Droht ein „Super-El-Niño“ mit starken Wetter-Extremen? Klimamodelle deuten aktuell darauf hin, dass sich im Laufe des Jahres ein neues El-Niño-Ereignis bilden könnte, denn: Die Entwicklung im tropischen Pazifik könnte weltweit spürbare Folgen fürs Klima haben. Das Ereignis tritt unregelmäßig etwa alle zwei bis sieben Jahre auf und könnte in diesem und nächstem Jahr besonders dramatisch ausfallen.

So erklärt der Meteorologe Jeff Berardelli im US-amerikanischen Sender WFLA-TV: „Ich glaube, wir werden Wetterereignisse erleben, wie wir sie in der modernen Geschichte noch nie gesehen haben.“ Das berichtet die „Bild“. Demnach rechnet auch das „California Institute for Water Resources“ damit, dass es 2026 und 2027 globale Rekordtemperaturen geben wird.

El Niño verschiebt Niederschläge: Die Folgen sind weitreichend

„El Niño ist eine natürliche Klimaschwankung im Pazifik, bei der sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt“, erklärt Dr. Daniela Matei, Klimaforscherin am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, im Interview mit dieser Redaktion. Im Normalzustand treiben Passatwinde – Ostwinde am Äquator – warmes Oberflächenwasser in den westlichen Pazifik. Vor Indonesien und Australien bildet sich ein sogenannter Warm-Pool mit Temperaturen um 30 Grad Celsius. Gleichzeitig steigt vor der Küste Südamerikas kühles Tiefenwasser auf, wodurch der östliche Pazifik vergleichsweise kalt bleibt.

Während eines El Niño schwächen sich diese Winde ab. Dadurch strömt warmes Wasser aus dem westlichen Pazifik nach Osten und sammelt sich vor der Küste Südamerikas. Die warme, feuchte Luft steigt dann nicht mehr über dem Westpazifik auf, sondern weiter östlich. Diese Verschiebung hat weitreichende Folgen: Niederschlagszonen verändern sich, ganze Klimaregionen können aus dem Gleichgewicht geraten. „Wenn El Niño startet, dann verschieben sich Niederschläge vom westlichen Pazifik in Richtung Zentral- und Ostpazifik“, erklärt Klimaforscherin Matei.

Dr. Daniela Matei
Dr. Daniela Matei ist Klimaforscherin und klärt über El Niño auf.© Privat

Für viele beliebte Urlaubsregionen wie etwa Südostasien bedeutet das vor allem eines: verändertes Wetter und häufig extreme Trockenheit. Auch Australien ist stark betroffen. Besonders gefährlich: Nach regenreichen Jahren – etwa durch das Gegenphänomen La Niña – wächst viel Vegetation, die in späteren Dürrephasen als Brennmaterial dient. Die Folgen: massive Waldbrände. Etwas anders stellt sich die Lage in Amerika dar. In Kalifornien kann El Niño mehr Niederschläge bringen und damit die Dürreperiode abschwächen. Auch Teile Südamerikas erleben verstärkte Regenfälle, allerdings mit regional sehr unterschiedlichen Auswirkungen.

„Super-El-Niños“: Gefahr starker Hurrikans steigt

Neben Dürre und Bränden verändert El Niño auch die Bedingungen für tropische Wirbelstürme. Im Ost- und Zentralpazifik nimmt die Aktivität von Hurrikans dann oft zu, was besonders für Inselstaaten gefährlich werden kann. „Dadurch, dass sich die Meeresoberfläche stark erhitzt, entwickeln sich Hurrikans näher am Äquator und haben einen längeren Weg über den Ozean“, erklärt Matei. Und das sei entscheidend, denn tropische Stürme gewinnen ihre Energie aus warmem Wasser – je länger sie darüber verbleiben, desto stärker können sie werden. „Wir hatten bisher drei Super-El-Niños: 1982, 1997 und 2015“, sagt die Forscherin.

In diesen Jahren traten im Ost- und Zentralpazifik außergewöhnlich viele starke Hurrikans auf. Laut Bild betont der Klimatologe Tido Semmler vom irischen Wetterdienst: Die Auswirkungen des Klimaphänomens könnten im nächsten Jahr sogar noch stärker sein. Die Erdatmosphäre benötige Zeit, um auf El Niño zu reagieren – deswegen gebe es für 2027 „ein erhöhtes Risiko, ein Jahr mit Rekordhitze zu werden, wenn sich El Niño in der zweiten Jahreshälfte von 2026 entwickelt“. Auch weit entfernte Regionen werden dabei von El Niño beeinflusst. Über sogenannte Telekonnektionen kann El Niño atmosphärische Strömungen bis nach Europa verändern.

Die Erde erlebt nie dagewesene Veränderungen

„Meistens wirkt sich El Niño erst im Herbst bis Spätwinter aus“, so Dr. Daniela Matei. Veränderungen im Polarwirbel – den stärksten natürlichen Höhenwinden über dem Nordpol – können in Europa und damit auch in Deutschland zu starken Kälteperioden oder wechselhaftem Wetter führen. Diese Effekte seien allerdings deutlich schwächer als in den Tropen. Auch für den Sommer in Deutschland spiele El Niño kaum eine Rolle. Genauso seien die wirtschaftlichen Folgen hierzulande sehr begrenzt. Lediglich Spätfröste könnten etwa Obstbäume treffen, wenn diese durch milde Phasen zu früh blühen.

Das sollten Urlauber wissen

Für Urlauber ergibt sich damit ein differenziertes Bild: Während die Auswirkungen in Europa meist indirekt bleiben, sind viele Fernreiseziele deutlich stärker von extremen Wetterlagen betroffen. Im Pazifikraum können sich Wetterrisiken während und nach einem El-Niño-Jahr deutlich erhöhen. „Länder wie Australien, Indonesien, Thailand und Japan sollte man im Auge behalten“, sagt Matei. In Südostasien führen Dürre und Brände häufig zu schlechter Luftqualität. Gleichzeitig steigt in Teilen des Pazifiks das Risiko intensiver Taifune. „Selbst wenn man vor Ort sicher ist, können An- und Abreise gefährlich werden“, warnt die Klimaforscherin.

Für Reisende wird die Situation zusätzlich dadurch erschwert, dass El Niño schwer vorherzusagen ist. „Die Vorhersehbarkeit beträgt etwa sechs Monate“, erklärt Matei. Besonders im Frühjahr seien Prognosen unsicher. Momentan befinde sich unser Klimasystem in einem Übergang von einer La-Niña-Phase in einen neutralen Zustand. Aktuelle Prognosen der US-Klimabehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) deuten auf eine Entwicklung in Richtung El Niño hin. Sicher sei das allerdings nicht. „Das System über dem tropischen Pazifik ist zurzeit sehr chaotisch.“