Es ist ein Samstagabend vor über 15 Jahren, als die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Inga Körte am MRT-Scanner sitzt, um an ihrer Studie zu Schädel-Hirn-Traumen zu arbeiten. In der jungen, gesunden Kontrollgruppe sind auch ein paar Amateurfußballspieler. Als die Forscherin deren Gehirn unter die Lupe nimmt, wird sie stutzig: „Der venöse Blutabfluss aus dem Gehirn sah den Bildern von Schädel-Hirn-Trauma-Patienten erstaunlich ähnlich. Also fragten wir uns, was diese Gruppe besonders macht, und kamen darauf: Sie alle spielten viele Kopfbälle.“
2011 veröffentlicht Körte eine kleine Studie dazu – die erste von vielen weiteren der Münchner Professorin. Im Interview mit dieser Redaktion erklärt sie, wie gefährlich die Kopfball-Erschütterungen fürs Gehirn sind, welche überraschenden Mechanismen dabei in Gang gesetzt werden und was die dramatischen Folgen sein können.
Was Kopfbälle im Gehirn auslösen
Frau Prof. Körte, welche Veränderungen im Gehirn konnten Sie in Ihren Studien nachweisen?
Prof. Dr. Inga Körte: Der erste Befund, den wir hatten, war die Veränderung des Blutflusses, die sich seither in ganz unterschiedlichen Kohorten mehrfach bestätigt hat. Dann fanden wir Veränderungen in der weißen Substanz, ein schnelleres Altern der grauen Substanz, einen gestörten Hirnstoffwechsel und Anzeichen chronischer neuronaler Entzündungen. Dennoch spricht kaum jemand darüber, was das Kopfballtraining mit dem Gehirn macht.
Über die neurodegenerative Erkrankung CTE als Folge von Zusammenstößen beim Football spricht man mittlerweile zumindest in den USA recht häufig …
Die Frage „Wer bekommt CTE?“ dominiert zwar die Medien, geht aber am eigentlichen Bedarf vorbei. Denn eigentlich müssten wir uns für die vielen Millionen unter der Wasseroberfläche interessieren – Menschen ohne klinisch kategorisierbare Diagnose, aber mit Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen, Beziehungsschwierigkeiten, Selbstmordgedanken. CTE selbst ist nur ein möglicher Ausgang des Ganzen. Es gibt vermutlich auch weitere Risikofaktoren wie genetische Faktoren, die beeinflussen, wie drastisch die Folgen der wiederholten Erschütterungen des Gehirns sind.
Gibt es valide Zahlen dazu, wie viele Menschen betroffen sein könnten? In Zahlen aus den USA ist davon die Rede, dass mindestens ein Viertel der NFL-Sportler betroffen sind.
Leider nicht. Aber zu denken, dass es unserem sehr vulnerablen und recht ungeschützten Gehirn nichts ausmacht, hin- und hergeschleudert zu werden, ist aus neurobiologischer Sicht schwer nachvollziehbar. Große epidemiologische Studien aus Schweden und Schottland haben anhand von Gesundheitsregistern untersucht, ob ehemalige Profifußballspieler häufiger an neurodegenerativen Erkrankungen leiden beziehungsweise daran versterben.
Da hat man festgestellt, dass es fast viermal häufiger Demenz war als in der Allgemeinbevölkerung. Man muss also davon ausgehen, dass Betroffene nicht nur ein erhöhtes CTE-Risiko haben, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Alzheimer, Parkinson und ALS. Sich nur auf CTE zu fokussieren, macht das Problem aus meiner Sicht kleiner, als es ist.
Der Kopf muss gar nicht aufschlagen, um verletzt zu werden
Braucht es denn starke Erschütterungen, um Mikrotraumen im Gehirn auszulösen?
Es braucht gar keinen Aufprall, es reichen die reine Beschleunigung und Entschleunigung, wie es bei vielen Kontaktsportarten der Fall ist. Auch ein Bodycheck oder ein Tackle genügt, ohne dass der Kopf irgendwo aufschlägt. Dabei bewegt es sich im knöchernen Schädel hin und her; die umgebende Flüssigkeit puffert das nur teilweise ab. Das Gehirngewebe selbst ist sehr weich und verletzlich – eigentlich wie Panna cotta.

Was passiert da genau im Kopf?
Im Gehirn gibt es die funktionellen Nervenzellen und die Verbindungen zwischen ihnen – die Axone – machen die weiße Substanz aus. Das sind quasi die Kabel zwischen den Zellen. Bei der Bewegung werden diese Axone gestaucht oder in die Länge gezogen. Das kann dazu führen, dass sie so gedehnt werden, dass ihre Funktion gestört ist, oder sie reißen sogar. Im Labor kann man unter dem Mikroskop sehen: Zupft man an so einer Zelle, funktioniert der „Datenstrom“ nicht mehr richtig, die Zelle muss sich reparieren, Entzündungsprozesse laufen an. Das ist eine ganze Reparaturkaskade. Passiert das an vielen Stellen gleichzeitig, hat das Gehirn viel zu tun.
Und wenn man bedenkt, dass Fußball- oder American-Football-Spieler Tausende solcher Erschütterungen pro Saison abbekommen, über viele Saisons hinweg, summiert sich das. Das Gehirn ist dann ständig mit der Reparatur kleiner Mikroverletzungen beschäftigt. Manche Gehirne kommen eine Zeit lang damit klar, bei anderen beschleunigen sich Alterungsprozesse, und bei manchen kommt es – vielleicht in Kombination mit weiteren Risikofaktoren – zu einem Kipppunkt, an dem eine neurodegenerative Erkrankung entsteht. CTE ist eine davon.
Kognitive Tests: Fußballer schneiden schlechter ab
Wie wirken sich Kopfbälle konkret auf kognitive Leistungen aus?
Wir haben eine Gruppe junger Nachwuchstalente untersucht, die mindestens drei- bis viermal pro Woche trainierten, und mit einer Kontrollgruppe aus Sportarten ohne Kontakt verglichen. Das waren unterschiedliche kognitive Tests über eine ganze Saison hinweg. Während die Kontrollgruppe stetig besser wurde – heißt: die Jugendlichen lernten dazu, wie es in dem Alter normal ist –, blieben die Fußballer über vier Monate praktisch gleich. Untersucht man Fußball-Kids, die noch kein Kopfballtraining durchführen, zeigen sich diese Unterschiede zu anderen Kindern nicht.
Kopfballverbot für Kinder: Was sagt die Wissenschaft?
In England ist das Kopfballtraining unter 11 Jahren verboten …
Das impliziert allerdings, dass es für Jugendliche und Erwachsene nicht mehr problematisch ist. Für eine solche Altersgrenze gibt es bislang jedoch keine wissenschaftliche Grundlage.
Der Deutsche Fußballbund sagt hier, man wolle es nicht verbieten, sondern lieber die richtige Technik trainieren. Wie finden Sie das?
Wenn man Kopfbälle weiterhin als Teil des Fußballs beibehalten möchte, sollte man selbstverständlich versuchen, die Risiken so weit wie möglich zu reduzieren. Eine gute Kopfballtechnik kann dabei ein Teil der Strategie sein. Allerdings fehlen uns bislang wissenschaftliche Belege dafür, dass sich mögliche langfristige Folgen dadurch verhindern lassen.
Welche Symptome können wiederholte Kopfbälle auslösen?
An welchen Symptomen macht sich das denn bemerkbar?
Viele Betroffene entwickeln chronische Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen wie Planen und Strukturieren, Aufmerksamkeitsprobleme. Auch Wesensveränderungen sind möglich oder Depressionen. Das Problem ist: Solange wir das nicht systematisch erfassen, gibt es dazu keine belastbaren Zahlen.
Kommt jemand mit Gedächtnisproblemen, Kopfschmerzen und Schwindel zum Hausarzt, wird kaum einer gefragt, ob früher intensiv Fußball gespielt und viele Kopfbälle geübt wurden. Aktuell kommen die verlässlichsten Daten retrospektiv aus Todesbescheinigungen. Und da sehen wir: Wer viel exponiert war, hatte ein deutlich überdurchschnittliches Demenzrisiko.
Aber kann sich so ein Gehirn nicht auch wieder erholen?
Eine sehr gute Frage, die ich gerne beantworten würde, aber nicht kann – alles dazu wäre Spekulation. Das Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das auch extrem viel wegstecken kann. In einer Studie mit kanadischen Eishockeyspielern haben wir vor und nach der Saison sowie nach einer zweimonatigen spielfreien Pause die Gehirne untersucht.
Lesen Sie auch
Lesen Sie auch
Die meisten hatten sich vollständig erholt. Eine kleinere Gruppe erholte sich jedoch nicht mehr – interessanterweise genau die, die laut Helm-Sensordaten die stärksten Erschütterungen abbekommen hatten. Das ist zumindest ein Hinweis darauf, dass sich das Gehirn bei ausreichender Ruhe regeneriert. Aber wir wissen nicht, ab wie vielen Erschütterungen es einen Point of no Return gibt und bei wem möglicherweise auch leichte Erschütterungen ausreichen, um langfristig schwere Folgen zu haben.









