Der Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, trifft von vielen Seiten auf Unverständnis und Kritik. Laut Antrag, der den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ trägt, soll Teilzeit nur noch in besonderen Fällen möglich sein, etwa für die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung.
„Teilzeitarbeit ist für viele kein Lifestyle, sondern Alltag: Viele vereinbaren Beruf, Familie und Pflege“, erklärte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, am Montag in Berlin. Statt strukturelle Probleme wie fehlende Kinderbetreuung oder Pflegeinfrastruktur zu lösen, würden Arbeitnehmer unter Generalverdacht gestellt. Die Forderung, Teilzeit nur noch in engen Ausnahmefällen zuzulassen, verkomme zur ungeheuerlichen Unterstellung, Arbeitnehmer seien faul und müssten zur Mehrarbeit gezwungen werden.
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Teilzeit: SPD und Grüne kritisieren CDU-Vorstoß scharf
Auch aus der SPD gibt es Kritik am Vorstoß. „Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig dem Magazin „Stern“. Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit gehen. „Der Staat sollte hier nicht zwischen guten und schlechten Gründen unterscheiden“, sagte die SPD-Politikerin.
„Wer von Lifestyle-Teilzeit fabuliert, hat offensichtlich wenig Kenntnis von der Lebensrealität vieler Familien in unserem Land“, sagte Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen in Baden-Württemberg, dieser Redaktion. Er erwarte von der führenden Regierungspartei, dass sie sich um das kümmere, was Frauen und Wirtschaft umtreibe: „Wir brauchen mehr Ganztag, mehr Kita- und Krippenplätze und bessere steuerliche Anreize für Vollzeit!“, so Özdemir. „Das wäre ein echter Beitrag gegen den Fachkräftemangel.“ Wahlfreiheit könne es nur geben, wenn die Voraussetzungen stimmten. „Wir haben die bestausgebildete Generation von Frauen“, sagt der Grünen-Politiker. „Viele von ihnen wollen mehr arbeiten, wir sollten ihnen endlich den Weg dafür freimachen.“
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„Das Ganze ist eine Schnapsidee“, sagte der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder. Die Debatte komme für ihn zur Unzeit. „Ich selbst unterstütze dieses Vorgehen nicht“, betonte Schnieder. Statt über Einschränkungen bei der Teilzeit zu diskutieren, sollte darüber gesprochen werden, wie es attraktiver werden könne, Vollzeit zu arbeiten. Es müsse um steuerliche Anreize und die Abgabenlast gehen.
Prien betont Bedeutung des Teilzeit-Anspruchs für Familien
Familienministerin Karin Prien (CDU) hingegen begrüßt die geplante Diskussion auf dem CDU-Parteitag. „Mit Blick auf die demografische Entwicklung und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft finde ich es gut, diesen Antrag beim CDU-Parteitag zu diskutieren“, sagte sie dieser Redaktion. „Da geht es mir auch um die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen.“
Gleichzeitig betonte sie, dass Teilzeit für viele Familien wichtig ist für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Der Rechtsanspruch auf Teilzeit ist wesentlich für Berufstätige, die sich neben der Arbeit um die Erziehung von Kindern, um die Pflege von Angehörigen oder um ihre eigene berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung kümmern“, sagte Prien. An diesem Rechtsanspruch rüttele auch der Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion nicht. „Das ist mir gerade als Bundesfrauenministerin ein Anliegen, da in besonderem Maße Frauen in Teilzeit beschäftigt sind.“

Markus Söder: Mehr arbeiten – aber Teilzeit-Verbot ist falsch
CSU-Chef Markus Söder hingegen plädiert für eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit, lehnt den Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union aber klar ab. „Wir sind der Meinung, dass länger arbeiten sinnvoll ist“, sagte der bayerische Ministerpräsident nach einer CSU-Vorstandssitzung in München. Eine Stunde mehr pro Woche könne erfolgversprechend sein - aber dies wolle man etwa über steuerliche Anreize erreichen. „Wir wollen da eher Anreize setzen. Deswegen glauben wir, dass ein generelles Reduzieren oder Verbot von Teilzeit der falsche Weg ist.“
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Unterstützung für den Vorstoß kommt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Der Vorschlag aus der CDU, den Rechtsanspruch auf Teilzeit abzuschaffen, ist richtig“, sagte Holger Schäfer, Senior Economist für Arbeitsmarktökonomik. „Arbeitnehmer werden auch ohne ihn weiterhin Teilzeit vereinbaren können. Dafür braucht es keine gesetzliche Privilegierung.“ Um mehr Menschen zu Vollzeitarbeit zu bewegen, seien allerdings zusätzliche Maßnahmen nötig, etwa der Ausbau von Kinderbetreuung und die Senkung der Abgabenlast.
Die Teilzeitquote in Deutschland lag 2025 mit rund 40 Prozent auf Rekordniveau. Das führte nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren.
dpa/kath







