Als Beck und Bec Lea vor einigen Wochen die Koffer zu stapeln begannen, wirkte es wie der Beginn eines gewöhnlichen Familienumzugs. Doch je näher der 10. Dezember rückt, desto klarer wurde den beiden Müttern, die in Down Under eine feste Größe in der Influencer-Branche sind, dass ihr Abschied ein ungewöhnlicher ist. Nicht ein Job, nicht ein Hausverkauf, nicht einmal das Klima treibt die vierköpfige Familie nach Großbritannien – sondern ein Gesetz. Die 14-jährige Tochter Charlotte, online bekannt als „Charli“, hat mehr als 550.000 Abonnenten auf YouTube und 284.000 Follower auf TikTok. In Australien wäre sie von all dem nun abgeschnitten.
Australien schreibt Geschichte. Ab dem 10. Dezember sind Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram, Facebook, Snapchat, X, Reddit, YouTube und Twitch für alle unter 16 Jahren verboten – Australien ist weltweit das erste Land der Welt, das solch ein Verbot sozialer Medien umsetzt. Die Plattformen müssen bis zum Stichtag nachweisen, dass sie Minderjährige aussperren. Wer sich weigert oder zu lax kontrolliert, riskiert Strafen von bis zu 50 Millionen australischen Dollar, fast 30 Millionen Euro. Ausgenommen sind Gaming-Plattformen, Messenger wie WhatsApp sowie Bildungs- und Gesundheitsangebote.
Schon jetzt greifen die großen Konzerne durch: Meta informierte Hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer, dass ihre Profile geschlossen werden. Allein auf Instagram betrifft das rund 350.000 Teenager zwischen 13 und 15 Jahren. Sie konnten ihre Inhalte herunterladen, bevor die Accounts gelöscht wurden.
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Große Zustimmung für Gesetz in Australien: „Kinder Kinder sein lassen“
Trotz solcher persönlichen Härten ist die Zustimmung in der Bevölkerung überwältigend: 77 Prozent der Australier unterstützen das Gesetz, wie eine YouGov-Umfrage zeigt. Premierminister Anthony Albanese spricht von einem notwendigen Schutzschild. „Social Media richtet sozialen Schaden an“, sagte er. Das Verbot sei „weltweit führend“ und wolle „Kinder Kinder sein lassen“. Für viele Eltern klingt das wie eine Rückeroberung der Kindheit.
Professor Terry Flew von der Universität Sydney erklärt die Zustimmung auch mit sozialem Druck: „Einer der Gründe, warum viele junge Menschen auf Social-Media-Plattformen sind, ist, dass ihre Altersgenossen dort sind.“ Wenn dieser Effekt wegfalle, könne die Nutzung „ziemlich schnell zurückgehen“. Gleichzeitig verweist er auf eine bemerkenswerte Doppelmoral: Im Silicon Valley würden die Kinder von Tech-Unternehmern dort Schulen besuchen, „in denen Handys verboten sind“.

Expertin warnt vor Maßnahme: „Stumpfe Reaktion“ auf ein komplexeres Problem
Doch wissenschaftlich ist die Sache längst nicht so eindeutig. Catherine Page Jeffery, Medienforscherin an der Universität Sydney, gehört zu den 140 Akademikern und Jugendarbeitsexperten, die eine Petition gegen das Gesetz unterzeichnet haben. „Ein Verbot, das junge Menschen ausschließt, ist eine stumpfe Reaktion auf ein komplexeres Problem“, kritisiert sie. Stattdessen sollte der Staat dafür sorgen, „dass Social-Media-Dienste einen sichereren Raum bieten“.
Besonders gefährlich seien unbeabsichtigte Folgen: „Dieses Verbot könnte junge Menschen in weniger regulierte Räume treiben und ihre Online-Praktiken in den Untergrund verlagern.“ Zudem seien Jugendliche selbst kaum befragt worden. Nostalgische Vorstellungen einer analogen Kindheit hält sie für irreführend: „Diese Unterscheidung zwischen realer und Online-Welt existiert für junge Menschen nicht wirklich.“ Für viele, besonders LGBTQI-Jugendliche, sei das Internet „der einzige Ort der Zugehörigkeit“.
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Vor allem die Einbeziehung von YouTube ist umstritten. Google protestierte scharf: „YouTube ist eine Video-Plattform mit einer Bibliothek hochwertiger, kostenloser Inhalte. Es ist kein soziales Netzwerk.“ Die Regierung habe eine öffentliche Zusage gebrochen. Beobachter rechneten mit einem juristischen Konflikt, doch Anfang Dezember lenkte Google schließlich ein.
Auch verfassungsrechtliche Bedenken wurden angemeldet. Eine Gruppe namens Digital Freedom Coalition hat bereits eine Klage eingereicht. Diese argumentiert, dass die Gesetzgebung das implizite Recht auf politische Kommunikation von Personen unter 16 Jahren beeinträchtige. Parallel dazu lobbyieren US-Konzerne bei der US-Regierung unter Donald Trump – mit dem Argument, das Verbot verstoße gegen das Freihandelsabkommen zwischen Australien und den USA.
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Und dennoch: Die Welt schaut zu. Dänemark kündigte bereits ein ähnliches Gesetz an. In Norwegen, Frankreich und den Niederlanden liegen Vorschläge vor. Und selbst die Europäische Union signalisiert Bereitschaft, dem australischen Weg zu folgen. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič nannte das Gesetz vor Kurzem „wegweisend“, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verglich es mit Regeln zu Alkohol, Tabak und nicht jugendfreien Inhalten.
„Sollte sich abzeichnen, dass Australien sein Verbot effektiv und nachhaltig umsetzen kann“, sagt der deutsche Digitalisierungsexperte Robert Gerlit, der die Einführung des Verbots vor Ort beobachtet, so werde es Europas Kritikern deutlich schwerer fallen, sich ähnlichen Maßnahmen zu widersetzen. Denn dann müssten sie erklären, „warum europäische Kinder weniger Schutz verdienen als australische“.
Für die Leas, deren YouTube-Account „Empire Family“ mehr als 1,8 Millionen Abonnenten hat, kommt diese Debatte zu spät. Sie haben ihre Konsequenzen bereits gezogen – und machen damit sichtbar, wie sehr das Verbot nicht nur politische Grundsatzfragen berührt, sondern auch das Leben einzelner Familien verändert.




