In dem kleinen Zelt, in dem Satima, die Ärztin und Hebamme, und die Psychotherapeutin Bibi Amena auf Patienten warten, ist es stickig und heiß. Die beiden Frauen tragen trotzdem die Burka, das dunkelblaue Kleid, unter dem auch das Gesicht verborgen wird. „Wir sind hier in einer sehr konservativen Region und wir respektieren die Kultur hier“, sagt Amena. In Nangarhar, der Nachbarprovinz, aus der die beiden stammen, brauchen sie die Burka nicht, und es ist ihnen anzumerken, wie ungewohnt die Situation für sie ist. Zwei Frauen kommen in das Zelt, eine hat ein kleines Mädchen dabei. Satima wirft den blauen Burkastoff unwirsch zurück. So kann sie besser sehen. Sie beginnt mit der Untersuchung.

Es ist Tag vier nach dem verheerenden Erdbeben in Osten Afghanistans. Noch immer steigen die Opferzahlen. Niemand weiß genau, wie viele Tote es bereits sind. Afghanische Medien berichten bereits von mindestens 4500 Todesopfern, offiziell wird von etwa 2200 gesprochen. In der mit Abstand am heftigsten betroffenen Provinz Kunar sind Tausende Helfer im Einsatz, um die Toten und Verletzten zu bergen und die Überlebenden mit dem Nötigsten zu unterstützen.
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Afghanistan: Viele Verletzte sind schwer traumatisiert
In Andar Lachak, einem kleinen Dorf in einem Tal voller stattgrüner Maisfelder, hat der Afghanische Rote Halbmond am Ufer eines kleinen Flusses ein Feldlazarett aufgebaut. Davor stehen zahlreiche Menschen, fast alle sind Männer. Manche haben die Köpfe bandagiert, sie haben sich verletzt, als das Erdbeben in der Nacht auf Montag ihre Häuser zusammenstürzen ließ. Allein hier haben sie seit dem Beben über 250 Verletzte erstversorgt und Dutzende Tote gezählt, erzählt einer der Ärzte. Viele der Verletzten sind schwer traumatisiert.

„Zu uns kommen viele Frauen, die psychosoziale Unterstützung brauchen“, sagt Bibi Amena, die Psychologin. In nahezu jeder Familie hat es Todesopfer gegeben, die Zukunft ist ungewiss. „Wir versuchen, ihnen neue Hoffnung zu geben.“ Viele Kinder leiden unter Durchfallerkrankungen, weil die Wasserleitungen zerstört wurden und sie aus dem Fluss trinken müssen. Durch den Durchfall nimmt die Zahl der dehydrierten Patienten zu.
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Die Hälfte der bislang geborgenen Toten sind Kinder
Satima, die junge Ärztin, misst den Blutdruck der Frau, die vor ihr sitzt. Viel zu niedrig. Die Frau ist im neunten Monat schwanger, leidet unter Blutarmut. Satima schreibt ein Rezept für sie auf. Sie kann ihr jetzt Medikamente verschreiben, heute ist eine Lieferung der deutschen Hilfsorganisation „Friedensdorf International“ angekommen. Allmählich trifft auch internationale Hilfe in den abgelegenen Erdbebengebieten ein.

Plötzlich herrscht Aufregung. Ein Ruck im Erdreich, ein erneutes Nachbeben. Einer der Helfer draußen vor dem Zelt hat ein kreidebleiches Gesicht. „Ich kriege hier noch einen Herzinfarkt.“ Seit dem Erdbeben in der Nacht zu Montag wird die Region immer wieder von kleineren Nachbeben erschüttert. Es ist für die Überlebenden und Helfer eine zusätzliche Belastung. Jederzeit kann Gestein abgehen, können Erdrutsche herunterkommen.
Bibi Amena und Satima arbeiten ruhig weiter. Es ist für sie der zweite große Hilfseinsatz. Noch vor Kurzem waren sie an der nicht weit entfernten Grenze zu Pakistan, um Flüchtlinge zu versorgen, die aus dem Nachbarland deportiert wurden. „Wir sind solche Situationen gewohnt“, sagt die Psychologin. Die Hälfte der bislang geborgenen Toten sind Kinder, ein Drittel Frauen.
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Haschem lag stundenlang unter den Trümmern seines Hauses
In Sumai haben sie die Toten schon begraben, so wie es im Islam vorgeschrieben ist. Nicht weit entfernt von den Ruinen, die einmal die Häuser waren, in denen Mohammed Haschem mit seiner Frau und der Großfamilie gelebt hat, sind auf einem kleinen Friedhof die frischen Gräber, überdeckt von einer Plastikplane. Hier liegen Haschems Frau, einer seiner Söhne und ein Enkelkind. Der 52-Jährige sitzt auf einem Holzgestell vor den Trümmern seines Lebens und erzählt von der fürchterlichen Nacht, in der ihm seine Lieben genommen wurden. Seine Hände zittern. Hubschrauber fliegen über das Tal, ihr Rotorenlärm übertönt immer wieder das Gespräch. Sie holen die Verletzten aus den Gebieten, die tiefer in den Bergen liegen.
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Die Straße nach Sumai ist nicht mehr als ein schmaler Feldweg, staubig, uneben, voller Steine. Rechts die Bergwand, links ein Abgrund. Trucks quälen sich hoch, auf den Ladeflächen sitzen dichtaneinander Helfer. Tausende Männer haben sich freiwillig gemeldet, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen. Lastwagen sind beladen mit Kisten voller Lebensmittel.
Wer unter den Verletzten das Pech hat, in einer Ambulanz aus dem Erdbebengebiet herausgebracht zu werden und nicht mit dem Hubschrauber, hat keine Chance, schnell in das nächste Krankenhaus zu kommen. Auf der Straße stockt der Verkehr immer wieder, manchmal geht es eine halbe Stunde lang keinen Meter voran. Es herrscht Chaos, das die Männer vergeblich versuchen, mit Geschrei und guten Ratschlägen in geordnete Bahnen zu lenken.

Allein in Sumain sind acht Menschen gestorben, zwei Dutzend wurden verletzt. An den Resten des Steinhauses, in dem Mohammed Haschem mit seiner Familie lebte, haben andere Männer versammelt, um ihm Trost zu spenden. Ein Helfer des Afghanischen Roten Halbmonds spricht ein Totengebet. „Gott ist größer“, murmeln die Männer. Haschem hat Tränen in den Augen, als er von seinem Verlust spricht. Elf Mitglieder zählte seine Familie, jetzt sind sie nur noch zu acht, und er weiß nicht, wie es weitergehen soll. „Ich bin Bauer, wir haben nichts, womit wir wieder aufbauen könnten.“




