Jana Puglierin ist eine der renommiertesten Sicherheitsexpertinnen Deutschlands. Die promovierte Politikwissenschaftlerin leitet die Berliner Niederlassung der unabhängigen Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR). Ende Januar 2026 ist ihr Buch „Wer verteidigt Europa?“ erschienen. Im Interview spricht sie über die Spannungen zwischen US-Präsident Donald Trump und den europäischen Nato-Staaten. Wie gefährlich sind die Rückzugsankündigungen? Was, wenn Trump beim Nato-Gipfel den Austritt aus dem Bündnis verkündet?
Frau Puglierin, seit Wochen droht der US-Präsident den Nato-Partnern mit Strafmaßnahmen wegen ihrer Haltung zum Iran-Krieg. Jetzt hat Trump auch den Rückzug von US-Soldaten aus Deutschland angekündigt, offenbar als Retourkutsche für Kritik von Kanzler Merz. Was ist da los? Ist das nur die Stimmung eines verärgerten Präsidenten, der unter Druck steht – oder steckt mehr dahinter?
Jana Puglierin: Trump reagiert sehr impulsiv und nimmt die Dinge persönlich. Deshalb glaube ich, dass der angekündigte Truppenabzug in jedem Fall eine Reaktion auf die Äußerungen des Kanzlers ist. Selbst das US-Militär scheint von den Ankündigungen überrascht worden zu sein. Andererseits haben die USA unter Trump von Anfang an deutlich gemacht, dass sie die Verantwortung für eine konventionelle Verteidigung Europas in erster Linie bei den Europäern sehen. Dass die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen bei Wiesbaden wohl nicht erfolgt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass die USA sich hier nicht mehr so stark wie bislang engagieren wollen. Außerdem hat der Krieg gegen den Iran die US-Bestände an Tomahawk-Marschflugkörpern signifikant reduziert.

Der Gegenwind, den Trump jetzt für seine Pläne aus dem Kongress bekommt, zeigt allerdings auch, dass ein übereilter Abzug den strategischen Interessen der USA schaden kann. Die USA haben aus gutem Grund massiv in ihre militärische Infrastruktur in Deutschland investiert. Deutschland ist für die USA ein logistisches und regionales Zentrum. Die US-Soldaten können von hier aus Dinge tun, die woanders so leicht nicht möglich wären: Die US-Militärbasen in Deutschland spielen auch eine wichtige Rolle im Iran-Krieg. Das kann man gar nicht so schnell woanders wieder aufbauen.
Wie groß sind die Auswirkungen der Abzugspläne auf die Nato?
Die Reduzierung um etwa 5000 US-Soldaten führt die Truppenstärke in Deutschland im Kern auf das Niveau vor Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 zurück und ist für die Nato zunächst nicht von entscheidender Tragweite. Schwerer wiegt aus meiner Sicht, dass in Deutschland nun keine konventionellen Mittelstreckenwaffen im Rahmen der sogenannten Multi-Domain-Task-Force der US-Armee stationiert werden. Denn diese Systeme stehen für die Fähigkeit zu weitreichenden Präzisionsschlägen, die den europäischen Verbündeten bislang in dieser Form fehlt. Das Signal, das die USA damit an Russland senden, schwächt die Abschreckungswirkung der Nato.
Friedrich Merz hat den US-Präsidenten nicht zum ersten Mal mit offener, deutlicher Kritik verärgert. Ist das klug? So erreicht er doch auch nichts.
Die Balance ist schwierig einzuhalten. Die Beziehung zu den USA ist ja noch immer geprägt von der großen Abhängigkeit von den USA, die man nicht so schnell beenden kann, schon gar nicht im nuklearen Bereich. Das hat der Kanzler sicher immer im Kopf. Andererseits gibt es keinen Anlass zur Unterwürfigkeit, die USA haben ja selbst massiv von der Nato profitiert. Aber vielleicht sollte man mit Kritik nicht ganz so konfrontativ und undiplomatisch sein, sondern eher versuchen, sie hinter den Kulissen anzubringen. Wir müssen versuchen, das Verhältnis zu den USA aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig war es in der Grönland-Krise sicher eine hilfreiche Erfahrung, zu erleben, dass klarer, geschlossener Widerspruch der Europäer auch etwas bewirken kann. Man sieht, dass Trump auf Zeichen der Schwäche mit immer noch mehr Druck reagiert, aber bei Gegendruck dann auch durchaus einlenkt.
News aus den USA
Die angespannte Stimmung dürfte jetzt auch den Nato-Gipfel Anfang Juli in Ankara prägen. Was droht da?
Es wird ein schwieriger Gipfel. Voriges Jahr beim Gipfel in Den Haag haben die Europäer sich als große Geste auf das Fünf-Prozent-Ziel verpflichtet. Das konnte Trump als seinen Erfolg verkaufen, auch wenn die höheren Verteidigungsausgaben im Kern ohnehin notwendig sind. Jetzt herrscht eine angespannte Grundstimmung. Es dürfte beim Gipfel um die Truppenpräsenz und die militärischen Fähigkeiten innerhalb der neuen regionalen Verteidigungspläne für Europa gehen. Die sehen ja für jedes Land im Ernstfall feste Aufgaben in bestimmten Einsatzgebieten vor – die USA dürften versuchen, ihren Anteil in diesen Plänen, der derzeit etwa 40 Prozent beträgt, zu reduzieren.

Die Europäer müssten dann entsprechend höhere Lasten tragen. Die europäischen Nato-Partner könnten versuchen, dafür Angebote zu machen. Wir werden in Zukunft für wesentliche Teile unserer Sicherheit allein sorgen müssen, die konventionelle Verteidigung sollte Europa allein übernehmen können – aber das wird noch ein paar Jahre dauern, wir sind noch nicht so weit. Unser Ziel muss immer noch sein, es irgendwie hinzubekommen mit den Amerikanern. Aber dafür sollten sich die Europäer jetzt nicht kleinmachen, sondern beim Gipfel mit breitem Kreuz klarstellen, dass wir bei den Verteidigungsanstrengungen auch Erfolge vorweisen können.
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Die Stimmung hat sich auch bei den Europäern stark abgekühlt …
Ja, mit der Grönland-Krise haben Deutschland und viele andere europäische Länder die Strategie gewechselt. Weg von der Hoffnung, man müsse nur ausreichend nett und entgegenkommend sein, dann werde es ordentlich laufen mit Trump. Jetzt wächst die Einsicht, dass die Charmeoffensiven nichts bringen, weil die Trump-Administration dezidiert andere Interessen verfolgt als die Europäer. Stattdessen wird Klartext geredet.
Und wenn es schiefgeht beim Nato-Gipfel, wenn der US-Präsident die Kontrolle verliert und spontan, allen rechtlichen Hürden zum Trotz, den Nato-Austritt verkündet?
Dann sollten wir versuchen, die Nato als Institution zu retten. Die USA sind das Rückgrat der Nato, das hält bislang alles zusammen. Aber das Bündnis ist trotzdem mehr als nur die USA. Dann wäre eben die Herausforderung, nicht nur zu ersetzen, was die Amerikaner bisher bereitstellen, sondern auch zu überlegen, was sich für Europa zum Beispiel aus den Kriegen in der Ukraine und im Iran für die Kriegsführung der Zukunft lernen lässt – und für eine europäische Art der Verteidigung und der Abschreckung.










