Für eine Weile waren es nur noch Reifenspuren, die davon zeugten, welch schrecklichen Fund eine Spaziergängerin am Dienstag hinter dem kleinen Örtchen Klein Uphal in Mecklenburg-Vorpommern gemacht hatte. Zahlreiche Polizisten passierten noch am selben Tag den schlammigen Weg, um jenen Tümpel zu erreichen, an dem die Kinderleiche lag. Dass es sich tatsächlich um den seit Freitag, 10. Oktober, vermissten Fabian handelt, bestätigte ein DNA-Test nun eine Woche später. Die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus. Wie am Freitag bekannt wurde, wollen sie nun noch einmal den Fundort der Leiche untersuchen. Die Maßnahmen „dienen dem Auffinden von Bezugsgegenständen zu der Tat“, teilten Polizei und Rostocker Staatsanwaltschaft mit.

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Die Schrecken der vergangenen Tage halten also an. Und so ist das knapp 15 Kilometer entfernte Güstrow, die Heimatstadt des achtjährigen Fabian, zu einem Ort der Trauer geworden. „Das ist eine große Prüfung für uns alle“, sagte Pastor Jens-Peter Schulz dieser Redaktion. Er steht gegenüber der Pfarrkirche St. Marien, vor der seit Dienstag zahlreiche Kerzen an Fabian erinnern. Kaum ein Passant kommt vorbei, der sie nicht eines traurigen Blickes würdigt.

Am Tag der schmerzhaften Nachricht, dass Fabian tot ist, habe sich die Hoffnung in Entsetzen, Trauer und Mitgefühl verwandelt, beschreibt Bürgermeister Sascha Zimmermann die Gefühlslage der Bevölkerung. Ähnliches berichten Menschen, die vor und in der Kirche innehalten. Fast immer steht jemand vor der Gendenkstätte. Um den Menschen einen Ort der Begegnung zu ermöglichen, lässt Pastor Schulz seine Kirche nun länger geöffnet.

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Güstrows Bürgermeister beschreibt Fabian als umtriebig – „Kein Kind, das nur zuhause saß“

Neben der eigenen Gefühlslage beschäftigt viele, wie man den Tod von Fabian den Kindern und Jugendlichen der Stadt erklärt. Man dürfe sie ja nicht verängstigen, meint eine Frau, die am Donnerstagmorgen vor der Kirche steht.

Doch der Tod des Kindes scheint allgegenwärtig. Das Meer aus Kerzen ist für kaum jemandem in Güstrow zu übersehen. Zudem war der Junge in der Stadt kein Unbekannter. „Es gibt eben ganz viele Menschen, die mit Fabian Kontakt hatten. Es war eben kein Kind, das nur zuhause saß.“, so Zimmermann gegenüber dieser Redaktion. „Er war bekannt dafür, dass es mit dem Fahrrad quer durch Güstrow gefahren ist. Auf Spielplätzen war er, wo andere ihn kannten.“

Und so sind es auffallend viele Jugendliche, die mit ihren Eltern oder Freunden vor der Kirche stehen. Es gebe einige, „die jetzt in Aktionismus verfallen – die was tun wollen“, so Schulz. Um die Kinder abzuholen, lud der Pastor sie am Donnerstagnachmittag in die Pfarrkirche ein, um Wimpelketten zu gestalten. Das Ergebnis waren unzählige, auf Papier gemalte Kerzen, die zu einer Art Girlande zusammengefügt werden können.

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Kinder hinterlassen Botschaft: „Fabian. Es tut mir sehr leid. Ich habe Angst“

„Fabian. Es tut mir sehr leid. Ich habe Angst“, steht in krakeliger Kinderschrift auf einer Bastelkerze geschrieben. In einem anderen Teil des Gotteshauses sind zahlreiche Gaben aufgereiht, die an Fabian erinnern – darunter Kuscheltiere, eine Schüttelkugel oder ein Überraschungsei. Zwei Mädchen knien davor und tuscheln aufgeregt. Kurz zuvor besuchte noch Fabians Schulklasse den Ort der Trauer. „Das war wunderschön, aber auch zutiefst bewegend“, erinnert sich der Pastor.

Kinder basteln Kerzen Güstrow
In der Pfarrkirche haben Kinder Kerzen gebastelt, auf denen sie Botschaften hinterlassen.© Daniel Weidmann | Daniel Weidmann

Vor dem Altar steht ein Bild des verstorbenen Fabians. Auch hier brennt eine kleine Kerze. „Man hat gemerkt, wie groß die Sehnsucht ist, Licht ins Dunkel zu bringen“, so Pastor Schulz, der damit verdeutlichen möchte, welch große Symbolkraft die Kerze für seine Gemeinde und die Stadt hat. Es sei ein finsteres Tal, „durch das wir hier kollektiv gehen in Güstrow.“

Besonders deutlich sei dies bei einem Andachtsgottesdienst am Dienstag gewesen. 400 Kerzen sollen in der Kirche gestanden haben, bis die Feuerwehr das Ritual nach draußen verlegte. Seither bedeckt das Kerzenmeer den Vorplatz. 700 Leute seien zu der Veranstaltung gekommen. „Wir merken, da ist eine Sehnsucht nach Sinn. Danach, dass sich diese ganzen Scherben wieder zusammensetzen.“

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Bürgermeister kann Wut nachvollziehen

Wann dies geschieht, ist bislang noch völlig offen. Die Behörden gaben noch keine weiteren Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Dennoch hofft der Bürgermeister, dass der Täter schnell gefunden wird. „Diese Frage nach dem ‚Warum‘? Wer ist in der Lage, ein achtjähriges Kind zu töten – und kann meinem Kind das auch passieren?“ All das könne er nachvollziehen, genauso wie die Wut auf den Täter – und die Angst um das eigene Kind.

Suche nach vermisstem Achtjährigen wird fortgesetzt
Am Ende des schlammigen Feldweges sicherten am Dienstag Ermittler Spuren am Leichenfundort.© Bernd Wüstneck/dpa | Bernd Wüstneck

Trotz alledem: Sowohl Schulz als auch Zimmermann kommen im Gespräch mit dieser Redaktion immer wieder auf die Solidarität in Güstrow zu sprechen. „Das eint die Stadtgesellschaft, weil das ein Fall ist, der solidarisch macht“, so Zimmermann. Der Bürgermeister hat selbst Kinder, die mittlerweile im Erwachsenenalter sind. „Man ahnt zumindest, wie es der Mutter und dem Vater gehen könnte.“ Gesprochen haben beide mit den Eltern des toten Jungen noch nicht. Auch bei der Gedenkveranstaltung am Dienstag waren Mutter und Vater nicht zugegen.

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„Die Stadt beweist, dass sie gut zusammenhält“, ist sich Zimmermann sicher. Das bewegt mich auch ganz schön.“ Er kannte Menschen, die Fabien kannten. „Und wenn die anfangen zu weinen, fängt man automatisch mit an zu weinen.“