Zusammenfassung

  • Die Fußballerinnen des SV Thülen tragen den Spitznamen "Knubbel" auf ihren Trikots, um ihrem ehemaligen Mitspieler Michael Becker, der an ALS erkrankt ist, Solidarität zu zeigen.
  • Becker, Geschäftsführer eines Bauunternehmens und prägende Vereinsfigur, bleibt seinem Verein trotz schwerer Krankheit per Augensteuerung und Livestreams verbunden.
  • Sein Sohn Luis ist inzwischen Kapitän der ersten Männermannschaft, wodurch die Familientradition im Verein weiterlebt.

Dieses Detail auf den Trikots sei auch schon Anderen aufgefallen, berichtet Sebastian Werth. „Spielerinnen unserer Gegner sprechen uns immer wieder mal darauf an“, verrät der Trainer des SV Thülen vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 (Sonntag, 15 Uhr, live bei uns im Stream): „‘Knubbel‘, was bedeutet das denn eigentlich?“

ALS-Schockdiagnose: Thülens Fußballerinnen zeigen Solidarität

SV Thülen
Der SV Thülen jubelt im „Knubbel“-Trikot, hier über Platz drei bei den Westdeutschen Meisterschaften im Futsal.© WP | Verein

Tatsächlich ist es eine große Geste der Briloner Westfalenliga-Fußballerinnen, dass nicht jeweils ihr eigener Name sondern „KNUBBEL“ in Versalien unter den Rückennummern zu lesen ist. Hintergrund ist eine bewegende, eine traurige Geschichte. „Wir leiden alle mit“, sagt Benjamin Vössing, Kassierer des Dorfklubs aus dem Briloner Nordosten. Und zwar mit Michael Becker, genannt „Knubbel“, so wie schon der Vater Karl gerufen wurde.

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Es sei eine „Schockdiagnose“ gewesen, als das Dorf von Beckers schwerer Krankheit erfuhr, berichtet Thülens Präsidiumsmitglied Frederik Leikop. „Knubbel“ Becker leidet an Amyotropher Lateralsklerose (ALS). ALS ist eine fortschreitende Erkrankung des Nervensystems, bei der die motorischen Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark zugrunde gehen. Dadurch verlieren Betroffene nach und nach die Kontrolle über ihre Muskulatur, was zu Muskelschwäche, Lähmungen, Schwierigkeiten beim Sprechen, Schlucken und schließlich auch beim Atmen führt.

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Die Krankheit gilt als nicht heilbar, Ärzte und Angehörige können lediglich Maßnahmen zur Verlangsamung des Verlaufs und zur Linderung der Beschwerden ergreifen. „Im Kopf ist Michael noch absolut fit“, weiß Leikop – auch das ist typisch bei einer ALS-Erkrankung.

Leben mit ALS: Frau Kirsten Brandenberg gibt nicht auf: Gesundheitlich geht es ihr schlechter, dennoch hat sie eine Ausstellung geplant und berichtet, ob sich ihr Wunsch nach einem Gleitschirmflug erfüllt hat. Kirsten Brandenberg ist an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erkrankt, ist bis auf Hals und Kopf bewegungsunfähig, sie braucht ein Beatmungsgerät.
Mit Smartphone und Steuerungstechnik sind Spezial-Rollstühle für ALS-Erkrankte das wichtigste Hilfsmittel im Alltag.© FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska

Augenbewegungen steuern Computer

Becker hat zumindest Wege gefunden, wie er den Kontakt zur Außenwelt und damit auch zu seinem geliebten SV Thülen halten kann. Mit den Bewegungen seiner Augen kann er über einen Computer Nachrichten verfassen. „Auch der Mannschaft schreibt er auf diese Weise Nachrichten. Das ist sehr mühsam, trotzdem erhalten wir oft sehr lange, liebe Nachrichten von ihm“, erzählt der frühere SVT-Chefcoach Leikop.

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„Als Zeichen des Dankes“ habe die Mannschaft dann entschieden, ihre Trikots mit Beckers Spitznamen „Knubbel“ zu beflocken. „Total rührend finde ich, dass diese Idee von den Spielerinnen kam, nicht etwa von den Verantwortlichen“, merkt Leikop an.

Sohn Luis tritt in Beckers Fußstapfen

Michael Becker ist Geschäftsführer des bekannten Bauunternehmens Karl Becker, das er von seinem Vater übernommen hat. Der Familienbetrieb verfügt über rund 40 Mitarbeiter und gehört zu den führenden Bauunternehmen im Sauerland. Solche Menschen prägen das Dorf- und Vereinsleben.

Für uns war er als Fußballer Vorreiter und Leitwolf.

Benjamin Vössing, Präsidiumsmitglied beim SV Thülen

Aber auch als Spieler des SV Thülen hat Becker Spuren hinterlassen. „Er war Teil der Männer-Aufstiegsmannschaft von 1992“, weiß Leikop zu berichten. Nicht nur für Benjamin Vössing war er aber auch noch viel mehr. „Für uns war er als Fußballer Vorreiter und Leitwolf“, betont das Vorstandsmitglied. Es gibt allerdings etwas, das Vössing in dem Zusammenhang besonders freut. „Sein Sohn Luis Becker ist jetzt Kapitän unserer ersten Mannschaft. Er tritt also jetzt in Papas Fußstapfen.“ Das Team spielt als SG Thülen-Rösenbeck-Nehden fernab des großen Fußballs in der Kreisliga B Hochsauerland, Staffel 2 und belegt dort Platz sechs.

Spezielle Kamera angeschafft

Das sportliche Aushängeschild des Dorfes sind natürlich seit vielen Jahren die Fußballerinnen des SV Thülen, die am Sonntag (15 Uhr) den FC Schalke 04 „am Scheid“ empfangen. Michael Becker wird das Spiel im Livestream verfolgen. Dieses Mal sicherlich bei wp.de, aber auch an allen anderen Heimspiel-Sonntagen fiebert Becker als Fan mit den Grün-Weiß-Schwarzen mit. „Wir haben extra eine Veo-Cam angeschafft, um ihm die Spiele zeigen zu können“, erklärt Leikop. Veo-Cams dienen im Fußball dazu, Spiele und Trainingseinheiten vollautomatisch ohne Kameramann aufzuzeichnen, zu analysieren oder per Livestream zu übertragen. Sie werden in erster Linie von Trainern, Vereinen und Spielern genutzt, um die Leistung durch Videoanalyse zu verbessern.

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In Thülen ist der Grund für diesen Technik-Einsatz viel menschlicher, viel wichtiger. Am schönsten sind aber die persönlichen Begegnungen mit „Knubbel“. „Nach dem Westfalenmeister-Titel im Hallenfußball haben wir ‚Knubbel‘ den Pokal und ein Siegertrikot vorbeigebracht“, erzählt Leikop. Wessen Name auf dem Trikot steht, das ist keine Frage.