
- Erste Ebola-Patienten werden in Deutschland auf einer Sonderisolierstation versorgt.
- Erfahrene Infektiologen erklären die Besonderheiten und berichten von ihren Erfahrungen.
- Dr. Thomas Grünewald, der bereits Ebola-Patienten behandelt hat, sorgt eine Sache besonders.
Berlin, mitten in der Nacht auf Mittwoch. Auf dem Rollfeld des BER landet ein erstes Spezialflugzeug. An Bord der mit dem Ebola-Virus infizierte US-amerikanische Arzt Peter Stafford, der nun in Deutschland behandelt wird – auch wegen des deutlich kürzeren Transportwegs. Die Scheinwerfer der Einsatzfahrzeuge schneiden durch die Dunkelheit. Helfer in Schutzanzügen, mit Atemmaske und Visier, bringen ihn in ein Spezialfahrzeug. Auch er ist komplett vermummt. In einem Konvoi aus Polizei, Spezialfahrzeug und Krankenwagen geht es im Eiltempo durch die Stadt. Ihr Ziel ist eine der wenigen Sonderisolierstationen des Landes an der Berliner Charité.
Der Arzt hat sich in der Demokratischen Republik Kongo mit dem Ebola-Virus infiziert, wo er als sogenannter medizinischer Missionar im Einsatz war und mit seiner Familie lebte. Auch seine Ehefrau und vier Kinder wurden mittlerweile nachgeholt und ebenfalls in die Sonderisolierstation des Universitätsklinikums gebracht. Hintergrund sei ein entsprechendes Hilfeersuchen der US-Behörden, wie das Bundesgesundheitsministerium mitteilte. An der Charité, in einem der am besten geschützten Behandlungszentren Europas, wird seit seiner Ankunft versucht, das Leben des geschwächten Familienvaters Stafford zu retten. Ob das gelingt, ist offen. „Oberste Priorität ist, den Patienten zu versorgen“, betonte Pressesprecher Markus Heggen im Gespräch mit dieser Redaktion.
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Viel mehr kann und will die Charité aktuell nicht über den an Ebola erkrankten Mann berichten – sicherlich auch, um die medizinische Schweigepflicht zu wahren, bevor man in Ruhe mit dem Betroffenen sprechen konnte. „Zum jetzigen Zeitpunkt äußern wir uns nicht zum Gesundheitszustand des Patienten“, sagt Heggen. „Er ist erst in der Nacht zu Mittwoch in der Charité auf dieser deutschlandweit einmaligen Station aufgenommen worden. Unsere Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte konzentrieren sich jetzt auf die medizinische Diagnostik und Versorgung.“ Er bittet um Verständnis, dass darauf der Fokus liegt.
Ebola-Ausbruch in Afrika ist für die Region eine „kritische Herausforderung“
Doch zeitgleich fragen sich viele, wie sicher solche Hochsicherheitsbereiche wie an der Charité sind und was es für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet, wenn Ebola-Patienten in deutschen Kliniken behandelt werden. Immerhin wurden beim aktuellen Ebola-Ausbruch in Kongo und Uganda bereits mehr als 500 Verdachtsfälle und über 130 Todesfälle gemeldet. Der Infektiologe PD Dr. Timo Wolf leitet die Isoliereinheit für hochpathogene Erreger am Universitätsklinikum Frankfurt, eine von sieben Sonderisolierstationen in Deutschland. Dort hat er in der Vergangenheit bereits selbst Ebola-Patienten versorgt und weiß aus erster Hand, wie die Behandlung auf einer Sonderisolierstation abläuft.
„Der Ausbruch ist für die betroffenen Regionen eine kritische gesundheitliche Herausforderung“, sagt Ebola-Experte Wolf gegenüber dieser Redaktion. „Das allgemeine Risiko für Deutschland ist jedoch weiterhin als sehr gering einzuschätzen.“ Im Falle der Bundibugyo-Variante, die nun in Zentralafrika zirkuliert, gibt es weder zugelassene Medikamente noch einen Impfstoff.

Dennoch sind die Überlebenschancen in einem deutschen Behandlungszentrum deutlich höher als vor Ort. „Bereits durch konsequente unterstützende Therapie lässt sich die Sterblichkeit signifikant senken“, erläutert Wolf. Gemeint ist eine „supportive Therapie“: viel Flüssigkeit, Stabilisierung des Kreislaufs, Ausgleich von Blutsalzen, Blutzuckerkontrolle und, wenn nötig, intensivmedizinische Maßnahmen.
Ebola-Infektion: „Gute Versorgung kann Sterblichkeit mindestens halbieren“
Infektiologe Dr. Thomas Grünewald erinnert daran, dass Deutschland schon bei der Ebola-Epidemie 2014 gezeigt habe, wie gut diese Versorgung funktionieren könne: „Das Konzept, das wir seit Ende der 1990er-Jahre aufgebaut haben, hat sich bewährt – da ist Deutschland wirklich gut aufgestellt.“ Grünewald, heute Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin in Chemnitz, hat damals die Sonderisolierstation in Leipzig geleitet, auf der einer der drei in Deutschland behandelten Ebola-Patienten lag.
Was technisch trocken klingt, bedeutet „aufgrund der hohen Sicherheitsstufe einen großen organisatorischen Aufwand“, betont Wolf. Ebola-Patienten verlieren durch Durchfälle und Erbrechen große Flüssigkeitsmengen, sind hochfiebrig, Kreislauf und Organe geraten unter Druck. Unter einfachen Bedingungen, wie oft in den Kliniken vor Ort, ist die Sterblichkeit extrem hoch.
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Der Leipziger Infektiologe Christoph Lübbert, Leiter der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum St. Georg, bringt es gegenüber dem MDR auf den Punkt: „Durch eine gute intensivmedizinische Versorgung kann man die Sterblichkeit mindestens halbieren.“ Deutschland könne hier „moderne Medizin“ anbieten: ausreichend Infusionslösungen, Überwachung, Zugang zu weiteren Therapien – und vor allem geschulte Teams. Lübbert stellt sich darauf ein, dass noch weitere Patienten in Deutschland behandelt werden könnten.
„Wir haben keine Angst vor der Krankheit, sondern Respekt“
Aber: „Wir reden nicht von 1000 Fällen, sondern von einzelnen, die mit großem Aufwand sicher transportiert und behandelt werden“, ergänzt Grünewald. „Für solche Einzelfälle sind wir in Deutschland sehr, sehr gut vorbereitet.“ Zentral ist der Schutz des Personals. „Es ist besonders wichtig, jeglichen Haut- und Schleimhautkontakt mit Körperflüssigkeiten von Erkrankten strikt zu vermeiden“, betont Infektiologe Wolf.
Dafür kommen sogenannte Gebläseschutzanzüge zum Einsatz – Spezialanzüge mit eigener Luftzufuhr, ähnlich wie Raumanzüge. Sie ermöglichen es, über längere Zeit unter hoher Belastung zu arbeiten, ohne dass Tröpfchen oder Blut an die Haut gelangen können. Nach jedem Einsatz folgt eine präzise Dekontamination: Anzüge ausziehen nach strengem Schema, Desinfektion, Kontrolle durch Kolleginnen und Kollegen. Fehler sollen so systematisch ausgeschlossen werden.
„Wir haben keine Angst vor der Krankheit, sondern Respekt“, beschreibt Grünewald die Perspektive des Personals. „Wir behandeln die Patientinnen und Patienten wie andere Intensivpatienten auch – nur eben mit entsprechenden Barrieremaßnahmen. Entscheidend ist, dass man mit der persönlichen Schutzausrüstung umgehen kann.“

Regelmäßige Schulungen: „Sind in Deutschland sehr gut eingespielt“
Damit das funktioniert, trainieren die Teams regelmäßig. Die Schulungen reichen vom An- und Ablegen der Schutzanzüge über Störfallsimulationen – etwa wenn ein Schlauch reißt – bis hin zu Übungen für den gesamten Ablauf der Isolierbehandlung. „Erstrebenswert wäre meiner Einschätzung nach ein dreimonatiger Schulungsrhythmus“, sagt Wolf. Viele Zentren würden sogar noch häufiger üben. Zudem sind die aktuell insgesamt sieben Behandlungszentren in einem bundesweiten Netzwerk zusammengeschlossen, das sich fachlich eng abstimmt. „Es gibt in Deutschland sehr gut eingespielte Systeme“, sagt auch Lübbert.
Speziell geschultes Personal, klare Abläufe, hochwertige Schutzvorrichtungen – all das sorge dafür, dass von solchen Evakuierungen keinerlei zusätzliche Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe. Grünewald unterstreicht: „Alle, die das machen – damals in Leipzig, Frankfurt, Hamburg oder jetzt in Berlin und auch in den anderen deutschen Zentren –, sind extrem gut trainiert. So lässt sich im Ernstfall sofort abrufen, was zu tun ist.“
Anders als Covid: Ebola wird nur per Kontakt übertragen
Wichtig zu wissen ist auch, wie Ebola überhaupt übertragen wird. Anders als etwa bei Grippe oder Covid-19 handelt es sich nicht um ein Virus, das sich einfach durch die Luft verbreitet. Ebola wird über direkten Körperkontakt und Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen – etwa Blut, Erbrochenes, Stuhl, Schweiß. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind infizierte Menschen erst dann ansteckend, wenn sie Krankheitssymptome zeigen. Je schwerer die Erkrankung, desto höher ist in der Regel die Viruslast und damit die Ansteckungsgefahr. Für den Alltag in Deutschland bedeutet das: Wer keinen direkten Kontakt zu einem Erkrankten oder seinen Körperflüssigkeiten hat, setzt sich praktisch keinem Ebola-Risiko aus.
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Grünewald betont: „Damals, 2014, haben wir drei Patienten in Deutschland gut versorgt. Es hat sich niemand angesteckt – weder bei der Behandlung noch außerhalb. Trotzdem wurden Pflegekräfte von Feiern ausgeladen, Kinder sollten nicht mehr in den Kindergarten, weil alle Angst hatten, sich anzustecken. Das war völlig verrückt.“ Er habe den Eindruck, „dass Verschwörungsmythen nach der Pandemie eher noch zugenommen haben“. Das sei erschreckend und verkenne die wahren Probleme im Hinblick auf das Ebola-Virus.
Experten vermuten hohe Dunkelziffer: „Müssen wachsam bleiben“
Dennoch schauen Fachleute genau hin. Vermutlich gibt es in Zentralafrika eine hohe Dunkelziffer unerkannter Fälle. Es mache Infektiologen daher mehr Angst, dass sich mit einer hoch ansteckenden Krankheit infizierte Personen in ein Flugzeug setzen könnten, bevor ihre Erkrankung erkannt wird. Durch Touristen sei schließlich auch das Andes-Hanta-Virus erstmalig auf ein Kreuzfahrtschiff und dann nach Europa gekommen, so Grünewald.

Darauf reagieren Behörden und Kliniken mit Information und klaren Empfehlungen: Reisende, die aus betroffenen Regionen zurückkehren und innerhalb von 21 Tagen Fieber, starke Schwäche, Kopf- und Muskelschmerzen, Durchfall oder Erbrechen entwickeln, sollen sich umgehend telefonisch an eine Ärztin oder einen Arzt wenden und auf ihren Aufenthalt hinweisen. In Verdachtsfällen übernehmen dann die Gesundheitsämter und – falls nötig – die spezialisierten Behandlungszentren.
„Der entscheidende Punkt ist, dass wir wachsam bleiben“, so Grünewald. „Gefährlich sind nicht die bekannten, gut gesicherten Patienten auf Sonderisolierstationen, sondern Erkrankte, bei denen niemand an eine importierte Infektion denkt. Deswegen schulen wir Ärztinnen und Ärzte, damit sie den klinischen Verdacht überhaupt stellen.“
Für alle anderen bleibt die Empfehlung nüchtern: Aufmerksam bleiben, aber keine Panik. In einem kontrollierten Setting, mit gut ausgebildeten Teams und ausreichender Schutzausrüstung, lasse sich viel erreichen, so Grünewald. Genau dieses Setting bieten die Sonderisolierstationen in Deutschland – für Patienten wie Peter Stafford, der in Berlin zumindest eine Chance auf Heilung erhält.





