Die Zukunft im Schienenverkehr haben manche Ingenieure schon vor Augen. In einem Bahndepot in Köln-Nippes wird sie erprobt. Testobjekt ist ein ICE 4, der ferngesteuert über die Gleise fährt. Die 5G-Technologie im Mobilfunk soll es ermöglichen, künftig Züge automatisiert zu rangieren und bereitzustellen. Womöglich fahren sie in fernerer Zukunft dann auch ohne Lokführer außerhalb der Werksgelände.
Dazu müssen sie vor allem Hindernisse erkennen. Das will das hinter dem Projekt stehende Konsortium mit Fahrzeugen der Berliner S-Bahn erproben. „Unser Ziel ist es, den ferngesteuerten Betrieb im Depot auf dem Werksgelände sicher, effizient und skalierbar zu gestalten“, sagt Marc Ludwig, Chef der Schieneninfrastruktur bei Siemens Mobility, und erhofft sich davon einen „entscheidenden Schritt auf dem Weg zum digitalisierten Bahnbetrieb“.
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Schon ein Blick auf die Zusammensetzung des Konsortiums zeigt, dass hier wohl Hightech entwickelt wird. Dazu gehören neben Forschungsinstituten auch die Technologiesparten der Deutschen Bahn oder die auf automatisierte Mobilität spezialisierte Rheinmetall-Tochter Mira. Angeführt wird das Projekt von Siemens. Der Konzern gehört mit seiner Bahntechnik zu den weltweit führenden Unternehmen.

Bahn: Technik von Siemens Mobility ist in Ägypten, Indien und Vietnam gefragt
In Ägyptens geplantem 2000 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsnetz werden Velaro-Züge des Münchner Unternehmens verkehren. Indian Railways hat bei Siemens 1200 Lokomotiven nebst Wartung und Instandhaltung in den nächsten 35 Jahren bestellt. Mit rund drei Milliarden Euro war das der bisher größte Einzelauftrag für Siemens Mobility. Kurz vor Weihnachten verkündete das Unternehmen ein weiteres Leuchtturmprojekt. In Vietnam wird mit deutscher Leittechnik und Zügen der Bayern ein Hochgeschwindigkeitsnetz entwickelt.
Eingesetzt wird in Vietnam der Zug Velaro Novo, der für eine neue Generation von Hochgeschwindigkeitszügen steht. Je nach Ausführung bringt er es auf eine Geschwindigkeit von 240 bis 360 Kilometern pro Stunde. Zugleich ist das Modell vergleichsweise sparsam. Der Energieverbrauch wurde um 30 Prozent gesenkt, bei einer gleichzeitigen Erhöhung der Sitzplatzkapazität um zehn Prozent. Der Velaro Novo wird in Leichtbauweise hergestellt und besteht zunächst nur aus der Röhre. Wie das Innenleben später aussehen wird, können die Käufer weitgehend selbst gestalten. Ebenso auf dem Stand der Technik wird in Vietnam die Zugsteuerungstechnik ausgebaut. Zum Einsatz kommt hier das europäische Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System).

Schlechte Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft? Gibt es zuhauf. Doch mit dem neuen Jahr wollen wir in einer sechs Folgen umfassenden Serie auf Firmen und Branchen blicken, die an der Zukunft arbeiten. Auf überraschende Produkte, Innovationen, die Mut machen, und Unternehmen, die künftig Teile unseres Wohlstands sichern wollen. Heute: Bahntechnik von Siemens Mobility.
Bahn: Es ist noch nicht lange her, da gab es mit der Technik peinliche Probleme
Die hiesige Bahntechnik ist heute weltweit gefragt. Ihr Ruf war nicht immer so gut. 2012 musste sich Siemens bei der Deutschen Bahn peinlichen Fragen stellen, weil sie durch Qualitätsprobleme Termine bei der Lieferung von dringend benötigten ICE-Zügen nicht halten konnte. Womöglich hat diese Schlappe ein Umdenken im Unternehmen bewirkt. Defekte Klimaanlagen oder andere Schwächen der Vorzeigezüge der Deutschen Bahn haben immer wieder für Kritik an der Technik gesorgt. Davon ist inzwischen nichts mehr zu hören.
Ärger löst eher die schwache Leistung der Deutschen Bahn selbst aus, deren marode Infrastruktur und unzureichende Kapazität den Schienenverkehr unzuverlässig machen. An den Möglichkeiten der Bahntechnik liegt das nicht. Sie muss nur genutzt werden, was auch eine Frage des Geldes ist. Mit den Milliardeninvestitionen des Staates in eine moderne Infrastruktur erhält die Branche auch in Deutschland in den kommenden Jahren einen weiteren Schub.
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Siemens erwartet weiteres Wachstum
Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Branche mit rund 56.000 Beschäftigten rund 15 Milliarden Euro im Inland. Die Exportquote beziffert der Verband der Bahnindustrie (VDB) auf über 40 Prozent. Dabei deckt die Industrie alle Bereiche der Technik ab, von der Entwicklung und dem Bau von Zügen über die Elektrifizierung der Antriebe bis zur digitalen Zugsteuerung oder der Automatisierung des Schienenverkehrs.
Marktführer Siemens erwartet ein weiter wachsendes Geschäft. „Heute ist der Markt schon 100 Milliarden Euro pro Jahr“, sagt Michael Peter, Chef von Siemens Mobility, „und die Nachfrage nach Bahntechnik wächst weltweit sehr stark – jedes Jahr um etwa vier bis fünf Prozent.“ Dieser Trend werde anhalten: Städte und Länder investierten massiv in moderne, klimafreundliche Mobilität. Es gehe darum, mehr Menschen sicher, pünktlich und komfortabel zu befördern, den Energieverbrauch zu senken und mit digitalen Lösungen bessere Vernetzung zu schaffen.

„Wir sichern, dass Bahntechnik aus Deutschland weltweit den Takt angibt“
Die Münchner profitieren von den beiden Megatrends Digitalisierung und Klimaschutz, auch deshalb, weil viele der dafür notwendigen Technologien im eigenen Haus vorangetrieben werden, auch in anderen Sparten des Konzerns. „Modernste Technologien wie KI, 3D-Druck, IoT oder Cloud kommen direkt aus dem Haus in unseren Mobilitätslösungen zur Anwendung“, versichert Peter, „so sichern wir, dass Bahntechnik aus Deutschland weltweit den Takt angibt.“
Der Vorstandschef hat in der Branche einen guten Ruf. So wurde sein Name auch schnell als Favorit für den Posten des Bahnchefs genannt. Ob er gefragt wurde, ist nicht bekannt. Doch eine Bezahlung beim Staatsunternehmen wäre kaum reizvoll genug für einen Wechsel gewesen. Es gibt auch außerhalb noch genug zu tun. „Obwohl das System Bahn nun schon seit 200 Jahren erfunden ist, bringt Digitalisierung noch mal riesige Sprünge“, ist Siemens überzeugt.





