In der Halle hing noch der Nachhall eines Märtyrer-Mythos. Das Jahrestreffen von „Turning Point USA“ war das erste seit der Ermordung des Gründers Charlie Kirk im September. Auf den LED-Wänden der republikanischen Vorfeld-Organisation der Gen Z lief sein Gesicht in Endlosschleife. Da hatte die neue Chefin, Erika Kirk, Witwe des Toten, in Phoenix/Arizona den Namen ihres Favoriten längst ins Mikrofon gerufen: JD Vance als „48th President“. Als Nachfolger von Donald Trump bei der Wahl in drei Jahren. Wirklich?

Der Vizepräsident stieg wenig später auf die Bühne, lächelte knapp, scannte den Saal. Vance wusste: Hier wird nicht nur getrauert. Hier wird sortiert. Wer gehört dazu? Wer fliegt raus? Wer definiert die „Make America Great Again“-Bewegung nach dem erwarteten Abgang Trumps 2028? Wer tritt sein Erbe an? Gerade jetzt treibt die Frage viele um, weil im Maga-Reich heftige Scharmützel im Gange sind.

US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident JD Vance
Ohne hundertprozentige Loyalität zu Trump geraten die Ambitionen von JD Vance in Gefahr.© Jacquelyn Martin/AP/dpa | Jacquelyn Martin

Vor dem Vance-Auftritt zerlegte Ben Shapiro öffentlich die eigene Szene: zu viele Betrüger, zu viel Extremismus. Tucker Carlson, der frühere Fox News-Extremist, konterte. Candace Owens, die Dritte im Bunde der Solo-Podcast-Tänzer, die zusammen zig Millionen Follower in sozialen Medien erreichen, macht Kirks Tod zum Serienformat: mal sind es pro-israelische Kreise, mal ausländische Dienste, mal der Mossad, der „irgendwie“ mitgespielt haben soll.

Trumps Stabschefin attestiert ihm "Persönlichkeit eines Alkoholikers"

weitere Videos

    Und dann ist da noch Nick Fuentes. Der mit seiner Bewunderung für Adolf Hitler und lupenreinem Antisemitismus kokettierende Influencer, lebt nach Kirks Tod seine Geltungssucht täglich vor seiner millionenstarken Podcast-Gemeinde aus. Tucker Carlson hatte dem 27 Jahre alten Verfechter der Irrlehre von der Vorherrschaft der Weißen eine Plattform geboten. Was Shapiro und andere Leit-Stimmen auf der rechten Außenbahn als Tabubruch geißelten. 

    Von JD Vance wurde also moralische Klarheit erwartet, eine Neubestimmung der Grenze, ab wann Maga-Menschen Gift für die Bewegung werden. Aber seine Rede klang wie ein Sicherheitsgurt. Nicht zu eng. Nicht zu locker. „Präsident Trump hat nicht die größte Koalition in der Politik aufgebaut, indem er seine Anhänger endlosen, selbstzerstörerischen Reinheitsprüfungen unterzieht“, rief der ehemalige Kurzzeit-Senator aus Ohio. Die Bewegung sei offen für „Leute aller Glaubensrichtungen“. Von ihm, der seit Wochen erkennbar auf die Kandidatur 2028 hinarbeitet, kam kein Name, kein Ausschluss-Kriterium, keine rote Linie. Warum?

    Tucker Carlson mischt die Republikaner von rechtsaußen auf.
    Tucker Carlson mischt die Republikaner von rechtsaußen auf.© AFP | Gavriil Grigorov

    Vance hat „offensichtlich die Rechnung für sich gemacht, dass Antisemiten und Hitler-Fans Teil der Basis der Republikanischen Partei sind und er es sich nicht leisten kann, sie beiseite zu schieben, während er seine eigene Präsidentschaftskandidatur plant“, analysiert das Magazin „The Atlantic“. Demnach wäre moralische Festigkeit für ihn, der Trump noch 2016 als „Amerikas Hitler“ bezeichnet hatte, eine Seitenwahl gewesen. Und Seitenwahl kostet Reichweite. Gerade in kritischer Zeit.

    221106_1325_221106_cover.jpg
    #31 Boris Palmer über sein Ende bei den Grünen und den Rat seines Therapeuten
    Meine schwerste Entscheidung
     

    Denn 2028, die nächste Wahl, wirft bereits größere Schatten voraus seit Trump mental, körperlich und in der Meinungsforschung massiv abbaut. Umfragen sehen Vance klar vorn. Obwohl er in absurden Verschwörungstheorien macht. Neulich sagte der Vize-Präsident allen Ernstes, dass die Atomwaffen Englands und Frankreichs für die USA zur Bedrohung werden könnten, wenn sie dort politisch in die Hände von radikalen Islamisten fielen. Nach einer YouGov-Erhebung lag er bei Republikanern als Wunschkandidat bei 42 Prozent einsam vorn. Außenminister Marco Rubio taucht in derselben Auswertung deutlich seltener als Favorit auf. Sollte Vance offiziell antreten werde er seinen „Freund“ unterstützen, sagt Rubio.

    "Candace" Hosted By Candace Owens
    Candace Owens hält die Republikaner mit ihren Verschwörungstheorien auf Trab.© Getty Images via AFP | Jason Davis

    Vance` Plan klingt simpel, steckt aber voller Fallstricke. Er muss Trump uneingeschränkt loyal unterstützen, ohne dem Chef das Scheinwerferlicht streitig zu machen. Dabei werden ihm Kritiker im eigenen Lager in die Beine grätschen. Steve Bannon etwa, der Mephisto Trumps, hält Vance für zu „weich”. Ob der 41-Jährige als Stimme der Einheit über den Maga-internen Lagerkämpfen triumphieren kann, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, ist ebenfalls noch ungewiss.

    Von Vorteil dürfte sein, dass Vance Kandidat der großen Tech-Geldmaschine ist. Sein Aufstieg wurde in Silicon-Valley-Kreisen um Peter Thiel strategisch mitgebaut. Aber Maga ist nicht berechenbar. Wer heute gefeiert wird, kann morgen als Verräter dastehen – weil ein Influencer einen Video-Clip ausgräbt, wo Sätze fallen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.

    Anti-Vaccine Activists Protest In New York
    Nick Fuentes (Mitte) sorgt mit Antisemitismus und Hitler-Verehrung bei vielen Republikanern für Magenschmerzen.© Getty Images via AFP | Stephanie Keith

    Genau hier lauern die Gegner, die Zerstörer. Ted Cruz, Senator aus Texas und schon 2016 im parteieigenen Kampf gegen Trump dabei, prüft eine 28er Kandidatur und positioniert sich als pro-israelischer Hardliner gegen Vance’ Nähe zu Tucker Carlson. Rand Paul, der Freischärler unter den Konservativen ihm Senat, verweigert schon jetzt den Reflex der Krönung. Beide können Vance beschädigen. Mit Fragen. Wer finanziert dich? Wem gehörst du?

    So stand Vance in Phoenix als Schlichter und Nutznießer des aktuellen Chaos in der amerikanischen Rechten zugleich da. Er will den Maga-Thron. Aber er darf weder Shapiros „Grenzziehung“ noch Carlsons „Alles-darf-rein“-Impuls verlieren. Wer beides zugleich will, tanzt auf einem Seil ohne Sicherheits-Netz. Ein einziges Foto, ein Satz, ein Schweigen reicht. Und aus dem Favoriten wird der Mann das, was Trumps Stabschefin Susie Wiles kürzlich öffentlich aussprach. Danach ist JD Vance vor allem eines: ein Opportunist.