Der Gardasee ist vieles zugleich: Sehnsuchtsort deutscher Urlauber, Postkartenkulisse zwischen Bergen und Zypressen, Revier für Segler, Wanderer und Familien. Doch die Schönheit des größten Sees Italiens hängt nicht nur an seiner Kulisse. Sie hängt auch vom Zustand seines Wassers ab.

Anfang April 2026 ist dort etwas passiert, das selbst Fachleute aufhorchen lässt: Der Gardasee hat sich vollständig durchmischt – zum ersten Mal seit dem Winter 2006, wie es in einer Mitteilung der Autonomen Provinz Trient heißt. Demnach gelangte sauerstoffreiches Wasser von der Oberfläche bis in die tiefsten Bereiche des Sees, bis auf rund 270 Meter. Zugleich konnte nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben steigen.

Gardasee-Durchmischung: Warum der Sauerstoff in der Tiefe so wichtig ist

Um zu verstehen, warum dieses Ereignis so besonders ist, hilft ein Blick in den See. Wie das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erklärt, bilden tiefe Seen im Jahresverlauf unterschiedliche Wasserschichten aus. Oben befindet sich meist wärmeres Wasser, unten kälteres. Diese Schichten vermischen sich nicht automatisch, weil warmes und kaltes Wasser unterschiedlich schwer sind. Vereinfacht gesagt entsteht dadurch eine unsichtbare Trennlinie im See. Bleibt sie über längere Zeit bestehen, kann in der Tiefe Sauerstoff knapp werden, weil kein frisches Oberflächenwasser mehr dorthin gelangt.

Bei einer vollständigen Durchmischung wird sauerstoffreiches Wasser von der Oberfläche nach unten transportiert. Gleichzeitig steigt nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben. Für Kleinstlebewesen, Fische und das gesamte ökologische Gleichgewicht ist dieser Austausch entscheidend. Er versorgt die unteren Wasserschichten mit Sauerstoff und verteilt Nährstoffe neu im See. In der Mitteilung der Provinz Trient heißt es deshalb, der Gardasee atme wieder „in der Tiefe“.

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Damit sich ein tiefer See bis zum Grund durchmischt, müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Zunächst müssen sich die Temperaturen der verschiedenen Wasserschichten annähern. Erst dann wird die Trennung zwischen warmem Oberflächenwasser und kälterem Tiefenwasser schwächer. Kommt in diesem Moment starker Wind hinzu, kann er die Wassermassen in Bewegung setzen und den Austausch bis in große Tiefen anstoßen.

Genau diese Kombination sei Anfang April am Gardasee zusammengekommen, teilte die Provinz Trient mit. Demnach half ein kräftiger Nordwind, der über das Trentino zog. Die Messungen der Umweltagentur APPA hätten anschließend eine nahezu einheitliche Temperatur im Wasserkörper gezeigt. Außerdem sei der Sauerstoffgehalt in der Tiefe deutlich gestiegen.

Klimawandel erschwert Durchmischung tiefer Seen

Dass sich der Gardasee überhaupt vollständig durchmischt, ist nicht selbstverständlich. Tiefe Seen schaffen das oft nur in besonders günstigen Wintern oder Frühjahren. Häufig bleibt es bei einer teilweisen Durchmischung, bei der nur die oberen Wasserschichten erfasst werden. Der Grund des Sees bleibt dann von der Erneuerung abgeschnitten.

Wie problematisch das werden kann, zeigt der Blick an den Bodensee. Im Winter 2025 sei die vollständige Durchmischung des gesamten Sees erneut ausgeblieben, heißt es beim Institut für Seenforschung in Langenargen. Das Wasser habe sich damit bereits im achten Jahr in Folge nicht ausreichend bis zur tiefsten Stelle in 251 Metern bewegt. Nur in flacheren Bereichen wie der Bregenzer Bucht und dem Überlinger See sei eine Durchmischung bis zum Grund festgestellt worden.  

Der Klimawandel verstärkt dieses Problem. Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei weist darauf hin, dass sich Seen durch steigende Temperaturen verändern. Vor allem das Oberflächenwasser erwärmt sich. Dadurch bleibt die Trennung zwischen warmem Wasser oben und kaltem Wasser unten länger bestehen. Je stabiler diese Schichtung ist, desto schwerer kann Wind die Wassermassen vermischen.

Gerade deshalb ist die Freude in Norditalien nun so groß: Nach zwei Jahrzehnten hat am Gardasee ein natürlicher Prozess funktioniert, der bei tiefen Seen immer seltener gelingt.