Barbara, eine Klientin in unserer Praxis, sagte einen Satz, der mich seitdem begleitet: „Ich bin seit 41 Jahren verheiratet. Und seit zwei Jahren bin ich allein, obwohl er jeden Tag neben mir frühstückt.“ Ihr Mann, den sie liebevoll „mein Reinhold“ nennt, hatte einen Schlaganfall. Er erkennt sie und lächelt manchmal – und trotzdem vermisst sie den Mann, mit dem sie früher Kreuzworträtsel löste.
Genau darum geht es hier: um Trauer in einer Partnerschaft, obwohl der andere noch da ist – und darum, wie Liebe unter Pflege weiterleben kann. Wer das erlebt, spricht oft kaum darüber, weil „Ich vermisse jemanden, der nicht weg ist“ undankbar klingen kann. Dabei betrifft häusliche Pflege Millionen: Ende 2023 waren in Deutschland 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig, 86 Prozent wurden zu Hause versorgt. Zwei Drittel wurden dort überwiegend von Angehörigen betreut. Wir – das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden – erklären, wie man sich in dieser herausfordernden Lebensphase als Paar nicht verliert.
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Uneindeutiger Verlust: Wenn der Partner da ist und doch fehlt
Die US-Familientherapeutin Pauline Boss prägte in den 1970er-Jahren den Begriff „ambiguous loss“, auf Deutsch etwa „uneindeutiger Verlust“. Gemeint ist: Ein Mensch ist körperlich anwesend, psychisch oder emotional aber nicht mehr so erreichbar wie früher, etwa bei Demenz oder nach einer Hirnverletzung. Das Tückische daran ist, dass es keinen klaren Abschied und oft auch kein gesellschaftliches Ritual für diese Trauer gibt.
Dazu kommt ein Rollenwechsel, der es in sich hat. Aus der Geliebten kann die Pflegerin werden, aus dem Ehemann derjenige, der Tabletten, Arzttermine und Anträge organisiert. So auch bei Barbara. Als Sexualtherapeuten haben wir ihr geholfen zu verstehen, dass erotische Nähe schwerfallen kann, wenn man die Inkontinenzeinlage des Partners wechselt oder andere sehr intime Pflege übernimmt – auch wenn das nicht für jedes Paar und nicht in jeder Phase gilt.
Schwindende Anziehung in Beziehungen
Nähe und Sexualität in der Pflege: Warum Begehren schwerfallen kann
Begehren braucht für viele Menschen ein Gefühl von Gegenüber, Freiheit und manchmal auch ein wenig Geheimnis. Pflege braucht dagegen häufig Planung, Kontrolle und Routine. Beides kann nebeneinander bestehen, aber es ist anspruchsvoll – und es ist kein persönliches Versagen, wenn Sexualität sich verändert oder zeitweise verschwindet.
Wie groß die Belastung sein kann, zeigt eine Metaanalyse von Martin Pinquart und Silvia Sörensen aus dem Jahr 2011. Sie wertete 168 Studien mit insgesamt 64.346 pflegenden Ehepartnern, erwachsenen Kindern und Schwiegerkindern aus. Pflegende Ehepartner berichteten im Schnitt mehr depressive Symptome, stärkere körperliche und finanzielle Belastungen und ein geringeres psychisches Wohlbefinden als pflegende Kinder oder Schwiegerkinder.
Sprich: Wer sich selbst völlig aus dem Blick verliert, gefährdet am Ende womöglich auch die eigene Kraft für den Menschen, den er pflegt. Die berühmte Sauerstoffmaske im Flugzeug – erst die eigene aufsetzen, dann die des Nachbarn – ist zwar ein oft bemühtes Bild. Aber es trifft einen wichtigen Punkt. Und niemand würde einen Flugbegleiter dafür der Selbstsucht bezichtigen.
Formen von Demenzerkrankungen
| Alzheimer-Krankheit | Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form von Demenz und betrifft vor allem ältere Menschen. Sie tritt allmählich auf und beeinträchtigt Gedächtnis, Denken und Verhalten. |
| Vaskuläre Demenz | Die vaskuläre Demenz entsteht durch eine Schädigung der Blutgefäße im Gehirn, beispielsweise durch Schlaganfälle oder Durchblutungsstörungen. Die Symptome können je nach betroffenem Bereich des Gehirns variieren. |
| Lewy-Körper-Demenz | Bei der Lewy-Körper-Demenz sammeln sich sogenannte Lewy-Körper im Gehirn an, die zu Störungen in der Informationsverarbeitung führen. Die Symptome ähneln oft denen der Parkinson-Krankheit. |
| Frontotemporale Demenz | Die frontotemporale Demenz betrifft vor allem die Bereiche des Gehirns, die für Verhalten, Persönlichkeit und Sprache zuständig sind. Die Symptome können je nach betroffenem Bereich sehr unterschiedlich sein. |
| Gemischte Demenz | Bei der gemischten Demenz treten mehrere Formen von Demenz gleichzeitig auf, beispielsweise Alzheimer-Krankheit und vaskuläre Demenz. |
Das heißt aber nicht, dass Pflege zwangsläufig nur Verlust und Überforderung bedeutet. Sie kann auch Nähe, Sinn und Verbundenheit stärken, und nicht jede Partnerschaft erlebt dieselben Veränderungen gleich. Wie belastend Pflege wird, hängt auch von Gesundheit, Pflegedauer, finanzieller Lage, Unterstützung und geteilter Verantwortung ab.
Entlastung für pflegende Angehörige: Was im Alltag hilft
Gerade deshalb lohnt es sich, früh nach kleinen Entlastungen zu suchen – nicht erst dann, wenn die eigenen Kräfte bereits aufgebraucht sind.
1. Geben Sie der Trauer einen Namen
Sie dürfen um jemanden trauern, der noch lebt, den Menschen von früher vermissen und zugleich den lieben, der heute da ist. Pauline Boss nennt das „Sowohl-als-auch-Denken“, zwei scheinbar gegensätzliche Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten – „Ich liebe ihn“ und „Ich vermisse den Menschen von früher“.
2. Erlauben Sie sich die verbotenen Gefühle
Auch Wut, Ekel, Neid oder Fantasien von einem anderen Leben können unter hoher Belastung auftauchen, ohne etwas Grundsätzliches über Ihre Liebe oder Ihre Beziehung auszusagen. Gefühle sind keine Charakterzeugnisse. Werden sie dauerhaft weggeschoben, können sie sich als Gereiztheit, Schlaflosigkeit oder Erschöpfung bemerkbar machen.

3. Trennen Sie Pflegezeit und Paarzeit
Wo es möglich ist, geben Sie besonders intime Pflegetätigkeiten teilweise an einen Pflegedienst ab. Nicht, weil Sie es nicht könnten, sondern um sich einen Rest Partnerschaft zu bewahren. Schaffen Sie kleine Inseln, in denen Sie ein Paar sind statt einer Versorgungseinheit: Gemeinsam Musik hören, alte Fotos anschauen oder einfach die Hand halten, ohne dass dabei ein Blutdruck gemessen wird. Nähe muss nicht mehr so aussehen wie früher, um Nähe zu sein.
Nutzen Sie dabei auch die Entlastungsleistungen der Pflegeversicherung. Dazu gehören etwa der Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro monatlich sowie seit Juli 2025 ein gemeinsamer Jahresbetrag von bis zu 3539 Euro für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege.
Ihre Beziehungsfrage, Ihre Geschichte – schreiben Sie uns!
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Oder haben Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen? Schreiben Sie uns einfach unter beziehung@funkemedien.de – auf Wunsch auch anonym. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.
Gerne leiten wir Ihre Fragen auch an unsere Beziehungsexperten weiter, wie etwa das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden. Sie geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.
4. Pflegen Sie ein Stück eigenes Leben – klein und regelmäßig
Die große Auszeit, die irgendwann kommen soll, kommt oft nie. Wirksamer sind kleine feste Rituale: der Spaziergang, der Chor, die halbe Stunde Yoga oder das Treffen mit einer Freundin. Entscheidend ist nicht, wie groß diese Auszeit ist, sondern dass sie regelmäßig stattfindet.
5. Suchen Sie sich einen Ort zum Reden
Pflegestützpunkte beraten, Pflegekassen bieten kostenlose Pflegekurse an, und Angehörigengruppen oder psychologische Beratung können einen Ort schaffen, an dem Sie einmal nicht funktionieren müssen. Wenn Schlaf, Appetit oder Lebensfreude über Wochen deutlich wegbrechen, holen Sie sich ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung.
Barbara hat inzwischen den Pflegedienst für die Morgenroutine, geht dienstags schwimmen und liest ihrem Mann abends wieder vor – manchmal ruft er ein falsches Kreuzworträtselwort dazwischen, und beide lachen. Es ist eine Liebe in einer anderen Tonart, leiser und brüchiger, aber sie ist noch da. Und sie hält länger, wenn die, die sie trägt, gelegentlich auch sich selbst trägt.
Ihre Paartherapeuten Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden





