Rassismus

Ein schwarzes Schoko-Model: Ist das Rassismus, Frau Tatah?

Die Dortmunderin Veye Tatah, Gründerin der Zeitschrift "Africa Positive".

Die Dortmunderin Veye Tatah, Gründerin der Zeitschrift "Africa Positive".

Foto: Archiv/Jakob Studnar/Funke Foto Services

Dortmund.  Eine schwarze Frau wirbt für Schokomilch. Ist das Rassismus? Die Dortmunderin Veye Tatah meint: Nein – aber so einfach sei das nicht. Ein Interview.

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Die Weihnachts-Edition von Müllermilch schlug hohe Wellen: Die "Initiative schwarzer Deutscher" nannte das Bild einer schwarzen Frau auf der Schokomilch rassistisch. Für Veye Tatah (44) aus Dortmund ist es das nicht. Die Kamerunerin meint aber: Rassismus ist ein sensibles Thema – und jeder nimmt ihn anders wahr.

Eine schwarze Frau auf Schoko-Müllermilch – ist das für Sie Rassismus?

Veye Tatah: Da hat jeder eine unterschiedliche Perspektive. Für mich ist das nicht rassistisch, sondern sexistisch. Hier sind Frauen als Objekt dargestellt, um das Produkt besser zu verkaufen. Warum haben die nicht einen nackten Mann genommen? Hier stört mich die allgemeine Darstellung von Frauen. Aber nur weil eine schwarze Frau in Verbindung mit Schokolade gebracht wird ist das für mich kein Rassismus. Schokolade ist doch lecker, und das ist eine schöne Frau! Und hier werden doch auch weiße Frauen gezeigt. Wenn nur Schwarze abgebildet wären, mit Banane, mit Vanille, dann wäre das vielleicht rassistisch.

Was ist denn Rassismus?

Tatah: Es kommt immer darauf an, welche Zusammenhänge man herstellt und welche Inhalte man transportiert. Nur ein Bild von einer schwarzen Frau in Zusammenhang mit Schokolade - das ist für mich nicht rassistisch.

Wie sieht's mit dem "Sarotti-Mohr" aus, den es ja bis vor ein paar Jahren noch gab?

Tatah: Ja, das ist so ein Beispiel! Schon der Begriff "Mohr": Der stammt noch aus einer sehr rassistischen Zeit, noch aus der Kolonialzeit. Und dargestellt wurde er als Diener. Was vermittelt das denn für ein Bild? Der Umgang mit solchen Begriffen und negativen Klischees ist Rassismus. Das Wort "Negerkuss" gehört auch dazu. Das sind Wörter, die noch aus der Zeit der Sklaverei stammen. Man muss immer sehen: Gibt es eine negative Hintergrund-Message? Welchen Inhalt vermittelt man? Allein der Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Produkt macht den Inhalt nicht rassistisch.

Brauchen wir also einen selbstverständlicheren Umgang?

Tatah: Das Problem ist, dass Schwarze und andere Minderheiten nur selten in der Werbung vorkommen. Die Werbeindustrie muss endlich anfangen, die Gesellschaft abzubilden. Menschen, die nicht „typisch deutsch" aussehen, müssen in der Werbung und im Film zur Normalität werden. USA und Großbritannien sind da schon weiter. Wenn verschiedene Hautfarben, Augenfarben, Haarfarben und Religionen normal sind, wird auch der Umgang damit zur Normalität.

...und man kann auch mit diesen Unterschieden spielen.

Tatah: Genau! Man kann offener damit umgehen, wenn es selbstverständlich ist - ohne, dass sofort das Wort Rassismus kommt. Wenn Müllermilch schon vorher öfter mit schwarzen Frauen geworben hätte, würde dieses Bild nicht als rassistisch wahrgenommen. Es muss normal sein, Schwarze in der Werbung zu sehen, in Krankenhäusern, als Dozenten an der Uni... Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, bei dem auch die Werbeindustrie einen Beitrag leisten muss.

Bei dieser Werbung hat die "Initiative schwarzer Deutscher" Rassismus beklagt. Aber verhindert zu viel Sensibilität nicht die Normalität?

Tatah: Das lässt sich nicht so einfach sagen. Jeder geht mit dem Thema anders um. Ich zum Beispiel bin nicht so sensibel: Ich bin in Kamerun groß geworden und mit 19 Jahren nach Deutschland gekommen. Wenn mich hier jemand diskriminiert, gehe ich damit lockerer um als eine schwarze Deutsche. Sie ist hier geboren, fühlt sich aber von der Gesellschaft abgelehnt. Deutschland ist ihre Heimat, aber sie wird nicht akzeptiert. Klar, dass sie beim Thema Rassismus sensibler ist als ich. Wenn mich hier jemand ablehnt, dann sage ich: "Na und? Ich bin Kameruner!" Man muss immer die Vorgeschichte sehen: Die "Initiative schwarzer Deutscher" besteht mehrheitlich aus hier geborenen Schwarzen von deutschen Eltern. Und die meisten sind von klein auf mit solchen Fragen konfrontiert: Wo kommst du her? Wo bist du geboren? Das prägt. Sie sind sehr, sehr sensibel. Zu Recht – man muss das akzeptieren. Deshalb müssen wir differenziert mit dem Thema Rassismus umgehen.

Sind wir denn auf einem guten Weg?

Tatah: Rassismus fängt nicht plötzlich an, sondern wird gezüchtet. Auch heute noch. Wenn kleine Kinder in der Schule Geld sammeln für das arme Afrika - was transportiert denn das? Damit wird den Kindern beigebracht, dass alle Afrikaner von Spenden aus Europa leben, und dass Afrika nur ein großer Klumpen Land ist, in dem es überall gleich ist. Auch in den Medien wird dieses Bild transportiert: Nur die Weißen können den Schwarzen helfen - und das führt dazu, dass der Alltagsrassismus ständig gestärkt wird. Wenn das nicht aufhört kann keine Generation nachwachsen, für die Diversität normal ist. Als ich noch an der Uni gelehrt habe und vor der Vorlesung das Mikro holen wollte, hat der Hausmeister manchmal gedacht ich wollte putzen! Rassismus und Diskriminierung kommen immer aus der Geschichte. Seit der Kolonialzeit hat in Deutschland jedes Kind vermittelt bekommen: Die Afrikaner können nichts - nur wir Weißen können denen Zivilisation beibringen. Und dieses Bild hält sich bis heute, weil die meisten Menschen in Deutschland genau so sozialisiert sind. Aber lange bevor die Europäer nach Afrika kamen, haben die Menschen dort schon gut gelebt! Da gab es Timbuktu, Great Simbabwe - das waren große Zivilisationen! Aber die Europäer haben die Geschichte des Kontinents umgeschrieben. In der Schule wird heute kaum etwas über afrikanische Länder gelehrt. Afrika =Schwarz=Arm. Das darf heute, 2015, nicht mehr sein.

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