Friedrich Merz läuft im Schnellschritt durchs milchige Frühlingslicht von Nikosia, am Abend hat er Wolodymyr Selenskyj getroffen, jetzt kommt er gerade vom Frühstück mit Emmanuel Macron. Der Außenkanzler ist auf Betriebstemperatur, beim EU-Gipfel auf Zypern ringen die 27 Staats- und Regierungsschefs um einen gemeinsamen Kurs. Iran, Energiekrise, EU-Haushalt – auch ohne Viktor Orban bleibt es ein Kraftakt.
Merz und Macron, Merz vor der EU-Flagge – es ist inzwischen ein vertrautes Bild. Noch zwölf Tage, dann ist Friedrich Merz ein Jahr im Amt. Doch statt Feierlaune herrscht Frust. Der Kanzler ist zu Hause in Deutschland unbeliebt, die Koalition verhakt sich bei den Reformen, der Ukraine-Krieg dauert an und der Iran-Krieg droht zur Dauerkrise zu werden. Und dann liefert Merz auch noch immer wieder diese gefährlichen Halbsätze, die alles nicht einfacher machen.

Seit Merz Anfang der Woche bei einer Rede mahnte, dass die gesetzliche Rentenversicherung allein „allenfalls noch die Basisabsicherung“ sein werde, passiert genau das, was so oft in den vergangenen Monaten passiert ist, wenn Merz mit robusten Worten Pflöcke einschlägt – und die Folgen unterschätzt: Die Empörungswelle läuft durchs Land – der schnell dahingeworfene Satz entfaltet, gerade weil er so deutungsoffen ist, immense Wucht. „Basisabsicherung“ – was meint der Kanzler damit? Gut möglich, dass Merz nach seiner Rückkehr aus Zypern, wenn er am Wochenende zu Gast beim CDU-Sozialflügel ist, noch mal auf die Sache zurückkommt.
Rente, Stadtbild, Graubrot: Merz platziert immer wieder gefährliche Halbsätze
Merz’ gefährliche Halbsätze wie die zur Rente, zum Stadtbild, zur 80-prozentigen Rückführung von Syrern, zur schädlichen Work-Life-Balance – alles das zahlt auf sein politisches Schuldenkonto ein und festigt den Ruf eines Mannes, der sich als Klartexter sieht und vergisst, wie sehr er mit seiner forschen Tonlage viele Leute vor den Kopf stößt. Nicht nur in Deutschland – sondern auch unterwegs in der Welt. Merz beleidigt die Brasilianer mit seinen abschätzigen Aussagen zum Stadtbild von Belem, Merz vermisst in Angola ein „ordentliches Stück Brot“ – und erntet manchmal auch deshalb Protest, weil er nichts sagt, wo er etwas sagen könnte: Bei seinem zweiten Besuch im Oval Office lässt der Kanzler den US-Präsidenten unwidersprochen über EU-Partner Spanien herziehen. Führungsrolle in Europa? Nicht nur in Madrid waren viele sauer auf Merz.
Rund um Friedrich Merz – das sollten Sie lesen
Am 6. Mai ist Zeugnistag für die Regierung – und es fällt nicht gut aus. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Merz und seine schwarz-rote Regierung unter maximalem Stress stehen. Ein vollkommen unkalkulierbarer Donald Trump, eine taumelnde Wirtschaft, steigende Energiepreise und eine AfD, die sich als Heilsbringer anbietet – und von vielen inzwischen auch so gesehen wird.
Merz: Zeitenwende war gestern, jetzt ist Epochenbruch
Für die Merz-Regierung gilt: Zeitenwende war gestern, jetzt ist Epochenbruch. Jedes Mal, wenn Trump zum Smartphone greift, droht eine neue Volte mit globalen Folgen. Trumps Zickzackkurs im Iran-Krieg, seine unberechenbaren Züge im Ukraine-Friedensprozess, seine Drohungen gegen die Nato – Merz muss das Unkalkulierbare jeden Tag neu kalkulieren, auch hier, in Zypern, das näher an Teheran liegt als an Berlin.
Im Kern geht es immer wieder um dieselbe Frage: Finden die Europäer zu einer gemeinsamen Haltung? Als Donald Trump nach Grönland greifen wollte, gelang das. Jetzt, wo es darum geht, wie die Straße von Hormus nach einem Waffenstillstand dauerhaft gesichert werden kann, suchen die Europäer noch nach einer gemeinsamen Haltung. Frankreichs Präsident Macron wünscht sich eine „neutrale“ Mission ohne die Amerikaner, Merz findet das riskant. Ein solcher Schritt könnte dem US-Präsidenten den Anlass bieten, den de-facto-Ausstieg aus der Nato einzuläuten. „Ich tue viel dafür, die Amerikaner an Bord zu behalten“, sagt Merz in Zypern.
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Merz: Das Stimmungshoch nach dem Oval-Office-Besuch ist verflogen
Das Stimmungshoch, das Merz nach seinem Antrittsbesuch im Oval Office im Frühjahr 2025 noch spürte, ist unterdessen längst verflogen. Die Deutschen sehen, dass es Merz zwar manchmal – etwa bei der Abwehr des Putin-freundlichen Ukraine-Friedensplans – zusammen mit den Europäern schafft, Schlimmeres abzubremsen. Doch der Einfluss des Kanzlers auf Trump ist kleiner, als die harmonischen Bilder der beiden hoffen ließen.
In der ersten Phase des Iran-Kriegs kam es sogar zur öffentlichen Verstimmung zwischen Merz und Trump: Der US-Präsident war sauer, weil er sich mehr Hilfe von den Nato-Partnern wünschte – und drohte mit einem Rückzug aus der Ukraine-Unterstützung: Wenn der deutsche Bundeskanzler sage, das sei nicht unser Krieg, dann sei eben der Ukraine-Krieg auch nicht der der USA. „Wir wären immer für sie da gewesen, aber jetzt, angesichts ihres Verhaltens, müssen wir das wohl nicht mehr, oder?“, fragte Trump beleidigt.
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Inzwischen gilt die von Trump Mitte der Woche verlängerte Waffenruhe – was daraus folgt, ist offen. Merz bekräftigte am Donnerstag noch mal seine Haltung: Bei einem „anhaltenden Ende der Kampfhandlungen“ sei Deutschland bereit, zur freien Schifffahrt in der Straße von Hormus beizutragen. Einschränkung: Ein solcher Einsatz muss von internationalem Recht gedeckt sein. Merz ist zudem bereit, schrittweise Sanktionen gegen den Iran zu lockern, wenn es zu einer Lösung in der Straße von Hormus kommen sollte. Ob die anderen Europäer da mitziehen? Der Idee habe „niemand widersprochen“, sagt Merz am Ende des Gipfels. Ob es so kommt? Offen.








