- Die Vogelgrippe breitet sich in Deutschland rasant aus
- Die Präsidentin des Friedrich‑Loeffler‑Instituts warnt vor der neuen Dynamik
- Für Spaziergänger, Tierhalter und Verbraucher gelten jetzt klare Verhaltensregeln
Tausende Kraniche verenden in diesen Tagen auf ihren Rastplätzen auf ihrem Weg in den warmen Süden. Ganze Schwärme liegen tot an Seen im Grenzgebiet von Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie in Brandenburg. Schätzungen gehen von Zehntausenden toten Wildvögeln insgesamt aus. In Geflügelbetrieben werden Hunderttausende Tiere gekeult. Die Vogelgrippe, offiziell Geflügelpest genannt, hat Deutschland erneut fest im Griff. Agrarminister warnen bereits vor einer neuen Welle.
Noch ist die Zahl der Ausbrüche ähnlich hoch wie in den Spitzenjahren 2020, 2021 und 2022 – doch die Dynamik ist ungewöhnlich. „Was uns beunruhigt, ist der sehr schnelle Verlauf der letzten Tage“, sagt Prof. Dr. Christa Kühn, Präsidentin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Im Gespräch mit dieser Redaktion erläutert sie die Gefahr, die von Zugvögeln ausgeht, wie es um die Weihnachtsgans steht und betont, worauf jeder von uns nun unbedingt achten sollte.
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Frau Kühn, wie schätzen Sie das aktuelle Infektionsgeschehen ein?
Prof. Dr. Christa Kühn: Wir müssen differenzieren: Die absoluten Zahlen liegen derzeit noch im Rahmen früherer Jahre. Aber der Verlauf ist aktuell sehr dynamisch – und das beunruhigt uns. Besonders betroffen sind die Kraniche, aber auch andere Wildvögel, die derzeit in großen Schwärmen über Deutschland ziehen, sowie einige größere Geflügelhaltungen. Wir beobachten das Geschehen in einer Art „Wachposition“.
Vogelgrippe: Das bedeutet die aktuelle Entwicklung für die Kraniche
Größere Ausbrüche gab es schon früher. Warum ist die aktuelle Entwicklung so ungewöhnlich?
Kühn: Neu ist, dass in so kurzer Zeit, binnen weniger Tage, so viele Fälle gemeldet werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei stark auf die Kraniche, weil diese für uns alle sehr sichtbar sind – tote Enten fallen da weniger auf. Entscheidend ist aber: Die hohe Zahl der Ausbrüche in Hausgeflügelbeständen zeigt, dass eine sehr hohe Viruslast in der Umwelt vorhanden ist.
Wie gefährlich ist die Situation für die Kraniche selbst?
Kühn: Wir sehen lokal Sterberaten von über zehn Prozent, etwa an den Stauseen in Thüringen. Die tatsächlichen Zahlen sind schwer zu beziffern, weil man viele Tiere gar nicht findet. Wir werden definitiv einen Rückgang der Bestände erleben – aber es war ein gutes Brutjahr, sodass sich die Population vermutlich erholen kann. Wir müssen also keine Sorge haben, nächstes Jahr keine Kraniche mehr bei uns zu sehen.

In einigen Medien ist von Kranichen als neue „Superspreader“ die Rede. Teilen Sie diese Einschätzung?
Kühn: Nein. Von dem Begriff „Superspreader“ halte ich in diesem Zusammenhang nichts. Der Begriff verzerrt das Bild und schürt unnötige Panik. Kraniche sind zwar besonders empfänglich und scheiden das Virus stark aus – aber sie sind nicht die alleinigen Treiber. Auch andere Wildvögel können das Virus verbreiten, genau wie indirekt wir Menschen oder etwa Geflügel beim Transport.
Virus breitet sich aus – Expertin mahnt alle Menschen zur Vorsicht
Wie gelangt das Virus überhaupt in Geflügelbetriebe?
Kühn: Es gibt zwei Hauptrouten: direkten Kontakt und indirekte Einschleppung. Betriebe mit Außenhaltung – etwa Enten oder Gänse – sind besonders gefährdet, weil sich Wildvögel dort aufhalten können. Hinzu kommt, dass durch die hohe Viruslast in der Umwelt die Erreger etwa auch über Schuhe, Geräte oder Fahrzeuge eingeschleppt werden können. In den Ausscheidungen kranker Tiere finden wir die höchste Viruskonzentration. So kann sich die Infektion sehr schnell weiterverbreiten, auch ohne direkten Kontakt, etwa wenn wir unbewusst hineintreten.
Nicht nur Vogelgrippe ist gefährlich: Diese Viren und Keime bedrohen Deutschland – „Impfung wäre ein Segen“
Wie groß ist die Gefahr für den Menschen?
Kühn: Das Virus ist nach wie vor ein Vogelvirus. Es gibt hohe Hürden, bevor es auf den Menschen übergehen kann. Infektionen des Menschen bei starker Exposition, etwa beim Bergen verendeter infizierter Vögel, sind aber nicht auszuschließen. Deshalb ist für solche Fälle das Anlegen einer Schutzausrüstung essenziell. Entscheidend ist, den ungeschützten Kontakt zu infizierten Wildtieren und Geflügel zu vermeiden – auch, damit bei Infektionen des Menschen keine sogenannten „Säugetieradaptionen“ entstehen, also eine Anpassung des Virus an andere Tierarten. Menschen sollten Kadaver keinesfalls anfassen. Und ebenfalls ganz wichtig: Spaziergänger sollten Rastgebiete von Wildvögeln meiden und Tiere nicht aufscheuchen.
Vogelgrippe auch eine Gefahr für Haustiere? Das sagt die Expertin
Und wie ist das bei Haustieren wie Katzen oder Hunden?
Kühn: Katzen sind grundsätzlich empfänglich für das Virus, Hunde dagegen kaum. Wir wissen aus den USA, dass Katzen nach Kontakt mit infizierten Tieren erkranken und teilweise sterben können. Eine Übertragung von Katze auf Mensch wurde jedoch weltweit noch nie beobachtet. Wer in betroffenen Gebieten lebt, sollte Katzen möglichst im Haus halten und Hunde an der Leine führen. Doch selbst wenn eine Katze einen infizierten Vogel frisst, kann das zwar für die Katze gefährlich werden, aber ein Risiko für die Besitzer bleibt gering.
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Kann das Virus auch über Lebensmittel übertragen werden – etwa über Geflügelfleisch im Handel?
Kühn: Auch das ist extrem unwahrscheinlich. Geflügel wird vor der Schlachtung veterinärmedizinisch untersucht. Da Hühner und Puten sehr empfänglich sind, würde ein Ausbruch in einem Bestand kaum unentdeckt bleiben. Dennoch gilt wie immer: Mit rohem Geflügelfleisch sollte man in der Küche vorsichtig umgehen – nicht nur jetzt wegen des Vogelgrippe-Virus, sondern noch viel eher wegen anderer Erreger wie Campylobacter, die ansteckende Durchfall-Erkrankungen auslösen, oder Salmonellen.

Wie bewerten Sie das wirtschaftliche Risiko für die Geflügelhalter?
Kühn: Momentan ist es vor allem für Enten- und Gänsebetriebe kritisch – gerade jetzt, kurz vor dem Weihnachtsgeschäft. Sollte sich die Ausbreitung weiter beschleunigen, könnte das wirtschaftlich sehr schmerzhaft werden. Noch sprechen wir aber nicht von einem „Drama“. Die Zahlen sind aktuell niedriger als in früheren Jahren, aber der Trend ist steigend. Was wir jetzt brauchen, ist Aufmerksamkeit – aber keine Hysterie.







