Der Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow hat die Menschen in ganz Deutschland erschüttert. Der Junge wurde Opfer einer Gewalttat. Haupttatverdächtig ist eine Frau. Sie sitzt seit November in Untersuchungshaft, nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Der Vorwurf: heimtückischer Mord. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft soll die Frau Fabian aus dem Haus seiner Mutter gelockt und den Jungen an einem nahegelegenen Tümpel mit sechs Messerstichen in den Oberkörper ermordet haben. Sein Leichnam, so heißt es vonseiten der Ermittler, sei vermutlich angezündet worden, um Spuren zu verschleiern.

Dass in dem Fall eine Frau verdächtigt wird, hat auch Dr. Gilda Giebel, Forensische Psychologin, verblüfft. „Männer sind mit Abstand die Haupttäter bei Gewaltverbrechen“, so Giebel, die die gefährlichsten Männer Deutschlands behandelt und dies in ihrem Buch „Triebhaft – Zwischen Narzissten, Sadisten und Psychopathen“ (Riva Verlag, 272 Seiten, 22 Euro) beschrieben hat. Hier erklärt die Expertin, was Frauen dennoch dazu motivieren kann, Gewalttaten zu begehen.

Lesen Sie hier, welchen Verdacht ein Profiler zum Tatmotiv im Fall Fabian hat

Sie sind Forensische Psychologin und haben hauptsächlich mit Männern zu tun. Wie kommt das?

Gilda Giebel: Das liegt daran, dass Männer deutlich häufiger Gewalttaten begehen. In Deutschland lag der Männeranteil bei den rechtskräftig Verurteilten im Jahr 2023 bei etwa 82 Prozent, während Frauen nur rund 18 Prozent ausmachten. Von den schweren Fällen, die in Deutschland in Sicherungsverwahrung sitzen, sind etwa 500 Männer und nur zwei Frauen.

Expertin über Straftaten: „Frauen greifen zu sanfteren Methoden“

Selten, aber dennoch möglich. Was muss passieren, dass eine Frau zu massiver Gewalt greift?

Giebel: Man muss sich dessen wirklich bewusst sein: Es ist absolut selten, dass Frauengewalt so zerstörerisch ist. Einen Brand zu legen, wäre auch eher männertypisch.

Frauen morden anders, heißt es oft. Stimmt das?

Giebel: Auf jeden Fall. Es gibt zwar auch die abgebrühten Täterinnen, die aus Habgier morden. Aber in den allermeisten Fällen handelt es sich um emotionale Motive und Beziehungsdelikte. Ganz klassisch: Die Frau kennt das Opfer. Sie möchte mit der Tat einer anderen Person schaden.

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Laut Dr. Gilda Giebel, Forensische Psychologin, begehen Männer deutlich häufiger Gewalttaten als Frauen. © picture alliance / Geisler-Fotopress | Hein Hartmann/Geisler-Fotopress

Warum?

Giebel: Das kann aus Überforderung, aber eben auch aus Eifersucht geschehen. Auch aus Rache oder Demütigung heraus, wenn die Frau sich extrem verletzt fühlt. Den Männern geht es um Macht. Sie werden hochaggressiv, um die Macht und die Kontrolle zu haben. Frauen reagieren eher aus einer emotionalen Krise heraus, sie richten ihre Aggressionen dann aber eher nach innen. Wenn sie dennoch nach außen gehen und töten, sind es eher nicht die ganz brutalen Methoden. Männer schlagen zu oder stechen mit dem Messer auf ihr Opfer ein. Frauen neigen eher zu, sagen wir, „sanfteren“ Methoden, wie Gift unters Essen mischen oder jemanden mit einem Kissen zu ersticken.

Fall Fabian ist laut Expertin „eher untypisch für einen Frauenmord“

Was hat Sie im Fall Fabian aufhorchen lassen?

Giebel: Die Art der Brutalität wäre insgesamt extrem untypisch für einen Frauenmord. Frauen sind ja sozial eher angepasst und emotional zugewandt, was sich auch oft an den Taten ablesen lässt. Man denke nur an Elfriede Blauensteiner, die „Schwarze Witwe“, die sich als Helferin aufspielte und dann reiche heiratswillige Männer verführte und sie dann umbrachte. Dieses Raffinierte ist eine Variante des weiblichen Tötungsmusters. Frauen sind auch gut darin, Taten zu verdecken, auch, indem sie die Taten auf Ursachen wie Unglücksfälle zurückführen. Sie gehen insgesamt deutlich kreativer vor als Männer und man traut ihnen Morde seltener zu.

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Kommt es häufig vor, dass Frauen Kinder töten?

Giebel: Selten. Es ist ein absolutes Tabuthema. Und wenn sie es tun, dann sind es eher ihre eigenen. Häufig tun sie das aus Überforderung. Manche haben ihre Schwangerschaft lange nicht wahrhaben wollen und dann kommt es kurz nach der Geburt dazu, dass sie ihre Kinder töten. Oder weil sie mit dem Kind überfordert sind, zum Beispiel, weil es ständig schreit und sie es zu Tode schütteln.

Und wenn es fremde Kinder sind?

Giebel: Möglich wäre zum Beispiel, dass Frauen ihrem Partner oder Ex-Partner das nehmen wollen, was ihm am meisten bedeutet – sein Kind. Vielleicht aus Eifersucht auf die enge Bindung zwischen Vater und Kind. Und auch eine Trennung kann problematisch sein, wenn Frauen den Schmerz nicht ertragen. Nach dem Motto: Wenn ich dich nicht haben kann, sollst du auch nicht glücklich sein.

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Frauen im Maßregelvollzug wird standardmäßig eine Therapie angeboten. Wie läuft diese ab?

Giebel: Man muss zuerst die Dynamik verstehen, also den Deliktmechanismus, wie es so schön heißt. Warum hat gerade diese Person mit diesen Bedürfnissen und Eigenschaften diese Tat begangen. Wenn man das verstanden hat, ändert sich eigentlich kaum etwas in der Therapie von Frauen oder Männern.

Ob eine Therapie wirklich hilft, hängt vor allem davon ab, ob die Täter Reue zeigen und motiviert sind, sich zu ändern. Bei den Männern, mit denen ich zusammengearbeitet habe, war es häufig so, dass sie keine Verantwortung für ihre Tat übernehmen wollten und zudem noch völlig unempathisch waren. Aber wenn sie sich nicht öffnen, wenn sie sich nicht mit der Tat auseinandersetzen, kann eine Therapie kaum gelingen. Das trifft sowohl auf Männer als auch auf Frauen zu.

Dieser Artikel erschien erstmals im November 2025 und wurde aktualisiert.