Die Badesaison hat eben erst begonnen und schon sind die ersten Menschen ertrunken. Jedes Jahr sterben in Deutschland Hunderte Menschen durch Badeunfälle – viele davon wären vermeidbar. Im Jahr 2025 waren es laut Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mindestens 393 Menschen, darunter 38 Kinder. Ein Großteil der Unfälle ereignete sich im Sommer, also in den heißen Monaten, wenn die Menschen am und im Wasser Abkühlung suchen. Doch die DLRG warnt und will insbesondere Eltern kleiner Kinder für die oft unterschätzten Gefahren sensibilisieren.
„Auch aufblasbare Pools können für Kinder tödliche Gefahr bedeuten“: Experte warnt
Eltern sollten besonders aufmerksam sein. „Ertrinken ist die häufigste Todesursache für die Kleinen“, so Janko von Ribbeck, Autor des Buches „Schnelle Hilfe für Kinder. Notfallmedizin für Eltern“. Gerade in den ersten drei Lebensjahren sei die Gefahr, zu ertrinken, am höchsten. Erst wenn Kinder dann im Straßenverkehr aktiv würden, würden Verkehrsunfälle zur Haupttodesursache. Auch wenn sich diese Einschätzung nicht ganz mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen lässt, so zeigen diese doch ein ähnliches Bild – vorausgesetzt, man lässt Krankheiten einmal außen vor.
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Auch Kinder- und Jugendarzt Hermann Josef Kahl vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte sieht Wasser als eine von Eltern und Erziehungsberechtigten noch immer unterschätzte Gefahr. „Selbst ein aufblasbarer Pool, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, kann für ein Kind tödliche Gefahr bedeuten“, sagt DLRG-Sprecher Achim Wiese. Von Ribbeck erzählt von Fällen, in denen Kinder in Putzeimern, Schubkarren mit Regenwasser oder in der Badewanne ertrunken sind.
Das Problem sei laut Wiese, dass bei einem Unfall mit Wasser Kinder viele Dinge gleichzeitig tun müssten, um wieder richtig Luft zu bekommen: „Es muss den Kopf über Wasser halten, es muss sich selbst im Zweifelsfall auch noch über Wasser halten und darf die Atmung dabei nicht vergessen.“ Hinzu käme laut den Experten außerdem die Schocksituation. „Manche Kinder bekommen gleich so einen Schreck, dass sie einfach steif, starr und handlungsunfähig werden“, beschreibt von Ribbeck.
Außerdem sei die Wahrnehmung der Kinder noch eine ganz andere. „Es gibt Erwachsene, die als Kinder ins Wasser gefallen sind und sich noch daran erinnern, wie sie die Augen aufmachten und sich dachten: ‚Wow! Das ist die Unterwasserwelt!‘“, erzählt von Ribbeck. „Sie haben nicht mal selbst realisiert, dass sie ertrinken könnten.“
Tödliche Gefahr
Ertrinken: Ein bis zwei Minuten Unaufmerksamkeit reichen laut Experten schon aus
Ist Wasser im Spiel, muss es schnell gehen. Ein bis zwei Minuten reichen laut den Experten schon aus, dass ein Bade- oder Planschunfall tödlich enden kann. „Ich persönlich habe daher kein Planschbecken im Garten“, so von Ribbeck. „Mir ist das zu gefährlich, weil ich mich kenne. Ich kann nicht den ganzen Tag danebensitzen und immer mit meiner vollen Aufmerksamkeit beim Kind sein.“
Aber schon die kleinste Ablenkung, sei es durch Mobiltelefon oder ein Geschwisterkind, sei riskant. Planschbecken zu verbannen, so weit würde Wiese vom DLRG nicht gehen. „Wir wollen keine Spaßbremse sein.“ Auch kleine Kinder und Babys sollten den Erlebnisraum Wasser kennenlernen. „Aber Eltern, Aufsichtspersonen, Erziehungsberechtigte müssen ihre Kinder immer im Blick und immer in Griffnähe haben“, so Wiese. „Das ist eine Forderung, die wirklich aus dem Inneren kommt.“
Ertrinken: Dann muss der Notarzt kontaktiert werden
Das Heimtückische sei laut den Experten, gerade auch in tieferem Wasser, dass Kinder lautlos ertrinken. Das Bild vom Um-Hilfe-Rufenden, der wild mit den Armen um sich schlägt, sei fern der Realität. „Je kleiner ein Kind, desto eher liegt es einfach tot auf dem Wasser“, so Kinderarzt Kahl. Ein treibender Körper, Bewegungslosigkeit seien das eigentliche Warnsignal.
Ist ein Kind beispielsweise untergegangen und hat große Mengen Wasser geschluckt, sollte man laut den Experten zusätzlich auf folgende Warnsignale achten: starker Husten, Fieber, Atemnot, blaue Lippen und Angstsymptome. „Hier sollte man auf jeden Fall den Notarzt kontaktieren“, da sind sich Wiese und Kahl einig. Im Extremfall könnte es durch Wasser in der Lunge zu einer Aspirationspneumonie – einer Lungenentzündung – kommen. Sie entsteht dadurch, dass Fremdstoffe wie Wasser in die Lunge gelangen.
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Ertrinken auch Tage nach Badeunfall möglich
Auch ein sekundäres Ertrinken ist möglich – ein verspätetes Ertrinken an Land als Spätfolge eines Badeunfalls. „Man weiß, dass dafür geringe Wassermengen schon ausreichen“, so Kahl. „Aber dieses sekundäre Ertrinken ist sehr, sehr selten. Das sind nur ein bis zwei Prozent der Ertrinkungsunfälle überhaupt.“
Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, mahnt daher, nicht übervorsichtig zu werden. „Dass man wegen Unachtsamkeit, weil man von einer Welle überspült wird, oder aus welchen Gründen auch immer, Wasser schluckt und man deshalb stark husten muss, kommt jeden Tag vermutlich tausende Male vor“, so der Arzt. „Man muss das raushusten. Je mehr man hustet, umso besser.“
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Herzstillstand häufig Ursache für Ertrinken
Um jegliche Form des Ertrinkens zu verhindern, seien Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein das A und O, so die Experten. Auch in Schockmomenten, etwa bei unerwartetem Kontakt mit Wasser oder wenn der durch Sonne erhitzte Körper bei einem Sprung zu schnell in kaltes Wasser eintaucht, könnten Kinder wie Erwachsene im Zweifelsfall ertrinken.
Als Abwehrreaktion des Körpers kann es in solchen Fällen zu einem Stimmritzenkrampf kommen, der Ein- und Ausatmen unmöglich macht. „Viel häufiger kommt es in solchen Momenten aber tatsächlich zu einem Herzstillstand“, so Welte, „und man geht dann als Folge dessen unter.“ Damit Kinder bei unerwartetem Kontakt mit Wasser nicht in Panik verfallen, plädieren alle Experten dafür, Kinder frühzeitig an Wasser zu gewöhnen – und ihnen so früh wie möglich das Schwimmen beizubringen. Diese Investition könne im Zweifel das Leben des Kindes retten.
Dieser Artikel erschien erstmals im Mai 2023 und wurde aktualisiert.






