Miriam Scherff kann noch nicht ganz glauben, was da vorhin mit ihr passiert ist. Während Teller mit Schnitzeln und Gläser mit Bier um sie herumkreisen, steht Scherff im kleinen Saal des Wuppertaler Brauhauses und nimmt mit offenem Mund die zahllosen Glückwünsche entgegen. Pausenlos schüttelt jemand ihre Hand oder fällt ihr direkt um den Hals.
Klar, am Ziel ist die 36-Jährige noch nicht. Aber einen großen Schritt näher. Nach einem Wahlkampf, den die meisten Beobachter als Kopf-an-Kopf-Rennen bezeichneten, hat die SPD-Kandidatin ihren Konkurrenten Matthias Nocke von der CDU um zehn Prozentpunkte hinter sich gelassen.
Wahlsiegerin Miriam Scherff (SPD): „Ich freue mich auf einen Wahlkampf unter Demokraten.“
„Mit so einem Ergebnis habe ich wirklich nicht gerechnet“, sagt sie. „Jetzt freue ich mich auf einen Wahlkampf unter Demokraten.“
Eine Stunde zuvor war Scherff unter großem Jubel im Lichthof des Barmer Rathauses auf die Bühne applaudiert worden. Während sie gerührt, beinahe ungläubig wirkte, reagierte ihr Konkurrent Nocke mit einer Jetzt-Erst-Recht-Haltung.
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Matthias Nocke (CDU): „Hauptsache kein Sozialdemokrat.“
Als einziger Kandidat trat Nocke an diesem Abend samt Banner und Parteifreund Johannes Slawig auf. „Oberbürgermeister Nocke - der Richtige“ war zu lesen. „Hauptsache es wird kein Sozialdemokrat“, gab sich der CDU-Mann angriffslustig. Ob die Wuppertalerinnen und Wuppertaler das auch so sehen, wird die Stichwahl am 28. September zeigen.
Überhaupt nicht zu feiern zu Mute war unterdessen der Wuppertaler FDP, allen voran Marcel Hafke. Wenige Minuten vor Schließung der Wahllokale war der gelernte Versicherungsmakler noch von seinem Einzug in die Stichwahl überzeugt. Als das enttäuschende Ergebnis von 4,9 Prozent der abgegeben Stimmen feststand, war Hafke bereits aus dem Rathaus verschwunden.

Den zweitlautesten Applaus hinter Scherff bekam Selly Wane vom Bündnis Stark und Bunt. Nicht zufällig positionierten sie und ihre Anhängerinnen und Anhänger sich direkt neben der AfD-Fraktion, die um 18 Uhr jubelnd die landesweiten Hochrechnungen quittierten.
Nervös wurden im Rathaus die Stimmen für die AfD beobachtet
Nach der Auszählung gab es bei der in Teilen gesichert rechtsextremen Partei weiterhin Grund für volle Gläser. Obwohl es am Ende deutlich nicht für die Stichwahl gereicht hat, ließ Spitzenkandidat Hartmut Beucker auf Grund der Auszählreihenfolge seinen Kontrahenten Nocke lange bibbern.
Bis zuletzt hatten die Gäste der offiziellen Wahlparty im Barmer Rathaus ihre Handys gezückt, um immer wieder die Website der Stadt mit den ausgezählten Stimmbezirken zu aktualisieren.
Salvador Oberhaus (Die Linke): „Hauptsache kein Faschist.“
Zwar wird am Ende das vergleichsweise normalisierte Ergebnis ein wenig darüber hinwegtäuschen - aber auch in Wuppertal steht inzwischen bei jeder Wahl ein blauer Elefant im Raum. Und mit ihm die Frage: Wie groß wird er wohl diesmal werden?
Salvador Oberhaus von den Linken brachte diese Sorge, die bei einem Großteil der Gäste umging in seinem Bühneninterview auf den Punkt: „Hauptsache kein Faschist.“

Jenseits dessen zeigte sich das Linke-Lager zufrieden, wenngleich nicht euphorisch. Hatte die Partei bei der Bundestagswahl noch deutlich zweistellig abgeschnitten.
Dagmar Liste-Frinker (Die Grüne) stellt sich dem enttäuschenden Ergebnis
„Das Ergebnis spricht für einen Konsolidierungsprozess meiner Partei. Wir schneiden traditionell schlechter ab bei Kommunalwahlen als bei Bundes- oder Landtagswahlen. Von daher bin ich mit dem Aufwärtstrend im Vergleich zu 2020 zufrieden.“
Deutlich geknickter war Dagmar Liste-Frinker. Wie die FDP- verfolgte auch die Grünen-Fraktion das Geschehen im Lichthof von der Empore, da sich hier die Parteibüros befinden. Anders als Hafke suchte Liste-Frinker jedoch nicht ihr Heil in der Flucht, sondern stellte sich dem Ergebnis.
Dagmar Liste-Frinker: „Wir sind zu sachlich, um gegen Emotionen anzukommen.“
„Wir sind ordentlich bedrückt“, sagte sie, als die meisten Anhänger der Konkurrenz bereits zum Feiern oder nach Hause gegangen waren, „ich glaube, wir sind eine zu sachliche Partei, um grade gegen die Emotionen anzukommen.“
Da war er wieder, der blaue Elefant. Bei der Stichwahl am 28. September wird man ihn wohl nicht zu sehen bekommen. Doch spätestens, wenn die neue Oberbürgermeisterin oder der neue Oberbürgermeister den Dienst antritt, wird er wieder mit im Rathaus sitzen. Kleiner als befürchtet, aber größer als erhofft.




