Da war Malaika Mihambo. Da war Gina Lückenkemper. Da war Melissa Jefferson-Wooden. Da war Oblique Seville. Und als wären sie alle nicht Extraklasse genug an diesem Supersonntag bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Tokio, war da auch noch Usain Bolt.
Die Lichtgestalt seiner Sportart ist zurückgekehrt: nicht als Sprintsuperstar auf die Bahn, aber als Sprintsuperstar im Ruhestand, als Botschafter, als Fan. Erstmals seit seinem letzten Rennen 2017 bei der WM in London besuchte der 39 Jahre alte Jamaikaner wieder eine Weltmeisterschaft vor Ort. Eingebunden ins WM-Programm, zeigte er lässig mit T-Shirt und Kappe unter Jubel der zahlreichen jamaikanischen Fans seine berühmte Bogen-Spann-Geste und sprach ein paar Worte. Ein Coup für die Japaner, die sich keinen besseren Repräsentanten für ihre ersten großen Meisterschaften im Nationalstadion seit den Olympischen Corona-Spielen 2021 hätten wünschen können.
100-Meter-Finale der Männer wird zur Jamaika-Show
Für Usain Bolt hatte diese WM einen besonderen Reiz. Nein, seinen, seit Berlin 2009 stehenden 100-Meter-Weltrekord von sagenhaften 9,58 Sekunden über die 100 Meter sah er in Tokio nicht in Gefahr. Aber er war mit großen Erwartungen hergekommen. Erwartungen an seine jamaikanischen Nachfolger. Seit 2017 hatte es keinen 100-Meter-Weltmeister mehr von der Karibikinsel gegeben. Bolts Abschluss-Bronze 2017 in London war die bislang letzte jamaikanische WM-Medaille in der Königsdisziplin. Nach ihm siegten nur noch US-Amerikaner, zuletzt Noah Lyles 2023. Zehn Jahre nach seinem letzten WM-Titel sah Bolt die Jamaikaner nun bereit.

Und er sollte recht behalten. Von der Tribüne aus fieberte die Legende mit und sah wie Oblique Seville sich in rasanten 9,77 Sekunden vor seinem Landsmann Kishane Thompson (9,82) und US-Titelverteidiger Noah Lyles (9,89) zum schnellsten Mann der Welt krönte. Wild klopfte sich der nur 1,70 Meter große 24-Jährige, der sein erstes internationales Gold gewann, im Ziel auf die Brust, zerriss sein Trikot. Ein Mini-Bolt auf dem 100-Meter-Thron. „Ich freue mich riesig, dass die Goldmedaille nach Jamaika kommt. Ich habe bewiesen, dass ich ein echter Kämpfer bin, dass ich die Entschlossenheit eines Champions habe“, sagte Seville, der bei Bolts ehemaligem Coach Glen Mills trainiert.
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Im ewigen Duell der beiden großen Sprintnationen USA und Jamaika hatten Seville und Thompson Olympiasieger Lyles, der wegen einer Verletzung erst spät in die Saison eingestiegen war, das Jahr über zugesetzt. Thompson, indem er mit 9,75 Sekunden die schnellste Zeit des Jahres vorgelegt hatte. Seville, den Usain Bolts Mutter Jennifer einmal als „zweiten Sohn“ bezeichnete, indem er ihn bei Meetings in London und Lausanne besiegte. Im WM-Halbfinale zeigte Seville aber Nerven, sein Start missriet, er musste kämpfen. Umso cooler blieb er im Finale vor 57.528 Zuschauern.
Nach einem Fehlstart und Disqualifikation von Letsile Tebogo (Botswana) mussten sich die übrigen schnellen Männer neu sammeln. Seville gelang das glänzend. Er schoss förmlich aus dem Block, für Lyles blieb er uneinholbar – und auch Thompson sah sich geschlagen.
Superstar Noah Lyles holt Bronze
Bitter für ihn: Zwar gelang ihm die Revanche für das Olympiafinale, in dem Lyles fünf Tausendstel vor ihm gelegen hatte – doch sein entfesselter Teamkollegen verhinderte den ganz großen Triumph. Aber ein Mann, der im WM-Finale persönliche Bestleistung abliefert, ist des Titels würdig. Die Geschlagenen erkannten das an, gratulierten. Und Bolt bejubelte den jamaikanischen Doppelsieg. „Jetzt habe ich es meinen Fans, meiner Familie und der Welt gezeigt: Ich bin der Champion“, sagte der neue Weltmeister.
Auf seiner Ehrenrunde klatschte Seville dann mit Melissa Jefferson-Wooden ab. Denn nicht nur der schnellste Mann, auch die schnellste Frau der Welt wurde am Supersonntag gekürt. Erstmals seit der WM 1999 in Sevilla fanden beide 100-Meter-Finals an einem Abend statt.

Die 24-Jährige US-Amerikanerin, die in diesem Jahr konstant stark abgeliefert hatte, wurde ihrer Favoritinnenrolle gerecht. In Meisterschaftsrekordzeit von grandiosen 10,61 Sekunden holte sie Gold vor der Jamaikanerin Jessica Clayton (10,76) und Olympiasiegerin Julien Alfred (Saint Lucia/10,84). Im Ziel schlug sie ungläubig die Hände vors Gesicht: Sie war nur zwölf Hundertstel über dem Fabelweltrekord von Florence Griffith-Joyner (USA) aus dem Jahr 1988 geblieben.
Leichtathletik: Finaltraum von Lückenkemper platzt
Schon vor dem Startschuss war der große Traum von Gina Lückenkemper, 28, geplatzt. Die Soesterin verpasste mit 11,11 Sekunden ihr so ersehntes erstes großes internationales Einzelfinale. „Das ist superärgerlich und tut weh“, sagte sie. Erklären konnte sich die Unter-elf-Sekunden-Läuferin die Zeit nicht. „Da hätte mehr drin sein müssen. Das Rennen war ordentlich, ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ An ihrem Ziel werde sie weiter festhalten: „Ich hasse es zwar, dass ich das jetzt wieder sagen muss, aber ich gebe nicht auf.“
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Das letzte Finale ihrer Karriere bestritt indes die stets mit bunten Perücken startende Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser Pryce. Mit 38 Jahren, als Mutter, dekoriert allein mit zehn WM-Titeln tritt sie von er Bühne ab, wurde noch einmal Sechste. Mit Bolt hatte sie eine Ära geprägt. Der huldigte ihr nun: „Sie hat so viel für Jamaika getan.“
Mihambo holt erste DLV-Medaille
Es war ein Abend mit großen Momenten in dem Stadion, auf dessen Tartanbahn noch die aufgedruckten Olympischen Ringe durchschimmern. Und wie 2021 wurde erneut Sportgeschichte geschrieben – nur endlich vor ausverkauften Rängen. Und genau da kommt Malaika Mihambo ins Spiel. Ob mit oder ohne Zuschauer: In Tokio liefert die „Mrs. Zuverlässig“ der deutschen Leichtathletik. Am Ort ihres Olympiasieges gewann sie diesmal WM-Silber. „Ich habe wirklich den besten Wettkampf der Saison gemacht“, sagte die 31-Jährige. Nach Gold in Doha 2019 und Eugene 2022 war es erstmals bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften Silber. „Ich bin einfach glücklich, dass mir das gelungen ist, das rumzureißen.“

In einem abermals bis zum letzten Sprung spannenden Wettkampf musste sich die 31-Jährige mit 6,99 Metern nur Olympiasiegerin Tara Davis-Woodhall (USA) geschlagen geben. Ihre 7,13 Meter knackte die Deutsche nicht. Ihr letzter Satz wäre wohl weit genug gewesen, war aber ungültig. Dritte wurde die Kolumbianerin Natalia Linares (6,92). Mihambo sorgt mit ihrer Medaille frühzeitig für Ruhe im deutschen Team: Eine Nullrunde wie 2023 in Budapest ist jetzt nicht mehr möglich.





