Ende der 1980er-Jahre, in einer hessischen Grundschule, beginnt eine Geschichte, deren Bedeutung erst Jahrzehnte später sichtbar wird. Tausende Kinder sitzen über Aufgabenheften, ergänzen Zahlenreihen, erkennen Muster, ordnen Begriffe. Für sie ist es ein Testtag wie viele andere. Für die Forschung aber beginnt hier etwas Seltenes: Ein Teil dieser Kinder wird über mehr als 35 Jahre hinweg weiter begleitet und später als Erwachsene erneut befragt – auch zu ihren politischen Einstellungen.

Ausgewertet hat diese Daten nun ein Forschungsteam um den Psychologen Maximilian Krolo von der Universität des Saarlandes. Sie stammen aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt, für das im Schuljahr 1987/88 mehr als 7000 Grundschulkinder getestet wurden. Gemeinsam mit den Bildungswissenschaftlern Jörn Sparfeldt und Detlef Rost ging Krolo der Frage nach, wie sich diese einst getesteten Kinder Jahrzehnte später politisch einordnen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Intelligence“ veröffentlicht.

Lesen Sie auch

Politische Einstellungen bei Hochbegabten: Was die Studie gefunden hat

Was die Forschenden interessierte, war nicht die Parteiwahl der ehemaligen Schüler, sondern die politischen Grundhaltungen dahinter. Dafür werteten sie die Antworten von 87 hochbegabten Erwachsenen aus und verglichen sie mit denen von 71 Erwachsenen mit durchschnittlicher Begabung. Die Teilnehmenden ordneten sich auf einer Skala von links bis rechts ein und beantworteten außerdem Fragen zu verschiedenen politischen Denkrichtungen, darunter Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus.

Wichtig ist dabei, was die Forschenden unter konservativen Einstellungen verstehen. Gemeint sind keine Parteipräferenzen, sondern grundlegende Haltungen, die Tradition, soziale Ordnung und kulturellen Zusammenhalt betonen. Wer in diesem Sinne eher konservativ antwortete, stimmte häufiger Aussagen zu, wonach ein erfülltes Leben die Bindung an Traditionen voraussetze oder die gemeinsame Kultur das Land zusammenhalte.

Genau an diesem Punkt zeigte sich laut Studienautor Maximilian Krolo ein Unterschied zwischen den Gruppen. „Die Gruppe der durchschnittlich begabten Männer“ habe eher dazu geneigt, „Werte zu befürworten, die mit Tradition und strenger sozialer Ordnung verbunden sind“, sagt er. Männer mit hohem IQ hätten solche traditionellen konservativen Ansichten seltener vertreten. Bei Frauen fand sich ein solcher Unterschied nicht.

Auch interessant

Politische Orientierung bei Hochbegabten: Was „weniger konservativ“ bedeutet

Der Befund ist aber dennoch schmaler, als er auf den ersten Blick wirken mag. Die Studie beschreibt keinen tiefen politischen Gegensatz zwischen Hochbegabten und Durchschnittsbegabten. Wie es in der Untersuchung heißt, zeigten sich auf der allgemeinen Links-rechts-Skala keine signifikanten Unterschiede. In allen Gruppen finden sich konservative wie progressive Haltungen, die Werte liegen insgesamt vergleichsweise nah beieinander.

Sichtbar wird damit keine politische Trennlinie, sondern lediglich eine leichte Verschiebung im Durchschnitt: Männer mit durchschnittlicher Begabung befürworteten traditionelle und ordnungsbetonte Aussagen etwas häufiger als hochbegabte Männer. Intelligenz drängt damit niemanden automatisch in ein bestimmtes politisches Lager. Sie verändert allenfalls die Wahrscheinlichkeit, bestimmten Wertvorstellungen eher zuzustimmen oder sie eher abzulehnen.

Hochbegabung und politische Einstellungen: Warum der Unterschied nur bei Männern auftaucht

Offen bleibt allerdings, warum sich dieser Unterschied nur bei Männern zeigt. Die Studie selbst gibt darauf keine abschließende Antwort. Denkbar ist, dass sich politische Einstellungen bei Frauen und Männern im Durchschnitt auf unterschiedliche Weise herausbilden. Frühere Forschung legt etwa nahe, dass politische Überzeugungen bei Frauen stärker durch soziale Beziehungen und konkrete Lebenszusammenhänge geprägt sein könnten, während bei Männern Merkmale wie Bildung oder kognitive Fähigkeiten stärker durchschlagen. Das sind allerdings statistische Muster, keine Regeln für den Einzelfall.

Hinzu kommt die Prägung einer bestimmten Generation. Die untersuchte Kohorte ist in den 1970er- und 1980er-Jahren sozialisiert worden, also in einer Zeit, in der Bildungs- und Berufschancen noch deutlicher entlang traditioneller Geschlechterrollen verteilt waren. Auch das kann beeinflussen, wie sich Intelligenz in gesellschaftliche Positionen übersetzt – und damit indirekt auch in politische Haltungen.

Auch interessant

Intelligenz und politische Einstellungen: Was man aus der Studie lernen kann

Auch im größeren Forschungskontext steht der Befund nicht völlig für sich. Studien legen seit Längerem nahe, dass höhere Intelligenz tendenziell mit weniger konservativen und eher linken Einstellungen einhergeht. Als Erklärung wird häufig angeführt, dass Menschen mit geringerer kognitiver Flexibilität Unsicherheit eher als belastend erleben könnten – und deshalb stärker zu ordnungsorientierten Weltbildern neigen. Die neue Untersuchung macht daraus keine große Theorie, fügt diesem Bild aber einen seltenen Längsschnittbefund hinzu.

Gerade deshalb mahnt sie auch zur Nüchternheit. Die Stichprobe ist überschaubar, die Effekte sind moderat, und die politischen Einstellungen wurden nur zu einem bestimmten Zeitpunkt im Erwachsenenalter erhoben. Ob sich diese Haltungen über die Jahre verfestigen oder verschieben, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob sie sich tatsächlich im politischen Verhalten niederschlagen – also bei Wahlen, politischem Engagement oder öffentlichen Positionierungen.

Für relevant hält Sparfeldt die Untersuchung dennoch. Hochbegabte erreichten häufig einflussreiche Positionen, gerade deshalb sei es interessant zu verstehen, „welchen Blick diese auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben“. Zugleich zeige die Studie nicht, dass hohe Intelligenz zu radikalen politischen Positionen führe. Hochbegabte Erwachsene seien politisch im Mittel „ebenso vielfältig und moderat“ wie andere auch.