„Jetzt ist der Blutdruck doch gut, dann kann ich die Medikamente wieder absetzen.“ Diesen Satz kennt Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher nur zu gut – auch aus der eigenen Familie: Ihr Vater sagte ihn, genau wie zahlreiche ihrer Patientinnen und Patienten. Die Kardiologin und Vorständin der Deutschen Herzstiftung erlebt im Berufsalltag immer wieder, dass einzelne Tabletten eigenmächtig weggelassen werden. Andere reduzieren selbstständig oder setzen ihre Blutdrucksenker ganz ab. „Das ist fatal. Ein absoluter Trugschluss!“, so ihr Urteil.

Die Werte können gerade deshalb gut sein, weil die Tabletten wirken. Erschreckend sei daher, wie viele verordnete Medikamente nicht zuverlässig eingenommen werden. Tiefenbacher erklärt in diesem Teil der Serie „Herz-Doc“, wann das Absetzen gefährlich wird, unter welchen Voraussetzungen die Dosis tatsächlich sinken kann und was man tun sollte, wenn die Tabletten einmal vergessen wurden.

Blutdrucksenker eigenmächtig absetzen: Warum das gefährlich ist

Tiefenbacher spricht von einer Einnahmetreue von unter 50 Prozent. Gemeint sind Medikamente, die ärztlich verordnet, in der Apotheke abgeholt und von den Krankenkassen bezahlt werden, dann aber nicht zuverlässig eingenommen werden. Dass viele Menschen Tabletten kritisch sehen, kann sie nachvollziehen: „Wer schluckt schon gerne Medikamente?“

Entscheidend sei aber, warum ein Mittel verordnet wurde. Ein Antibiotikum könne nach einer ausgeheilten akuten Erkrankung wieder abgesetzt werden. Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte seien dagegen in der Regel keine vorübergehenden Probleme. Die Medikamente müssten langfristig eingenommen werden, damit die Erkrankung und ihre Risikofaktoren dauerhaft behandelt bleiben.

Blutdrucksenker reduzieren? Laut Kardiologin ist das nur selten möglich

„Wer seine Blutdrucksenker eigenmächtig reduziert oder absetzt, nimmt der funktionierenden Therapie ihre Wirkung, ohne zu wissen, wie sich die Werte danach im Alltag entwickeln“, erklärt die Herzspezialistin. Und das kann schwere Folgen haben. Schließlich sei Bluthochdruck einer der Hauptrisikofaktoren für Gefäßerkrankungen wie Atherosklerose – verbunden mit Herzinfarkt und Schlaganfall.

Hinzu kommt: „Der Blutdruck steigt bei vielen Menschen mit dem Alter allmählich an, besonders bei Frauen“, so Tiefenbacher. Im Laufe der Jahre könne deshalb eher eine intensivere Behandlung notwendig werden. Unmöglich ist das Absetzen oder zumindest eine Reduktion trotzdem nicht. „Aber leider eher selten“, erklärt Tiefenbacher.

„Meist funktioniert das nur bei Patientinnen und Patienten, die deutlich abnehmen und ihre Lebensgewohnheiten umstellen, sodass der Blutdruck dadurch auf natürliche Weise wieder sinkt.“ Zeigt das Messgerät dadurch plötzlich nur noch einen oberen Wert um 100 mmHg, kann die bisherige Dosis zu hoch geworden sein. In solchen Fällen lässt sich die Behandlung ärztlich neu bewerten und Medikamente gegebenenfalls reduzieren.

Kann Abnehmen den Blutdruck senken? Kardiologin nennt Voraussetzungen

Wie groß der Effekt einer Gewichtsabnahme sein kann, macht Tiefenbacher an einer einfachen Rechnung deutlich: Pro verlorenem Kilogramm könne der obere Blutdruck ungefähr um ein bis zwei mmHg sinken. Wer zehn Kilogramm abnimmt, könne demnach eine Senkung um 10 bis 20 mmHg erreichen. „Das ist sehr viel. Das schaffen die meisten Tabletten nicht“, sagt die Kardiologin. Besonders beeindruckt ist Tiefenbacher, wenn stark übergewichtige Menschen eine große Gewichtsabnahme erreichen – etwa von 160 auf 100 Kilogramm. „Ich habe das bereits in der Praxis erlebt“, erzählt sie, „und weiß, dass das sehr viel Disziplin erfordert.“

Tiefenbacher empfiehlt, die Werte über Monate zu beobachten und die Therapie mithilfe einer 24-Stunden-Blutdruckmessung zu überprüfen. Der Vorteil: Die Entscheidung beruht nicht auf einer Momentaufnahme. In der Praxis oder im Krankenhaus kann der Blutdruck allein durch Aufregung höher sein – der bekannte Weißkittel-Effekt. Eine Langzeitmessung zeigt dagegen, wie sich die Werte im normalen Alltag und während des Schlafs verhalten. „So lässt sich besser erkennen, ob die Therapie gut eingestellt ist oder durch die Lebensstilveränderungen womöglich zu stark wirkt“, so die Kardiologin.

Blutdrucktablette vergessen: Was Sie jetzt tun sollten

Eine einzelne Einnahme der verschriebenen Blutdrucksenker zu vergessen, ist laut Tiefenbacher, anders als das eigenmächtige Absetzen, noch keine Katastrophe. „Es sollte aber nicht zum wiederkehrenden Muster werden“, betont sie. „Manche Medikamente müssen einen stabilen Wirkspiegel im Blut aufbauen.“ Nach einer Unterbrechung könne es deshalb einige Tage dauern, bis sich alles wieder eingependelt hat.

Damit es nicht dazu kommt, rät Herz-Doc Tiefenbacher zu einfachen Routinen:

  • eine Tablettenbox für die gesamte Woche vorbereiten,
  • eine Erinnerungsfunktion auf dem Smartphone einrichten,
  • die Medikamente an einen Ort stellen, der täglich ins Auge fällt – etwa neben die Kaffeekanne.

Fragen an „Herz-Doc“

Sie haben eine allgemeine Frage zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Gerne gibt unser Herz-Doc Antwort! Senden Sie uns einfach Ihre Frage per Mail an herzdocs(at)funkemedien.de. Die Einsendungen werden zunächst gesichtet, sortiert und gegebenenfalls an Herz-Spezialistin Prof. Dr. med. Christiane Tiefenbacher weitergeleitet und anonymisiert veröffentlicht.

Gesundheit: Blutdruckmittel nicht nur gegen Bluthochdruck

Besondere Vorsicht gilt bei Blutdrucksenkern, die zugleich eine andere Herzerkrankung behandeln. Bei einer Herzschwäche werden etwa Medikamente eingesetzt, die auch den Blutdruck senken, aber vor allem wegen der Herzschwäche notwendig sind. „Gute Blutdruckwerte allein sind dann kein ausreichender Grund, sie abzusetzen“, warnt die Expertin.

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„Das Ziel ist nie, möglichst viele Tabletten einzunehmen“, so Tiefenbacher. „Es ist aber ebenso wenig sinnvoll, eine wirksame Behandlung bei guten Werten abzubrechen.“ Sinkt der obere Wert unter einer solchen Therapie allerdings auf etwa 90 mmHg und leidet der Betroffene unter Schwindel, müsse die Behandlung womöglich angepasst werden. Dann gehe es aber nicht um einen eigenmächtigen Verzicht, sondern um die ärztliche Abwägung: Welches Medikament ist etwa für eine Herzschwäche wichtig, welche Dosis wird vertragen und wodurch entstehen die Beschwerden? „Änderungen der Medikation sollten nur nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen“, mahnt Tiefenbacher.