Vor wenigen Minuten haben Qamar Gul Nasrat und seine Leute wieder zwei Opfer geborgen. Zwei Kinder, eines tot, eines verletzt. Das verletzte Kind wird mit einem der Helikopter ausgeflogen, die die Regierung in den unwegsamen Distrikt Mazar Dara geschickt hat. „Hier ist kein Haus unbeschädigt“, sagt Nasrat. Das Entsetzen ist ihm durch das Telefon anzuhören. Immer wieder erschüttern Nachbeben Wadeer, ein Dorf in der Provinz Kunar im Osten Afghanistans. Das Gestein bricht. „Hier in den Bergen hört es sich an wie Explosionen.“
Erneut hat eine Naturkatastrophe das Land am Hindukusch heimgesucht. In der Nacht zu Montag lässt ein Erdbeben der Stärke 6,2 Gebäude in den Provinzen Kunar, Nuristan, Laghman und Nangarhar wie Kartenhäuser zusammenbrechen. Schlafende Menschen werden unter den Trümmern begraben. Die Erschütterungen sind bis in die 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Kabul zu spüren. Noch in der Nacht machen sich Helfer des Katastrophenschutz-Ministeriums und des Afghanischen Roten Halbmonds auf den Weg, um Hilfe zu leisten.
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Qamar Gul Nasrat ist der Regional-Direktor für die betroffenen Provinzen. Gegen Mittag geht er ans Telefon, die Verbindung ist schlecht. Er berichtet, wie er und seine Leute zusammen mit den Überlebenden versuchen, die Verschütteten zu retten. Sie graben mit ihren Händen, schwere Maschinen haben sie nicht. Immer wieder müssen sie Tote in die weißen Leichentücher wickeln.
Erdbeben in Afghanistan: Das Land ist in einem katastrophalen Zustand
„Hier hat jede Familie drei, vier, fünf Menschen verloren“, berichtet Nasrat. Die Helfer tragen die Bündel zu den Sammelplätzen. Die überlebenden Frauen, sagt Nasrat, wachen neben den Toten, die Männer graben weiter auf der verzweifelten Suche nach Lebenszeichen.

Nasrat ist in der am schlimmsten betroffenen Provinz Kunar. Bis zum frühen Nachmittag zählen sie hier mindestens 800 Tote und etwa 2500 Verletzte. In Nuristan sind mindestens vier Menschen gestorben, in Nangarhar zwölf. Die Provinz Laghman ist vergleichsweise glimpflich davongekommen. Dort werden bis zum Nachmittag etwa 60 Verletzte gezählt.
Das Erdbeben trifft ein Land, das ohnehin in einem katastrophalen Zustand ist. Ich bin in Herat im Westen des Landes, 1300 Kilometer entfernt von Kunar, als ich Qamar Gul Nasrat erreiche. Auf der Fahrt von der Provinzhauptstadt Richtung iranische Grenze sind am Straßenrand die Überreste von Lehmbauten zu sehen, in denen bis zum Oktober 2023 Menschen lebten. Damals erschütterte ein anderes Erdbeben diesen Teil Afghanistans. Etwa 1500 Menschen starben.
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Immer wieder treffen verheerende Naturkatastrophen Afghanistan
Huzifa, ein junger Helfer des Afghanischen Roten Halbmonds, der uns begleitet, erzählt, dass er damals die Toten mit bloßen Händen aus den Trümmern gezogen hat. Ob die erneute Katastrophe die schlimmen Bilder wieder wach werden lasse? Er schaut etwas irritiert, schüttelt den Kopf. „In unserem Land gab es vierzig Jahre lang Krieg. Wir sind diese Bilder gewohnt.“
Verheerende Naturkatastrophen treffen das Land am Hindukusch immer wieder. Es ist, als sei Afghanistan verflucht. Im vergangenen Jahr rissen Sturzfluten in der Region Baghlan nördlich von Kabul Hunderte Menschen in den Tod und zerstörten ganze Dörfer. Dürren haben in den vergangenen Jahren vierzig Prozent ehemals fruchtbarere Ackerflächen veröden lassen.
Und wäre das nicht genug, wird Afghanistan von menschengemachten Katastrophen gebeutelt. Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban vor vier Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation drastisch verschlechtert. Viele internationale Hilfsorganisationen haben das Land verlassen, der Westen belegt die De-Facto-Regierung wegen ihrer repressiven Politik gegenüber Frauen mit Sanktionen. Bestraft wird damit aber die gesamte Bevölkerung.

Im Herbst 2023 hat zudem der östliche Nachbar Pakistan aus innenpolitischen Gründen begonnen, afghanische Flüchtlinge zurück in die alte Heimat zu deportieren. 2,3 Millionen Afghanen sollen bislang abgeschoben worden sein. Der westliche Nachbar Iran hat im Juni dieses Jahres mit Deportationen begonnen. Geplant war das schon länger, weil die Wirtschaft im Iran am Boden liegt. Der konkrete Anlass zum Start der Abschiebungen war der Angriff Israels. Teheran warf den Afghanen vor, für Israel zu spionieren. Bislang wurden nach Angaben des Afghanischen Roten Halbmonds 1,5 Millionen Menschen von den iranischen Behörden mit Reisebussen an die Grenzübergänge in den Provinzen Herat und Nimruz gebracht.
Deutsche Helfer leisten spontan Unterstützung
Am Grenzübergang Islam Qalat in der Provinz Herat stehen auch an diesem Montag wieder Hunderte Menschen, reihen sich in Schlangen vor der Essensausgabe ein, sitzen erschöpft vor den Zelten, in denen medizinische Hilfe geleistet wird. „Manche Rückkehrer sind von den iranischen Sicherheitskräften misshandelt und geschlagen worden. Wir haben hier schon fünf Tote empfangen“, erzählt einer der afghanischen Ärzte.
Viele der Rückkehrer sind nur mit wenigen Habseligkeiten angekommen. Claudia Peppmüller von der deutschen Hilfsorganisation „Friedensdorf International“ steht inmitten des Chaos auf dem staubigen Gelände und schüttelt mit dem Kopf. „Es ist unfassbar, was diese Leute und dieses Land durchmachen müssen.“ Ihre Organisation hat in den vergangenen Wochen Pakete mit Nahrung und Medikamenten an den Grenzübergang schicken lassen.
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Jetzt müssen die deutschen Helfer wieder spontan Unterstützung leisten. Sie senden medizinische Hilfsgüter zur anderen Seite Afghanistans. Am Dienstag soll Medizin für 40.000 Menschen in den von dem Erdbeben betroffenen Gebieten im Osten des Landes eintreffen.
Die Funke Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört, unterstützt die Erdbebenopfer in Afghanistan. FUNKE stellt dem Friedensdorf International 10.000 Euro für die Soforthilfe im Katastrophengebiet zur Verfügung.





