Es ist schon ein paar Jahre her, da ruckelte die Straßenbahn der Linie 302 durch Wattenscheid. Ein junger Mann saß da und war in sein Handy vertieft. So weit, so normal. Als eine ältere Frau die Bahn betrat, war er der Erste der aufsprang, ihr mit einem freundlichen Lächeln seinen Sitzplatz anbot. Das erlebt man schon seltener. Was die Dame nicht ahnte: Sie hatte gerade den Platz eines zukünftigen Vizeweltmeisters im Marathon eingenommen. Der Name des jungen Mannes: Amanal Petros.
Am schwülen Montagmorgen schrieb der 30-Jährige im Nationalstadion von Tokio deutsche Sportgeschichte. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Japans Hauptstadt hatte der langjährige Athlet des TV Wattenscheid, der mittlerweile für Hannover 96 antritt, einen Coup gelandet. Als erst zweiter Deutscher nach Waldemar Cierpinski, der 1983 in Helsinki Bronze für die DDR gewonnen hatte, holte er eine WM-Medaille im Marathon. Die 42,195 Kilometer bewältigte er 2:09:48 Stunden. Und wie!
Besonderer Gruß an Dennis Schröder
Von Beginn an zeigte er in der Spitzengruppe ein mutiges Rennen, ging mit, wenn andere das Tempo anzogen. Er war nur mit der 67. schnellsten Zeit des Jahres nach Tokio gereist, doch in einem taktischen Rennen, in dem es auch einige Unfälle gab, blieben die Favoriten zurück, schieden teilweise aus. Petros blieb konzentriert, wirkte ungemein locker. Für diese Chance hatte er geschuftet. Vier Monate hatte er in Kenia trainiert. In einem kleinen Dorf auf 2500 Metern Höhe. Ohne Strom, ohne Ablenkungen. „Es gab nur essen, schlafen, Training.“ Jede Woche hatte er bis zu 220 Kilometer abgerissen. Er hatte gelitten, die Lunge und Beine brannten gleichermaßen. Alles für diese eine Chance.
Als es zum Schlussspurt ins Stadion ging, fasste sich Amanal Petros ein Herz. Mit langen Schritten ließ er den Italiener Iliass Aouani hinter sich, lieferte sich ein dramatisches Foto-Finish mit Alphonce Simbu aus Tansania. Petros drehte sich auf den entscheidenden letzten Metern noch einmal zu seinem Konkurrenten um. Ein Fehler: Er geriet aus dem Tritt, warf sich noch ins Ziel, doch um einen Wimpernschlag von drei Hundertsteln war er geschlagen. Er blieb zunächst schwer pumpend und verheddert in das lila Zielband liegen.

Er hatte Gold vor Augen, aber nicht mehr in den Beinen. Doch als er wieder stehen konnte, war er nur kurz traurig ob des verlorenen Titel. Bald war da nur noch Strahlen – und ein Gruß an Dennis Schröder: Amanal Petros imitierte dessen Wurfbewegung. Als überragender Kapitän hatte der Braunschweiger die deutschen Basketballer zum EM-Titel geführt – in der Nacht, als Petros in Tokio noch schlief. „Er ist ein großartiger Basketballspieler. So wie er spielt, ist einfach besonders“, sagte Petros: „Ich mag ihn.“
Entdeckt in Bielefeld, geformt in Wattenscheid
In Zeiten, in der bei den Kommunalwahlen in NRW ein Rechtsruck zu spüren ist, ist die Geschichte von Amanal Petros – genauso wie die des ebenfalls schwarzen Dennis Schröder – wie ein dickes Ausrufezeichen für eine offene, bunte Gesellschaft. „Diese Medaille ist für mich eine riesengroße Integration als Deutscher“, sagte Petros nach seinem Triumph in Tokio.
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2012 war Amanal Petros mit 16 Jahren vor dem Krieg in Tigray in Äthiopien, an den er seinen Vater verloren hatte, geflüchtet. Dass er ein Flugzeug in ein fremdes Land bestieg, hatte er seiner Mutter verschwiegen. Erst als er in Deutschland angekommen war, meldete er sich bei ihr. Er landete in einer Flüchtlingsunterkunft in Bielefeld, wollte „die deutsche Sprache lernen und die Kultur kennenlernen“. Aber: „Ich fühlte mich einsam und hatte Langeweile“, sagte er einmal in einem Gespräch mit dieser Redaktion. Er spielte Fußball, mit mäßigem Erfolg. Beim Joggen entdeckte dann zufällig Jan Kerkmann sein Talent. Er nahm ihn mit in seinen Verein – die ersten Schritte des späteren WM-Medaillengewinners waren gemacht.
Petros fühlte sich angekommen. 2015 wurde er Deutscher, von 2019 bis 2022 startete er für den TV Wattenscheid, den er 2020 „meine Heimat“ nannte. Der Sportsoldat überzeugte auf der Bahn und auf der Straße, knackte Bestmarken über verschiedene Distanzen, war unter anderem deutscher Rekordhalter im Marathon. Zweimal startete er bei Olympia.
Amanal Petros‘ großer Wunsch: Dass seine Mutter ihn laufen sieht
Es ist die Paradegeschichte von Aufstieg durch Talent und Integration. Doch da ist auch noch die andere Seite. Seit acht Jahren hat Amanal Petros seine Mutter, die noch immer in einem kleinen Dorf mitten im Kriegsgebiet in Ostafrika lebt, nicht gesehen. „Es ist eine kleine Region, wir sind sehr arm“, erzählt er. Der Krieg komme in Wellen. „Viele wissen nicht, was bei uns los ist. Sie schauen auf die Ukraine und Gaza – aber wir vergessen sie nicht.“
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Sein größter Wunsch ist es, seine Mutter einmal nach Deutschland zu holen, ihr zu zeigen, „wie ich laufe, wie ich in Deutschland lebe“. Er werde ihr Videos von seinem WM-Lauf schicken, Strom und Internet habe sie in ihrem kleinen Dorf nicht regelmäßig. Ob er die Medaille auch für sie gewonnen hat? „Absolut, Mann“, antwortete er bestimmt: „Das hier ist für meine Mama!“ Er selbst wolle sich nun mit Rotwein belohnen. Ein Glas nach dem anderen. „Jetzt bin ich kein Läufer mehr, sondern ein Säufer“, sagt er und lacht ein ansteckendes Lachen.
Positive Ausstrahlung trotz schwerer Geschichte
Wer Amanal Petros erlebt, spürt schnell diese positiven Wellen. Es ist, als würde er nicht CO2, sondern Freundlichkeit ausatmen. Zugewandt begegnet er seinem Gegenüber. Er ist einer, der sich ehrgeizig für seine Ziele aufopfert, aber auch gläubig ist, wertschätzt, was ihm Gutes im Leben passiert, sich für andere freuen kann. Als er etwa 2022 bei der EM in München auf den letzten Kilometern als Vierter noch eine Medaille verlor, war da kein Groll. Er freute sich, dass er mit der Mannschaft Silber geholt hatte und feierte seinen Kollegen Richard Ringer (in Tokio diesmal 13.), der Europameister geworden war.
Amanal Petros hat keine leichte Geschichte. Aber er begegnet ihr mit Zuversicht, hat sie nun versilbert und ist Mensch geblieben. Einer eben, der für andere in der Bahn aufsteht.





