Fast könnte man meinen, es handele sich um zwei verschiedene Städte: Hier der Ölberg in Wuppertal-Höchsten (Elberfeld), wo die Linke bei fast 30 Prozent liegt – dort Oberbarmen, wo die AfD bei der Kommunalwahl in Wuppertal mit ähnlich hohem Stimmenanteil punktet. Dabei trennen beide Stadtteile nur knapp sieben Kilometer. Wie kann es sein, dass Wuppertal politisch so gespalten ist? Wir haben uns auf den Weg gemacht, um Antworten zu finden.
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Oberbarmen: „Ein völlig durchmischter Stadtteil“
Der Berliner Platz – er ist das Zentrum von Oberbarmen. In der prallen Mittagssonne begegnen sich hier Menschen unterschiedlichster Herkunft. Cafés und Geschäfte mit griechischen, türkischen und arabischen Namen prägen das Straßenbild. Daneben sind auch die Probleme ganz offensichtlich: Leerstände, Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum, fehlende Fachgeschäfte, runtergekommene Häuser.
„Oberbarmen ist ein völlig durchmischter Stadtteil“, erklärt Oberbarmens Bezirksvertreter Wolfgang Herkenberg im Gespräch. „Wir haben Einfamiliengebiete, fast dörfliche Bereiche, aber auch Hochhaussiedlungen und einen großen Bestand an Altbauten in Wichlingshausen und Oberbarmen.“
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Eine Mischung, die Teil des Problems zu sein scheint. In einigen Vierteln Oberbarmens leben besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund – ein Umstand, der laut Herkenberg zu Spannungen führt: „Probleme tauchen natürlich auch in den unterschiedlichen kulturellen Ausrichtungen auf. Ganz klar.“
Der Ölberg lebt und feiert die Vielfältigkeit der Menschen
Zur gleichen Zeit herrscht auf der Luisenstraße gähnende Leere. Wo sonst die Gastro das Bild bestimmt, ist gegen 13 Uhr noch nicht viel los. Thomas Kring, der Bezirksbürgermeister von Elberfeld und gebürtiger Ölberger, sieht – anders als in Oberbarmen – in der Vielfalt der Menschen eine Stärke des Quartiers: „Sowohl der Wahlbezirk Höchsten als auch Hombüchel waren schon in den 50er- und 60er-Jahren die ersten Migrationsziele in Wuppertal.“
Und diese durchmischte Nachbarschaft mit vielen jungen Menschen, aber auch alteingesessenen Ölbergern sei das, was die Bewohner hier lieben, sagt Bezirksbürgermeister Kring.

Liegt der Unterschied zwischen Oberbarmen und der Nordstadt also nicht in der Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, sondern im Umgang miteinander? „Hier gibt es eine lebendige Nachbarschaft“, sagt Kring. Durch Initiativen und eine progressive Grundeinstellung ist „das Gefühl, abgehängt zu sein, nicht so bedeutsam, auch wenn es in der Nordstadt viele Menschen mit geringem Einkommen gibt“.
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Wuppertal – eine Stadt, zwei Welten?
Im Stadtbezirk Oberbarmen gibt es eine besonders prekäre soziale Situation. „Wir haben überdurchschnittlich viele Menschen in Oberbarmen, die vom Bürgergeld leben,“ sagt Wolfgang Herkenberg. Mit Armut und Arbeitslosigkeit ergänzen weitere Faktoren die Probleme des östlichen Stadtbezirks, auch der Mangel an Kindertagesstätten und die Schulsituation, es fehlt eine Gesamtschule in Oberbarmen.
Alltägliche Themen wie die Tempo-30-Zone auf der B7, der Hauptverkehrsstraße Berliner Straße, sind das, was die Menschen umtreibt, sagt Herkenberg. „Es ärgert natürlich viele, die da von Oberbarmen bis Wupperfeld im Schneckentempo über die Hauptstraße fahren müssen. Sowas bringt viele auf die Palme. Und deshalb auch AfD-Protest.“
Man müsste mal gucken: Wo sind die Leute finanziell nicht so gut aufgestellt? Und was bedeutet das dann eben auch fürs Mitmachen bei der Demokratie?
Anja Liebert, Mitarbeiterin des Jobcenter in Oberbarmen
Die Wahlbeteiligung in Wuppertal ist ein Faktor
Wir treffen Anja Liebert auf der Straße in Oberbarmen. Sie arbeitet im Job-Center in diesem Stadtbezirk. Sie sieht in diesem sozialen Gefälle eine Erklärung für die unterschiedlichen Wahlergebnisse: „Es ist auch so ein bisschen die Verteilung von Arm und Reich. Die Talachse in Wuppertal, das ist auch eine Art Armutsachse.“
Sie verweist auf die niedrige Wahlbeteiligung in den Bezirken mit hohem AfD-Anteil: „Da, wo eine hohe Wahlbeteiligung ist, da hat die AfD auch nicht so viele Stimmen, weil die bürgerliche Mitte dort viel mehr wählen geht.“

Politikwissenschaftler Detlef Sack von der Universität Wuppertal bestätigt das: „Je niedriger Ihr formaler Bildungsgrad, je weniger Einkommen Sie haben, je schwieriger es ist, am Monatsende die Rechnungen zu bezahlen und je ungepflegter das Viertel ist, in dem Sie wohnen – umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie das Gefühl haben: Die Politik hört nicht auf Leute wie mich.“ Menschen bleiben Wahlen dann fern.
Die Elberfelder Nordstadt wählt zu fast 70 Prozent links
In den Wahlbezirken Hombüchel und Höchsten, die beiden Elberfelder Quartiere, in denen die Linke bei der Ratswahl stärkste Kraft war, liegt die Wahlbeteiligung um die 50 Prozent – und damit höher als in Oberbarmen. Bemerkenswert ist aber nicht nur, das die Linkspartei dort gewinnen konnte. Auch die Verteilung der anderen Stimmen sticht hervor:
- Auf Platz zwei bei der Ratswahl landet die SPD mit über 20 Prozent, dann die Grünen mit je über 16 Prozent – und erst dann folgt CDU unter der zehn Prozent-Marke. Die Elberfelder Nordstadt wählt also zu fast 70 Prozent links der Mitte.

„Das war hier schon immer so“, erzählt Carsten Hahn. Seine Oma ist 1904 hier geboren, er hat am Otto-Böhne-Platz – ein nach einem Wuppertaler Kommunisten benannter Ort, der für seine Überzeugungen in ein KZ deportiert wurde – sein Geschäft. Und weil der Ölberg so bekannt für seine linke Szene ist, ziehen hier auch viele Menschen mit linker Gesinnung hin, vermutet Hahn.
Berliner Platz und Otto-Böhne-Platz stehen sinnbildlich für die zwei Wuppertaler Welten
Das sieht auch Politikwissenschaftler Detlef Sack so: „Das sind sogenannte Ansteckungseffekte. Die kennen wir aus der Migrationssoziologie. Menschen siedeln sich dort an, wo Menschen die gleiche Sprache sprechen wie sie, die gleiche Musik hören wie sie und mit denen sie die gleichen Werte teilen.“
Nicht nur das Wahlergebnis spiegelt den Ölberg wieder. Auch Graffitis, Sticker und Plakate verraten die vorherrschende politische Einstellung in der Nachbarschaft. „Eine rote Zukunft erkämpfen! Heraus zum 1. Mai!“ steht in roter Schrift an eine Häuserwand geschrieben. Am gegenüberliegenden Straßenschild steht „1. Mai Nazi frei“.
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Andersrum werden am Berliner Platz nicht nur die Gründe für die geringe Wahlbeteiligung, sondern auch für das erfolgreiche Abschneiden der AfD deutlich, sagt Detlef Sack: „Oberbarmen erfüllt viele Aspekte eines Problemviertels: Stärkere Vermüllung, höhere Gewaltkriminalität, schlechtere Infrastruktur, Abstiegsängste. Diese Probleme sind politisch mittlerweile rechtspopulistisch gerahmt.“
Fremd- und Eigenwahrnehmung in der Elberfelder Nordstadt
Die Probleme, die die Menschen in der Elberfelder Nordstadt umtreiben, sind laut Bezirksbürgermeister Kring andere als in Oberbarmen. „Durch die dichte Bebauung und die hohe Bevölkerungsdichte, entstehen Diskussionen um den öffentlichen Raum: Parkplätze, gemeinsame Freiflächen und wie man sie nutzen kann“, sagt der SPD-Politiker. Für ihn fühlt sich die Nordstadt wie ein „dichtbesiedeltes Dorf in der Stadt“ an.
Aber auch am Ölberg gibt es Probleme. Der Otto-Böhne-Platz zum Beispiel wirkt auch tagsüber eher düster, der Geruch von Cannabis liegt in der Luft. Die hohen Bäume über der kleinen Grünfläche können den Männern in ihren augenscheinlich jahrealten Lederjacken auf den Parkbänken zwar Schatten spenden. Aber sie können den Müll in den Ecken, den bemoosten gepflasterten Platz und die mit Graffiti beschmierten Wände nicht kaschieren.
Das „Altbauten-Phänomen“ in Wuppertal
Die Unterschiede scheinen gar nicht so gravierend zu sein in den beiden Quartieren. Sowohl am Ölberg als auch in Oberbarmen gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, vergleichsweise geringes Einkommen, enge und dichte Besiedlung von Menschen verschiedener Altersgruppen. An beiden Orten beschäftigen sich die Bürger mit Verkehr und Infrastruktur. Der einzige Unterschied liegt auf den ersten Blick in der Gemeinschaft innerhalb der Nachbarschaft.

Sinnbildlich für den Unterschied zwischen den Stadtteilen können die Altbauten sein. Was am Ölberg als hippes Wohnideal gilt, ist in Oberbarmen oft Symbol des Verfalls. Ein Altbau am Ölberg verspricht ein „wokes“ Lebensgefühl.
In Oberbarmen hingegen bedeutet „Altbau“ oft etwas ganz anderes: heruntergekommene, sanierungsbedürftige Häuser entlang stark befahrener Straßen, mit schlechter Bausubstanz und vernachlässigten Fassaden. Die gibt es aber wohlgemerkt auch am Ölberg. Die gleiche Bausubstanz, aber zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen, mit den Umständen der Stadtteile umzugehen – ein Sinnbild für die Spaltung der Stadt.
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