Der Präsident war sehr direkt und ließ an seinen Wünschen keinen Zweifel. „Ich kann mir eine deutlich größere Europäische Union vorstellen. Ob Kanada ein Teil davon ist oder nicht, muss es selbst entscheiden“, sagte er. Auf jeden Fall sei das Land hinsichtlich seiner Haltung und Werte so nah an der EU, dass man „zumindest eine richtig enge, strategische Partnerschaft“ auf die Beine stellen sollte.

Mitte April war das. Und der Mann, der diese Worte sprach, war der finnische Staatschef Alexander Stubb, einer der einflussreichsten Mitte-rechts-Politiker Europas. Ehedem stattete er dem kanadischen Premier Mark Carney in Ottawa einen Besuch ab – und damit einem Staatslenker, der Kanada selbst als das „europäischste aller nicht europäischen Länder“ bezeichnet.

Spannende Politik-Einblicke aus der EU

Kanada: „Das europäischste aller nicht europäischen Länder“

Die Europäer und die Kanadier: Man kennt sich, man mag sich, ist verbündet und tickt ähnlich. Beide glauben an die Vorzüge des Sozialstaats, die Notwendigkeit von Klima- und Umweltschutz und die regelbasierte Ordnung. Aber eine EU-Mitgliedschaft eines riesigen Landes, das komplett in Nordamerika liegt und eine fast 9000 Kilometer lange Grenze mit den USA teilt? Klingt verrückt und vollkommen unrealistisch. Allein deshalb, weil der EU-Vertrag klar festlegt, dass ein Staat europäisch sein muss, um Mitglied der Gemeinschaft zu werden.

Ursula von der Leyen, Mark Carney und Antonio Costa
Kanadas Premier Mark Carney (M.), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa Mitte vergangenen Jahres in Brüssel. Angesichts der Entfremdung von den USA wollen Europäer wie Kanadier neue Allianzen schmieden.© picture alliance / Hans Lucas | POOL UNION EUROPEENNE / AGENCE HANS LUCAS

In Zeiten jedoch, in denen US-Präsident Donald Trump mit viel Lärm und Hingabe die internationale Ordnung zu zertrümmern versucht, ist womöglich jede Idee hilfreich, die dazu beitragen könnte, den Westen und die transatlantische Partnerschaft zu retten. Und so wird tatsächlich in Kanada selbst und in Europa immer wieder die Frage aufgeworfen, ob das Nato-Land mit seiner riesigen Landmasse, seinen enormen Bodenschätzen und den rund 40 Millionen Einwohnern nicht doch gut in der EU aufgehoben wäre.

Am Donnerstag und Freitag kommen auf Zypern die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedstaaten zusammen. Um die Erweiterung der Union wird es für Kanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Kollegen zwar nicht vorrangig gehen. Vielmehr sind Diskussionen über die Lage im Nahen Osten, in der Ukraine und über das künftige EU-Budget geplant. Klar ist aber auch: Allein der Umstand, dass die Idee über eine EU‑Mitgliedschaft Kanadas im Raum steht, zeigt, dass es so schlecht nicht um die Anziehungskraft des Staatenverbundes steht.

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Etwa die Hälfte der Kanadier kann der Idee einiges abgewinnen, wie Umfragen zeigen. In den kanadischen Medien wird die Debatte regelmäßig geführt. Das Land ist traumatisiert seit Trumps Rückkehr an die Macht: Der US-Präsident überzieht den Nachbarn im Norden mit existenzbedrohenden Zöllen und kokettiert immer wieder damit, Kanada als 51. Bundesstaat in die USA einzugliedern.

Carneys Amtsvorgänger Justin Trudeau, wie der amtierende kanadische Premier ein Liberaler, verhöhnte der US-Präsident mehrfach als „Gouverneur“. Folgen dieser Übergriffigkeiten sind eine nie dagewesene Welle des kanadischen Patriotismus, ein Boykott US-amerikanischer Produkte und eine verstärkte Hinwendung nach Europa.

EU-Mitgliedschaft: „Eine eher hypothetische Frage“

Und Politiker von dort befeuern die Debatte durch ihre Einlassungen, siehe Finnlands Präsident Stubb. Doch der ist bei Weitem nicht der Einzige. Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot sagte im Frühjahr anlässlich einer Europa-Konferenz in Berlin, dass die EU immer mehr Staaten anziehe – etwa Island und „vielleicht irgendwann Kanada“. Der ehemalige deutsche Chefdiplomat und SPD-Chef Sigmar Gabriel, der nun dem Verein Atlantik-Brücke vorsitzt, schlug seinerseits bereits vor, Kanada eine EU-Mitgliedschaft anzubieten – „vielleicht nicht voll integriert wie alle anderen, aber vielleicht teilweise“.

Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Deutschen Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne), sagte nun dieser Redaktion: „Wir sollten uns darum bemühen, Kanada so nah wie möglich an die EU anzubinden.“ Dabei sei es unerheblich, dass Kanada geografisch nicht in Europa liegt. Beide Seiten hätten „in vielerlei Hinsicht überschneidende Interessen“ und seien eindeutige Partner füreinander. Beide müssten auch „mit der erratischen und absolut gefährlichen Politik von US-Präsident Trump umgehen“.

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Und der Vorsitzende der Deutsch-Kanadischen Parlamentariergruppe im Bundestag, Bernd Rützel (SPD), sagte dieser Redaktion, die Debatte über einen EU-Beitritt des Landes sei zwar „eine eher hypothetische Frage“. Aber ihm gefalle der Gedanke, Kanada „in unsere Gemeinschaft enger einzubinden“. Europa brauche Kanada und Kanada Europa. Die Bindungen seien eng und ließen sich weiter ausbauen – etwa in Wirtschaft, Verteidigung und Wissenschaft.

Das ist auch die Linie, die die kanadische Regierung von Premier Carney verfolgt. Der hatte im vergangenen Juni beim Nato-Gipfel in Den Haag gesagt, sein Land arbeite an einer engeren Partnerschaft mit der EU – „aber nicht als Mitglied“. Kurz zuvor hatte der Regierungschef mit den Spitzen der Gemeinschaft eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft unterzeichnet, auch bei der europäischen Rüstungsbeschaffungsinitiative SAFE ist Kanada inzwischen dabei.

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Zur Wahrheit gehört aber auch: Das gemeinsame Wirtschafts- und Handelsabkommen Ceta, das 2017 vorläufig in Kraft trat und noch nicht vollständig angewendet wird, muss noch in zehn von 27 EU-Mitgliedstaaten ratifiziert werden, darunter von den beiden Schwergewichten Frankreich und Italien. So eilig scheint man es zumindest dort mit der Annäherung an Kanada dann doch nicht zu haben – Donald Trump hin oder her.