Mehr als ein Jahrzehnt nach dem rätselhaften Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flugs MH370 gibt es neue Hinweise darauf, was in den letzten Minuten der Maschine geschah. Ein kürzlich identifiziertes Trümmerteil vom rechten Flügel der Boeing 777 widerspricht einer zentralen Theorie, wonach das Flugzeug nach einem Sturzflug wieder unter Kontrolle geraten, geglitten und schließlich notgewassert sein könnte.

Es ist bereits das elfte bekannte Fragment vom rechten Flügel – und aus Sicht mehrerer Fachleute besonders aussagekräftig. „Was an diesem Trümmerteil bedeutsam ist: Wenn der Flügel beim Abstieg im Sturzflug auseinanderbrach, dann könnte es keine Erholung und kein Gleiten gegeben haben, weil man ein Flugzeug nicht ohne Flügel gleiten lassen kann“, sagt Blaine Gibson. Der amerikanische Amateurermittler hat nach eigenen Angaben mehr als 20 Trümmerteile von MH370 aufgespürt und gilt als eine Schlüsselfigur der privaten Nachforschungen.

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Flug MH370: Nach letztem Kontakt war Flugzeug stundenlang in der Luft

MH370 verschwand am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord. Rund 40 Minuten nach dem Start verabschiedete sich der Pilot mit den Worten „Gute Nacht, Malaysian drei sieben null“ – es war der letzte Funkspruch aus dem Cockpit. Kurz darauf wurde der Transponder ausgeschaltet. Militärische Radar- und technische Signale, sogenannte „Handshakes“ mit Inmarsat-Satelliten, zeigten später, dass die Maschine vom Kurs abwich, über Malaysia zurückflog, nach Westen abdrehte und schließlich nach Süden verschwand. Seitdem fehlt von dem Flugzeug jede Spur.

Internationale Suchaktionen durch Malaysia, Australien und China durchkämmten bis 2017 rund 120.000 Quadratkilometer Meeresboden im südlichen Indischen Ozean – ohne Erfolg. Auch eine erste Mission von Ocean Infinity im Jahr 2018 blieb ergebnislos. Zwar wurden an den Küsten Afrikas zahlreiche Trümmerteile gefunden, darunter ein Flaperon auf La Réunion, doch der Absturzort blieb unbekannt.

Bisher wurden nur ein paar Dutzend Wrackteile gefunden, nicht aber der Rumpf von Flug MH370. (Archivbild)
Bisher wurden nur ein paar Dutzend Wrackteile gefunden, nicht aber der Rumpf von Flug MH370. (Archivbild)© Raymond Wae Tion/MAXPPP/QUOTIDIEN DE LA REUNION/dpa

Neue Erkenntnisse zum Absturz? Fischer in Madagaskar fand Trümmerteil

Das nun diskutierte Fragment wurde bereits vor mehreren Jahren von einem Fischer an der Südküste Madagaskars entdeckt. „Es lag eine Weile herum, weil er nicht wusste, was es war“, berichtet Gibson. Erst 2025 wurde das Fragment anhand hochauflösender Fotografien von einem Boeing-777-Piloten analysiert, der anonym bleiben möchte. Ausschlaggebend war eine deutlich erkennbare Malaysia-Airlines-Schablone mit der Aufschrift „No Step“. Für Gibson ist damit klar: Das Teil stammt zweifelsfrei von MH370.

Der Pilot identifizierte es als inneres, vorderes Flügelpanel der rechten Tragfläche. „Alle Befestigungen wurden herausgerissen. Das wurde also auseinandergerissen“, sagt Gibson. Die Beschädigungen ließen nur einen Schluss zu: Der rechte Flügel sei während eines Hochgeschwindigkeits-Spiralsturzes auseinandergebrochen – möglicherweise noch in der Luft, spätestens aber beim Aufprall auf das Wasser.

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Bisherige Theorie zum Absturz sieht anders aus

Diese Einschätzung widerspricht einer Theorie, die von mehreren unabhängigen Forschern vertreten wird. Sie gehen davon aus, dass das Flugzeug nach einem anfänglichen Sturzflug wieder abgefangen wurde, anschließend noch kontrolliert glitt und schließlich eine Notwasserung versuchte. Insgesamt wurden bislang rund 60 mutmaßliche Trümmerteile von MH370 entdeckt – deutlich mehr als im offiziellen Abschlussbericht aus dem Jahr 2018 aufgeführt sind. Allerdings untersucht Malaysia seit Abschluss des Berichts keine neuen Funde mehr offiziell.

Die neuen Hinweise passen zu den früheren Ergebnissen der australischen Transportsicherheitsbehörde ATSB. Diese hatte anhand des 2015 auf La Réunion gefundenen Flaperons festgestellt, dass sich die Landeklappen zum Zeitpunkt des Abbruchs in eingefahrener, neutraler Position befanden – wie im normalen Reiseflug, nicht aber bei einer kontrollierten Notwasserung. Ob die Flügel bereits in der Luft oder erst beim Aufprall auseinanderbrachen, ließ die Behörde offen. Das neu identifizierte Fragment stützt nun die These eines strukturellen Versagens während des Sturzflugs oder beim Aufprall.

Blaine Gibson, amerikanischer Amateurermittler, hält nach eigenen Angaben ein Trümmerteil von MH370 in den Händen.
Blaine Gibson, amerikanischer Amateurermittler, hält nach eigenen Angaben ein Trümmerteil von MH370 in den Händen.© privat | Privat

Suche nach MH370: Tauchroboter sollen verschollenes Flugzeug aufspüren

Parallel zu diesen Erkenntnissen läuft seit Ende Dezember eine weitere Suchmission des Unternehmens Ocean Infinity. Mit drei autonomen Unterwasserfahrzeugen vom Typ Hugin 6000 wird ein rund 15.000 Quadratkilometer großes Gebiet im südlichen Indischen Ozean abgesucht, etwa 1500 Kilometer westlich von Perth. Die Fahrzeuge nutzen hochauflösendes Synthetic-Aperture-Sonar, um selbst kleine Objekte auf dem Meeresboden zu erkennen. Ergänzt wird die Technik durch ferngesteuerte Tauchroboter mit Kameras, Beleuchtung und Greifarmen.

„Entscheidend sind die Entwicklungen bei den Sonarsystemen: Auflösung, Datenerfassung und vor allem die Analyse der Sonarbilder“, erklärt der Ozeanograf Charitha Pattiaratchi von der University of Western Australia. „Das ist der technologische Fortschritt.“

Hobby-Ermittler vermutet Wrack in bereits durchsuchtem Gebiet

Zu den bevorzugten Suchgebieten zählt auch der sogenannte Broken Ridge bei 32,5° S und 96,5° E – eine Position, die Gibson gemeinsam mit Pattiaratchi eingegrenzt hat. „Ich denke, das Flugzeug ist ungefähr dort“, sagt Gibson. Frühere Suchaktionen hätten die Region entweder nur teilweise oder zu nah am sogenannten siebten Bogen der Satellitendaten abgesucht. Sollte das Flugzeug etwas weiter geglitten sein oder der siebte Bogen eine Fehlertoleranz aufweisen, könnte das Wrack bislang übersehen worden sein.

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Ob die aktuelle Mission erfolgreich sein wird, ist offen. Malaysia zahlt Ocean Infinity nur dann, wenn substanzielle Wrackteile gefunden werden. Für die Angehörigen der 239 Passagiere und Besatzungsmitglieder ist jedes neue Trümmerteil zugleich Hoffnung und Belastung. Es liefert weitere Hinweise – macht aber auch deutlich, dass endgültige Antworten wohl erst am Grund des Ozeans zu finden sein werden.