Milde Strafen für grausame Hinrichtungen

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Arnsberg. 50 Jahre ist es her, dass sich die Blicke der deutschen Öffentlichkeit, aber auch die des Auslands auf Arnsberg richteten. ...

... Genauer auf das Schwurgericht, das von Anfang Dezember 1957 bis Anfang März 1958 im Rathaussitzungssaal den Mord an 129 russischen Fremdarbeitern, 77 Frauen und zwei Kindern aufzuklären hatte. Auf der Anklageband sechs ehemalige Offiziere der Waffen-SS und der Wehrmacht. Tatorte: Warstein, Suttrop und Eversberg. Zwölfeinhalb Jahre waren vergangen, seit jenen düsteren Märztagen des Jahres 1945, kurz vor Kriegsende. 71 Menschen wurden damals im Langenbachtal hingerichtet, 57 Männer durch Genickschuss in Suttrop, 80 ohne "kriegsgerichtliches Urteil" in Eversberg.

Die Angeklagten gehörten zu der SS-Division "Zur Vergeltung", die kurz vor Kriegsende sowjetische Zwangsarbeiter, die angeblich sabotageverdächtig waren, in Massenerschießungen töteten. Als einer der Angeklagten zum Verlauf einer Exekutionsnacht befragt worden war, hatte er seinem Dienstvorgesetzten geantwortet: "Keine besonderen Vorkomnisse, 80 Russen erschossen". Ein Indiz für die Geisteshaltung der Angeklagten.

Und so verwunderte auch viele Prozessbeobachter, unter ihnen auch der ehemalige Arnsberger WR-Redaktionsleiter Günter Wulf, das milde Urteil, das Landgerichtsdirektor Niclas nach dreimonatigem Prozessverlauf mit 21 Verhandlungstagen verkündete: Der Hauptangeklagte, Wolfgang Wetzling, ein 58-jähriger Obersturmbannführer aus Lüneburg, wurde wegen Totschlags in 151 Fällen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, der 39-jährige Ernst Moritz Klönne aus Dortmund erhielt wegen Beihilfe zum Totschlag von 71 Fremdarbeitern zehn Monate Gefängnis. Gegen einen Angeklagten wurde das Verfahren eingestellt.

Drei Angeklagte freigesprochen

Drei Angeklagte wurden freigesprochen. Angesichts dieses milden Urteils titelte die Westfälische Rundschau "208 Tote mit sechseinhalb Jahren Gefängnis gesühnt".

Die Anklagevertretung hatte für Wetzling eine lebenslange Zuchthausstrafe und für vier weitere Angeklagte fünf Jahre Zuchthaus beantragt.

Zur Urteilsverkündung, zu dem sich Pressevertreter des Deutschen Fernsehens, des Westdeutschen Rundfunks, führender Nachrichtenagenturen und der großen deutschen Tageszeitungen im Rathaus eingefunden hatten: Die Erschießung der 208 Fremdarbeiter sei rechtswidrig gewesen. Im Gegensatz zu ähnlichen Prozessen habe in Warstein überhaupt kein Schuldvorwurf gegen die Opfer vorgelegen. Sie hatten weder geraubt, noch geplündert.

Der Vorsitzende: "Sie hatten Hunger und wollten essen". Es sei ein "ungeheuerlicher Weg und ein unmenschliches Mittel gewesen, sich dieser Fremdarbeiter durch massenweise Tötung zu entledigen". Das Gericht war zu der Überzeugung gelangt, dass die Erschießung weder im Interesse der Kriegsführung noch zum Schutz der Bevölkerung geschah.

Vielmehr habe sich "dieses schreckliche Unrecht", wie es der Vorsitzende nannte, aus der nationalsozialistischen Ideologie, die es als kein Verbrechen ansah, wenn "unwertes Leben" vernichtet wurde, erklärt.

Die Erschießung der Fremdarbeiter sei nach Ansicht des Gerichts "unter Ausnutzung und Missbrauchs des militärischen Befehlsverhältnisses, wie in den Konzentrationslagern der damaligen Zeit, erzwungen worden. Obwohl die angeklagten Offiziere die Unrechtmäßigkeit des Erschießungsbefehls erkannt hätten, hatten sie diesen aus Angst vor den Folgen einer Befehlsverweigerung befolgt.

Zwei der Massengräber waren kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner gefunden worden, das dritte zwei Jahre später durch die Engländer. Die Alliierten hatten bereits versucht, Verfahren gegen die Schuldigen einzuleiten, waren aber gescheitert. Erst nach Gründung der Bundesrepublik hatten die Untersuchungen neu begonnen.

Der Kreis der Beteiligten hatte sich über die ganze Bundesrepublik verteilt. Erschwert worden waren die Untersuchungen durch das schwindende Erinnerungsvermögen der Zeugen.

Der Vorsitzende in der Urteilsbegründung: "Auch müsse man die damaligen Zeiten mit anderen Maßstäben messsen, ganz davon abgesehen, dass das Beweisergebnis auch dadurch eingeengt wurde, dass eigentlich nur Tatzeugen, also Mittäter, vernommen werden konnten, deren Aussagen allesamt persönlich gefärbt erschienen und deshalb an Gewicht verlören".

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