Die Soldaten rennen los, stapfen durch das kniehohe Wasser, werfen sich über die wulstigen Wände des Schlauchboots. Rumun wendet, der Außenbordmotor heult auf, das Boot jagt über den Fluss, hinein in die von Schilf gesäumten Kanäle. Die Männer kauern sich hinter die Bordwand, die Sturmgewehre im Anschlag. Im Schilf könnte der Feind verborgen sein. Rumun steuert das Boot ans Ufer, die Soldaten springen in den Matsch. „Schnell, schnell, schnell!“, schreit sie ihr Offizier an. Sie suchen Deckung in dem mehr als mannshohen raschelnden Gras, in dem sie mit ihren Tarnanzügen verschmelzen. Keuchend hasten sie Meter für Meter vor. Heute gibt es keinen Feindkontakt. Keine Drohnenangriffe. Keinen Artilleriebeschuss. Es ist eine Übung.

Der Krieg in der Ukraine, das sind nicht nur die großen Abwehrschlachten im Osten des Landes, die mörderischen Kämpfe um Städte wie Awdijiwka, Bachmut oder Pokrowsk. Auch im Süden stemmen sich ukrainische Soldaten gegen die russischen Angriffe. Der Krieg hier tobt im verästelten Flussdelta des Dnipro südlich von Cherson, jener Regionalhauptstadt, die im Herbst 2022 nach monatelanger russischer Besatzung von den Ukrainern befreit werden konnte. Auf der rechten Seite des Flusses liegen die ukrainischen Verteidiger, auf der linken die russischen Invasoren. Es ist ein Kampf um die kleinen schilfbedeckten Inseln im Delta, um die Kontrolle des Ufers. Auch hier ist der Krieg blutig und verlustreich. Die Soldaten der 40. Brigade der Küstenverteidigung, die zum 30. Marinekorps gehören, sind hier im Einsatz.

Ukraine: Kampf auf dem Wasser: Wer über Bord geht, kann wie ein Stein untergehen
Rumun, 40, war vor dem Krieg Bauarbeiter. Im März ist er eingezogen worden, jetzt ist er Fahrer eines Schlauchbootes. Rumun, das heißt „Rumäne“ ist sein Funkname, sein richtiger Name soll nicht veröffentlicht werden. Sein Job ist es, die Infanterie ins Zielgebiet zu steuern, Verwundete, Gefallene oder Gefangene aus der Kampfzone herauszuholen, Nachschub zu liefern. Es ist eine lebensgefährliche Aufgabe. „Auf dem offenen Wasser kann man sich nicht verstecken wie auf dem Land.“ Wenn er sein Boot mit bis zu 50 Stundenkilometern über den Fluss peitscht, sind er und die Männer an Bord Ziele für die feindliche Artillerie oder die allgegenwärtigen Drohnen.

Die Soldaten, die Rumun auf das Schlachtfeld fährt, tragen etliche Kilo schwere Schutzwesten, Gewehre, Munition. Wer über Bord geht, kann wie ein Stein untergehen. „Manche schließen ihre Westen nicht, um sie schnell abstreifen zu können.“ Jede Operation muss sorgfältig geplant werden. „Wir müssen geheime Plätze finden, wo wir die Infanterie absetzen.“ Ansonsten sind die Soldaten sofort unter feindlichem Beschuss. Aufgabe der ukrainischen Einheiten, die auf die kleinen Inseln oder das andere Flussufer übergesetzt werden, ist es meistens, ein Festsetzen feindlicher Truppen zu verhindern. Die russischen Streitkräfte sollen keine Möglichkeit haben, ausreichend Soldaten für einen größeren Angriff auf Cherson zu sammeln. Es ist ein zähes Ringen.
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Ukraine: Neue Hightech-Waffe soll Russen zurückdrängen – das kann die Barracuda
In die Geschichte des Krieges ist im Delta vor allem die Schlacht um Krynky eingegangen. Im Herbst 2023 errichteten ukrainische Marinesoldaten einen Brückenkopf in dem kleinen Dorf auf der linken Seite des Flusses, das nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms überflutet worden war. Sie hielten monatelang bis in den Sommer hinein die Stellung, bis sie sich nach hohen Verlusten wieder über den Fluss zurückziehen mussten. Vahon, sein Funkname bedeutet „Wagen“, war damals Bootsfahrer bei der 36. Brigade der Marineinfanterie. „Krynky war die Hölle“, sagt er kurz angebunden. Er hat die Truppen damals reingebracht. Viele konnte er nicht zurückbringen. Zurzeit läuft es besser für die Ukrainer. „Wir haben vergleichsweise wenige Tote“, sagt Rumun.

Seit einigen Monaten hat die 40. Brigade eine neue Waffe in ihrem Arsenal. Am Tag nach der Übung dümpelt auf dem Fluss ein etwa fünf Meter langes, olivgrünes Boot. Es braucht keinen Fahrer. Die „Barracuda“ ist eine Überwasserdrohne. Habat, im Zivilen Ingenieur und jetzt seit Februar Soldat bei der 40. Brigade, hat sie mitentwickelt. „Das ist ein modulares System, auf dem wir verschiedene Waffen installieren können.“

Zwölf verschiedene Varianten dieser Drohne gibt es mittlerweile. Einige sind mit Granatwerfern bestückt, andere mit schweren Maschinengewehren, wieder andere sollen die Infanterie absetzen, ohne dass ein Fahrer das Boot steuern muss. Manchmal beladen sie die Barracuda auch mit bis zu 500 Kilogramm Sprengstoff und steuern sie als Kamikazedrohne ins Ziel. Eine Kamikaze-Mission war auch der erste Einsatz der Drohne. Im Januar zerstörte eine gewaltige Explosion eine Ansammlung russischer Boote und Soldaten, erzählt Habat.
Die Barracuda ist ein richtiger Gamechanger auf dem Fluss.
Habat, Soldat der 40. Brigade der ukrainischen Küsten-Verteidigung
Barracuda: Von der Überwasserdrohne können Flugdrohnen starten
Am Flussufer bereitet der Pilot die Drohne für den Einsatz vor. Ein Laptop, ein einfacher Controller, ein Starlink-Terminal reichen für den Betrieb. Theoretisch könnte die Drohne von Deutschland aus gesteuert werden. Und wenn die Verbindung abreißen sollte, könnte die Maschine sich bei einer Kamikaze-Mission selbst ihr Ziel suchen. Künstliche Intelligenz würde dann den Piloten ersetzen.

Die Barracuda ist mittlerweile auch eine Plattform für fliegende Drohnen. „Das Boot kann sie 400 bis 500 Kilometer transportieren, dann starten sie von einer Plattform und attackieren das Ziel“, sagt Habat. Auf einem Video der 40. Brigade ist eine solche Mission zu sehen. Eine von einer Barracuda gestartete Flug-Drohne entdeckt ein russisches Landungsboot, steuert auf es zu, explodiert.

Im Sommer haben sie die Barracuda auf dem Fluss eingesetzt, um Kanäle zu verminen, die die russischen Streitkräfte als Nachschublinien nutzten. „Sie konnten ihre Leute zwei Wochen lang nicht versorgen oder herausrotieren.“ Habat sagt, die Russen fürchteten das Boot. „Sie kennen das System. Im Juni haben wir den russischen Funkverkehr abgehört. Sie hatten Angst und haben sich geweigert, Boote zu besteigen.“ Auch die Front im Süden sei mittlerweile ein Fleischwolf für die Angreifer. „Die Barracuda ist ein richtiger Gamechanger auf dem Fluss.“

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Die Barracuda schießt über das Wasser – die Angler sind unbeeindruckt
Heute üben sie mit der Drohne den Transport von Infanterie-Soldaten. Zwei Männer klettern auf das Boot, der 250-PS-Diesel-Motor grummelt, stinkender Qualm steigt auf. Das Boot schießt auf das glitzernde Wasser hinaus. Am Flussufer stehen Angler. Sie wirken unbeeindruckt, rauchen und genießen die warme Herbstsonne.
Es wird bald kalt werden im Süden. In den vergangenen Monaten waberten Gerüchte, die Russen planten hier eine größere Offensive. Habat gibt sich entspannt: „Wir sind vorbereitet. Wenn sie starten, haben wir eine gute Antwort. Wir werden Cherson beschützen.“



