas ermordet wurden.

Um auf alle Zwischenfälle gefasst zu sein, lässt sich Noam Bettan von seinem Team in den Proben regelmäßig ausbuhen, erzählte er in Interviews. An seinem Song hat seine ESC-Vorgängerin Yuval Raphael mitgeschrieben. In Israel setzt man große Hoffnungen in „Michelle“ – und die internationalen Wettportale enttäuschen vorerst nicht. Sie sehen den israelischen Beitrag derzeit auf dem fünften oder sechsten Platz.