Inklusion

Wheelsoccer: Spielspaß im Rollstuhl ohne feste Regeln

Zwei Tore, zwei Teams und ein Ball, der in eins der Tore befördert werden muss: Beim Wheelsoccer gilt dieselbe Grundregel wie in vielen anderen Sportarten. Darüber hinaus wird es aber gerne mal kurios.

Zwei Tore, zwei Teams und ein Ball, der in eins der Tore befördert werden muss: Beim Wheelsoccer gilt dieselbe Grundregel wie in vielen anderen Sportarten. Darüber hinaus wird es aber gerne mal kurios.

Foto: Petra Opitz

Dortmund.  Wheelsoccer debütiert im Juni bei den Ruhr Games in Dortmund. Die gewollt etwas chaotische Behindertensportart begeistert vor allem Jugendliche.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Zum Frühlingsende wird es im östlichen Teil des Ruhrgebiets wieder sportlich. In Dortmund, Hamm und Hagen treffen sich vom 15. bis 18. Juni zahlreiche Athleten bei den „Ruhr Games“. Das vor zwei Jahren erstmals veranstaltete Sport- und Kulturfestival hat dem Programm einige neue Elemente hinzugefügt. Konzerte, Streetart, zahlreiche Workshops und Sportarten verschiedener Couleur sind 2017 wieder Teil des Kalenders, in dem Behindertensport seinen festen Platz findet.

In diesem Jahr wird "Wheelsoccer", zu deutsch "Rollstuhlfußball", erstmals eine größere Bühne im Revier geboten. Die Teilnahme für das Turnier, welches am Samstag, 17. Juni, von 10 bis 18 Uhr ausgetragen wird, ist für interessierte Jugendliche ab 13 Jahren möglich. Bemerkenswert: Einen Verband zur Organisation von Vereinen und Turnieren, geschweige denn eine Meisterschaft, gibt es für diese Sportart in Deutschland nicht.

Zwei Hocker dienen als Torpfosten, ein Pezziball als Spielgerät

Einige der wichtigsten Regeln sind ebenfalls eher Auslegungssache, wie Petra Opitz, Geschäftsführerin der „Reha- und Behindertensportgemeinschaft Dortmund 51“, die das Turnier in der Helmut-Körnig-Halle austragen wird, erläutert: „Es gibt kein organisiertes Regelwerk für Wheelsoccer, die Veranstalter der 'Ruhr Games' lassen uns freie Hand. Wir spielen mit vier Feldspielern plus Torwart, ein Spieler pro Team darf jeweils mit einem E-Rollstuhl ausgestattet sein, der dann aber vom Tempo her gedrosselt werden muss.“

Wenn die RGB 51 sich sonst zu Spielen und Trainingseinheiten trifft, wird gerne in der Größe der Tore variiert: „Wir haben es schon einmal so gespielt, dass eine ganze Hallenseite als Tor galt. Dann geht so ein Spiel aber schnell mal 20:0 aus, was ja auch wieder keinen Spaß gemacht. Durch das Aufstellen von zwei Hockern sind wir da ja variabel“, grinst Opitz.

Dass das Spielgerät kein regulärer Fußball, sondern ein Gymnastikball ist, welcher entweder mit einer Hand gerollt oder mit dem Rollstuhl angestoßen wird, passt somit ins Bild.

Die Eltern nehmen die Pfeife in den Mund

Der Fokus liegt dabei auf Jugendliche, aber auch Erwachsene sind dazu eingeladen, mal eine Partie mitzuspielen. Die Eltern am Spielfeldrand fungieren oft als Schiedsrichter. Von eventuellen Zwistigkeiten zwischen Erziehungsberechtigten verschiedener Mannschaften bei gewissen Entscheidungen kann Opitz nicht berichten: „Das läuft bei uns alles tiefenentspannt. Meist gucken wir am Spieltag ein Elternteil aus, welches dann die Entscheidungen trifft. Aber häufig kennen die Kinder das Regelwerk besser als ihre Eltern.“

Ganz klar: Der Spaß am Spiel steht beim Wheelsoccer im Vordergrund. Auf den Grad der Behinderung kommt es nicht an. Von Akteuren, bei welchen lediglich eine Gliedmaße gelähmt ist, über den Querschnittsgelähmten bis hin zu Teilnehmern mit amputierten Armen oder Beinen kann jeder mitspielen. „Der Ansatz für diesen Sport kommt aus dem Rollstuhl-Basketball. Mit der Zeit verschob sich der Fokus dort immer mehr auf Leistungsstärke. Da dachten sich dann einige: Wir kreieren jetzt mal was ganz Neues“, erklärt die RGB-Verantwortliche.

Teilnahme eines Profifußball-Klubs steht auf der Kippe

Der „Durchbruch“ in der Öffentlichkeit blieb bislang aus. „Wheelsoccer ist eine Sportart, die in Deutschland eher so nebenbei gespielt wird“, sagt Anthony Kahlfeldt, Sprecher des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands. „Häufig benutzen wir den Sport für Schulprojekte, es wird insgesamt ein ganz anderer Ansatz verfolgt als beim Rollstuhl-Basketball oder Rollstuhl-Handball.“ Weitere Vereine, die den Sport in gewisser Regelmäßigkeit in ihr Trainingsprogramm aufgenommen haben, finden sich in Hamburg, Berlin und Lübeck.

Wer nun das Teilnehmerfeld bei den Ruhr Games ausfüllen wird, ist aktuell nur zum Teil klar. Auch die Teilnahme von prominentem Besuch aus Ostwestfalen steht noch auf der Kippe. 2016 schickte Fußball-Zweitligist Arminia Bielefeld zwei Kinder- und eine Erwachsenenmannschaft nach Dortmund, als die RBG das Turnier in der Sporthalle der Gesamtschule Martin-Luther-King austrug.

Jährliches Turnier in Dortmund seit 2011

Dass sich Wheelsoccer nun bei den Ruhr Games präsentierten darf, liegt zu einem gewissen Teil an der Dortmunder Stadtspitze um Oberbürgermeister Ullrich Sierau. „Es gibt eine enge Vernetzung zwischen uns und der Stadtspitze, welche dem Behindertensport einen festen Platz inmitten des Programms einräumen wollte“, erklärt Sina Diekmann vom Projektmanagement des Festivals. So kam der Kontakt zur RBG 51 zustande, die seit 2011 jährlich ein Wheelsoccer-Turnier ausrichtet.

Ob das Turnier am 17. Juni auf ein hohes Zuschauerinteresse stößt, steht für die Verantwortlichen eher weniger im Fokus. Opitz: „Wenn andere Vereine oder Städte dies nun sehen und es als Anreiz nehmen, selber Vereine oder Mannschaften zu gründen, dann hätten wir schon alle gewonnen.“ Weitere Informationen zum Wheelsoccer-Turnier und der Anmeldung finden Sie hier.

INFO: Sportfreunde Stiller als Stargast

Zum Auftakt der Ruhr Games am 15. Juni im Dortmunder Stadion „Rote Erde“ spielen die bayerischen Pop-Rocker Sportfreunde Stiller ein Live-Konzert, das Abschlusskonzert am 18. Juni bestreitet Clueso. Das ganze Programm der Ruhr Games 2017 finden Sie hier.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben