Die Szene ist banal – und doch beunruhigend vertraut: Man steht in der Küche und weiß nicht mehr, weshalb man dorthin gegangen ist. Der Name eines Kollegen, gestern noch präsent, ist wie ausgelöscht. Wo das Auto steht? Keine Ahnung. Und warum die Sonnenbrille plötzlich im Badezimmer liegt, bleibt ein Rätsel. Solche Gedächtnislücken galten lange als normale Begleiterscheinung des Älterwerdens – als harmlose Zeichen eines Gehirns, das unter der Last des Alltags etwas langsamer arbeitet.

Doch eine aktuelle Studie, die im Fachjournal „Neurology“ erschienen ist, zeichnet ein anderes Bild. „Gedächtnis- und Denkstörungen gehören inzwischen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen, über die Erwachsene in den USA berichten“, sagt der Studienautor Dr. Adam de Havenon von der Yale School of Medicine und Mitglied der American Academy of Neurology. Die Auswertung zeige, so de Havenon weiter, „dass diese Schwierigkeiten insbesondere bei jüngeren Erwachsenen zunehmend verbreitet sind und dass soziale und strukturelle Faktoren dabei wahrscheinlich eine wichtige Rolle spielen.“

Für ihre Untersuchung analysierte das Forschungsteam mehr als 4,5 Millionen Umfrageantworten aus den Jahren 2013 bis 2023. Die Teilnehmenden wurden gefragt, ob sie aufgrund einer körperlichen, geistigen oder emotionalen Verfassung ernsthafte Schwierigkeiten hätten, sich zu konzentrieren, sich Dinge zu merken oder Entscheidungen zu treffen. Wer diese Frage bejahte, wurde in der Auswertung als kognitiv beeinträchtigt eingestuft.

Um das Ergebnis möglichst präzise zu halten, ließ das Team alle Angaben von Personen außen vor, die gleichzeitig von Depressionen berichteten, da diese das Bild verfälschen könnten. Auch das Jahr 2020 wurde ausgelassen – ein Ausnahmejahr, in dem die Corona-Pandemie das Antwortverhalten stark beeinflusst hätte.

Anstieg von Gedächtnisproblemen: Neue Zahlen zeigen alarmierende Entwicklung

Die Auswertung zeigt, dass in Selbstauskunft gemeldete kognitive Beeinträchtigungen in den USA in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen haben. Während 2013 noch 5,3 Prozent der Erwachsenen angaben, Probleme mit Gedächtnis, Konzentration oder Entscheidungsfähigkeit zu haben, waren es 2023 bereits 7,4 Prozent. Ein erster deutlicher Sprung war im Jahr 2016 zu beobachten – und der Trend setzte sich seither fort.

Überraschend ist die Altersverteilung. Gedächtnis- und Denkstörungen wurden lange vor allem mit älteren Menschen in Verbindung gebracht. Die Studie weist jedoch auf eine Verschiebung hin: Bei Erwachsenen unter 40 Jahren stieg der Anteil der Betroffenen von 5,1 auf 9,7 Prozent und hat sich damit nahezu verdoppelt. In der Altersgruppe über 70 Jahre fiel der Wert dagegen leicht – von 7,3 auf 6,6 Prozent. Dr. Adam de Havenon bezeichnete diese Entwicklung als „besorgniserregend und unerwartet“. Zwar handle es sich um subjektive Angaben und nicht um medizinische Diagnosen, betonte er. Dennoch zeigten die Ergebnisse deutlich, dass sich im öffentlichen Gesundheitsbild „etwas Grundlegendes verändert“.

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Kognitive Beeinträchtigungen: Welche Rolle Einkommen und Bildung spielen

Die Studie legt nahe, dass kognitive Beeinträchtigungen nicht zufällig auftreten, sondern eng mit sozialen und strukturellen Bedingungen verknüpft sind. Die Daten zeigen etwa, dass Menschen mit geringerem Einkommen deutlich häufiger über Gedächtnis- und Denkprobleme berichten als wohlhabendere Befragte. Bei einem Haushaltseinkommen unter 35.000 US-Dollar stieg der Anteil derjenigen, die über kognitive Einschränkungen berichteten, im Untersuchungszeitraum von 8,8 auf 12,6 Prozent. In Haushalten mit einem Einkommen oberhalb von 75.000 US-Dollar stieg der Anteil der Betroffenen zwar ebenfalls, jedoch deutlich moderater, nämlich von 1,8 auf 3,9 Prozent.

Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Bildungsniveau. Erwachsene ohne High-School-Abschluss meldeten häufiger kognitive Schwierigkeiten als diejenigen mit höherem Bildungsabschluss. In der ersten Gruppe nahm der Anteil von 11,1 auf 14,3 Prozent zu, während in der Gruppe mit College-Abschluss ein Anstieg von 2,1 auf 3,6 Prozent zu beobachten war. Dr. de Havenon zufolge sind diese Unterschiede ein starkes Indiz dafür, dass Bildung, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Arbeitsbedingungen und Lebensrealitäten die kognitive Belastbarkeit beeinflussen.

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Ethnische Unterschiede bei Gedächtnisproblemen: Wer besonders gefährdet ist

Neben Einkommen und Bildung zeigt die Studie noch eine weitere klare Linie sozialer Ungleichheit: kognitive Beeinträchtigungen treffen bestimmte ethnische Gruppen deutlich häufiger. Besonders betroffen waren amerikanische Ureinwohnerinnen und Ureinwohner sowie Alaska-Natives. In diesen Bevölkerungsgruppen stieg der Anteil der Personen, die von Gedächtnis- oder Denkproblemen berichteten, von 7,5 auf 11,2 Prozent.

Auch unter hispanischen Erwachsenen zeigte sich ein deutlicher Zuwachs: Hier erhöhte sich der Wert von 6,8 auf 9,9 Prozent. Bei Schwarzen stieg er von 7,3 auf 8,2 Prozent. Unter weißen Erwachsenen nahm der Anteil von 4,5 auf 6,3 Prozent zu, während er bei asiatischen Erwachsenen von 3,9 auf 4,8 Prozent kletterte.

Dr. Adam de Havenon ordnete diese Zahlen mit deutlichen Worten ein. „Der stärkste Anstieg betrifft Menschen, die bereits strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind“, sagte er. Die Ergebnisse seien ein Warnsignal, das ernst genommen werden müsse. Die Daten legten nahe, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Ungleichheit tief in die gesundheitliche Realität eingreife.

Mentale Gesundheit: Warum nehmen Gedächtnisprobleme zu? 

Warum kognitive Beschwerden heute häufiger auftreten, lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Die Studie liefert keine abschließende Erklärung, doch das Forschungsteam nennt mehrere mögliche Einflussfaktoren. Eine Rolle könnte spielen, dass insbesondere jüngere Menschen offener über mentale Gesundheit sprechen und Symptome eher benennen, statt sie wie frühere Generationen zu verschweigen. Dieses größere Bewusstsein könnte dazu führen, dass Beschwerden häufiger gemeldet werden – oder überhaupt erst wahrgenommen werden.

Darüber hinaus vermuten die Autoren, dass die Corona-Pandemie langfristige Spuren hinterlassen hat, die Konzentration und Gedächtnis belasten. Viele jüngere Erwachsene sind zudem mit einer unsicheren Arbeitswelt konfrontiert, die von Befristungen, Leistungsdruck und Zukunftssorgen geprägt ist. Diese Faktoren könnten den mentalen Stress erhöhen und sich negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken.

Auch der technologische Wandel steht im Verdacht, das Gehirn stärker zu beanspruchen. Die Forschenden halten es für möglich, dass die dauerhafte Reizüberflutung durch Smartphones, soziale Medien und digitale Arbeitsumgebungen die Fähigkeit beeinträchtigt, sich zu fokussieren und Informationen zu verarbeiten. Ebenso denkbar sei jedoch, dass diese digitale Dauerpräsenz nicht primär die Probleme verstärkt, sondern das Bewusstsein für sie schärft.

Dr. Adam de Havenon betonte, dass weitere Forschung nötig sei, um die Ursachen besser zu verstehen und die langfristigen Folgen besser einschätzen zu können. Es sei wichtig, frühzeitig gegenzusteuern, sagte er: „Wir müssen dringend verstehen, warum die Raten bei jüngeren Erwachsenen so deutlich steigen – angesichts der potenziellen langfristigen Folgen für Gesundheit, Produktivität und Gesundheitssysteme.“