Verhandlung

IS-Prozess: Angeklagter bestreitet Planung eines Attentats

In Dortmund steht ein IS-Sympathisant vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen einen Bombenanschlag vorbereitet zu haben.

In Dortmund steht ein IS-Sympathisant vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen einen Bombenanschlag vorbereitet zu haben.

Foto: Stephan Eickershoff/ Funke Foto Services

Dortmund.  Ein mutmaßlicher IS-Anhänger steht in Dortmund vor Gericht. Er soll einen Sprengstoff-Anschlag geplant haben. Sein Verteidiger bestreitet das.

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Das Gesicht des Terrors, es sollte eigentlich anders aussehen als dieser junge Mann, dem die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Dortmund die Vorbereitung eines islamistischen Sprengstoffanschlages vorwirft. Doch Iwan K. (21), Deutsch-Kasache, bedient das Klischee des finster blickenden Islamisten nicht. Ein schlaksiger Typ ist er, glattrasiert, mit schulterlangen glatten Haaren. Sein Gesicht wirkt eher feminin.

Irgendwo in Deutschland Sprengstoff-Anschlag geplant

Die Öffentlichkeit soll sein Gesicht nicht sehen. Iwan K. verbirgt es hinter einem schwarzen Aktendeckel, den sein Verteidiger Ralf Bleicher medienwirksam mit dem eigenen Namen bedrucken ließ. Ein PR-Gag des Anwaltes.

Iwan K. verbirgt auch, ob und was er hinter seiner Stirn geplant hat. Niemand weiß es. Denn er will im Prozess, der am Mittwoch vor der Dortmunder Staatsschutzkammer unter strengen Sicherheitsvorkehrungen begonnen hat, schweigen. Auch die Anklage sagt nur vage, dass er irgendwo in Deutschland einen Anschlag mit Sprengstoff geplant hat.

Staatsanwältin Alina Hildesheim stützt sich dabei auf Indizien. Ausschließlich. “Mutmaßungen”, sagt Verteidiger Bleicher, der dem Gericht immerhin mitteilt, dass sein Mandant die vorgeworfene “Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat” bestreite.

Iwan K. galt den deutschen Behörden als “Gefährder”

Richter Dirk Kienitz fragt kurz die Personalien des Angeklagten ab, lässt die Anklage verlesen und nimmt die Erklärung des Verteidigers entgegen. Dann ist schon wieder Schluss mit dem ersten Sitzungstag. Aber schon diese wenigen Minuten gewähren Einblick in das Leben eines jungen Mannes, der sich offenbar vor zwei Jahren radikalisierte, zum Islam konvertierte und seitdem laut Anklage einer “radikal-islamistischen Glaubensrichtung” anhängt.

Aufmerksam wurden die Behörden auf den in Kasachstan geborenen und zuletzt in Lippstadt wohnenden Iwan K., als türkische Sicherheitskräfte ihn im Oktober 2015 im Grenzgebiet zu Syrien festnahmen. Sie schickten ihn zurück nach Deutschland.

Dort galt er den deutschen Behörden als “Gefährder”. Sie waren sich damals sicher, dass er mit seiner Ausreise den Kontakt zur Terrororganisation Islamischer Staat herstellen wollte. Fortan beobachteten sie ihn.

In Waffengeschäft in Werl ganz legal Armbrust gekauft

Nach der Türkeireise, so die Anklage, soll er jeglichen Kontakt zu seiner Familie abgebrochen haben. Außerdem hielt er sich nach Erkenntnissen der Polizei in der Hildesheimer Moschee des als Salafist bekannten Abu Walaa auf. Dieser wurde Ende 2016 verhaftet und gilt als Nummer 1 des Islamischen Staates in Deutschland.

Im Sommer 2016 soll Iwan K. schließlich den konkreten Entschluss zum Sprengstoffanschlag gefasst haben. Am 10. Februar 2017 griffen die Fahnder zu. Sie hatten beobachtet, dass er kurz zuvor in einem Waffengeschäft in Werl ganz legal eine potentiell tödliche Armbrust gekauft hatte.

Als er seine Pension in Bad Waldliesborn, einen festen Wohnsitz hatte er nicht mehr, mit der Armbrust in einer Sporttasche verließ, nahmen sie ihn fest, durchsuchten sein Pensionszimmer. Länger festhalten konnten sie ihn nicht, weil der Besitz der Armbrust gegen kein Gesetz in Deutschland verstößt.

Zimmerdurchsuchung beweist keinen Anschlagsplan

Doch die Auswertung der Zimmerdurchsuchung machte die Ermittler sicher, dass ein Anschlag kurz bevorstand. Auf einem USB-Stick soll nämlich ein Video des Islamischen Staates gespeichert gewesen sein, dass Iwan K. sich aus dem Internet heruntergeladen haben soll. Es enthalte eine detaillierte Anleitung zum Bombenbau.

Dazu passten auch Gegenstände in seinem Zimmer, die in dem Video als Bestandteile zur Herstellung eines Sprengsatzes genannt wurden: eine Glasschüssel, ein Fieberthermometer, eine 20 ml-Kanüle, eine Weißblechdose, eine 9-Volt-Batterie, ein Stromschalter mit zweiadrigem Kabel und ein Stoffsäckchen, in das laut Anklage Hartmünzen gepackt werden sollten. Als Splittergeschosse hätten sie eine tödliche Wirkung entfaltet.

Nur die nötigen Chemikalien, die leicht in Bau- oder Drogeriemärkten gekauft werden können, fanden die Ermittler nicht. Verteidiger Bleicher spricht deshalb von “Alltagsgegenständen”, die keinen Anschlagsplan beweisen können. Er weist auch darauf hin, dass selbst die “angebliche” Ausreise nach Syrien keinen strafbaren Kontaktversuch zum IS dargestellt habe. Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren sei nämlich wegen fehlendem Tatverdachtes eingestellt worden. Vieles in den Akten stütze sich auch auf nicht nachprüfbare Geheimdiensterkenntnisse.

Angehörige der Salafistenszene begleiten Verhandlung

Der Ausgang des Strafverfahrens gegen Iwan K. sei jetzt aber offen, sagt er. Warnt aber, dass eine Verurteilung wegen eines angeblich im Kopf seines Mandanten geplanten Anschlags verfassungsrechtliche Grundsätze nicht aushebeln dürfe. Bleicher: “Die Gedanken sind frei.”

Ein kleines Indiz zur Nähe von Iwan K. zur Salafistenszene bilden drei vollbärtige Zuhörer im Saal. Neben ihnen sitzt der Dortmunder Bernhard Falk, der 1999 vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen linksterroristischer Anschläge zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde, danach zum Islam konvertierte und als Salafist gilt. Er engagiert sich seit mehreren Jahren in der Gefangenenhilfe für islamistische Verdächtige, gilt aber auch schon mal selbst als Tatverdächtiger. Wer am Mittwoch seine Begleiter seien, ob sie Freunde von Iwan K. sind? Falk antwortet freundlich auf die Frage der WAZ: “Sagen wir, sie sind seine Glaubensbrüder.”

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