In der Nacht hat Marlene Berger mal wieder nicht geschlafen. Sie ist mittlerweile längst von ihrem Mann getrennt, aber die Geschichte ihrer Ehe belastet sie noch immer schwer, treibt sie um, hält sie wach. Die 67-Jährige, die eigentlich anders heißt, will endlich abschließen und erhofft sich wertvolle Tipps vom Therapeutenpaar Katz und Straden.
Lange habe sie gezögert, überhaupt zu schreiben, erzählt Berger. Zu groß seien Scham und Erschöpfung gewesen. In einem Leserbrief und Telefonat schildert sie eine Ehe, in der Kontrolle, Kränkung und Liebesentzug zum Alltag gehörten – und das Gefühl, bis heute innerlich nicht frei zu sein. „Ich möchte endlich wieder richtig lachen können“, sagt sie. 20 Jahre war Marlene Berger mit ihrem Mann zusammen, 17 davon verheiratet. Ihr Urteil über diese Beziehung ist eindeutig: „Am Ende war es toxisch. Ganz, ganz schlimm.“
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Toxische Ehe: Nach außen charmant, zu Hause kontrollierend
Nach außen habe ihr Mann oft den fürsorglichen, großzügigen Ehemann gegeben, erzählt Berger. Wenn Freunde dabei waren oder man gemeinsam ausging, habe er sich als charmanter Gastgeber inszeniert, andere eingeladen und von seiner Frau in den besten Tönen gesprochen. Auf andere muss es gewirkt haben, als ob die beiden eine eingespielte Ehe führen.
Zu Hause aber sei die Lage eine andere gewesen. „Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, war er ein Monster“, sagt Berger. Kontrolle, Kritik, Herabsetzung. Sie habe sich daheim nie wie eine gleichberechtigte Partnerin gefühlt, sondern „wie ein Gast, der netterweise dort wohnen darf“. Diese Machtverteilung zeigte sich in vermeintlich kleinen Dingen: Kleiderbügel seien ihr zugeteilt worden, ihre Bücher habe sie wegwerfen müssen. „Entsorge dein Altpapier“, habe ihr Mann dann gesagt. Und wenn er sich gekränkt fühlte, wurde Berger mit Schweigen bestraft – manchmal drei Tage lang, so sagt sie. Für sie sei das „Folter“ gewesen.
Emotionale Gewalt in der Ehe: „Ich war immer schuld“
Berger beschreibt ein System der Demütigung: Als einmal ein Toilettensitz brach, hat ihr Mann behauptet, sie habe ihn mit falschen Putzmitteln beschädigt. Beim Kochen habe er stets Töpfe auf dem Herd zurechtgerückt. Bei frisch bezogenen Betten war es die Knopfleiste, die nicht passte. In der Summe, sagt Berger, habe das ein Klima geschaffen, in dem nichts, was sie tat, je gut genug war. „Ich war immer schuld.“ Irgendwann begann Berger, seinen Ton zu spiegeln. Als sie mit ihm so sprach, wie er mit ihr, habe er das nicht ertragen. Für Berger war das ein Schlüsselmoment: Die Härte in dieser Ehe sollte nur in eine Richtung gehen.
Toxische Ehe
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Dass sie trotzdem so lange blieb, erklärt sie mit Pflichtgefühl und ihrem Bindungsbedürfnis. Ihr Mann litt an einer schweren Lungenerkrankung. Über Jahre hat Berger ihn gepflegt: „24/7!“ Sie habe eingekauft, den Haushalt gemacht, ihn zu Ärzten gefahren und Medikamente besorgt. Hinzu kommt ihre eigene Geschichte: Berger erzählt von einer Kindheit voller Gewalt und Abwertung, von Eltern, die sie geschlagen haben, und von dem Gefühl, sich Liebe immer verdienen zu müssen. „Ich bin so ein liebebedürftiger Mensch“, sagt sie. Rückblickend glaubt Berger, aus diesem Grund immer wieder an toxische Männer geraten zu sein.
Etwa anderthalb Jahre vor dem Tod ihres Mannes ist für Berger klar, dass ihr keine andere Wahl bleibt, als sich zu trennen. An diesem Punkt habe sie begriffen, dass sie selbst an dieser Ehe zugrunde geht. „Der Mann stirbt ohnehin“, so ihr Gedanke damals. „Nur ich sterbe so auch.“ Doch abschließen kann sie bis heute nicht. Sie hofft, dass ihr das mit dem Rat des Therapeutenpaars Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden eines Tages gelingt.

Toxische Beziehung verarbeiten: Was Paartherapeuten Marlene raten
Liebe Frau Berger,
man spürt sofort, wie viel Schmerz, Entwertung und Einsamkeit Sie über Jahre getragen haben. Eine Beziehung, in der Kritik, Kontrolle und Liebesentzug zum Alltag gehören, hinterlässt tiefe Spuren. Dass Sie sich nach Leichtigkeit sehnen, ist deshalb sehr verständlich. Auch wenn Ihr Mann verstorben ist, kann diese Beziehung innerlich weiterwirken. Denn solche Partnerschaften bestehen nicht nur aus Konflikten, sondern oft auch aus Hoffnung, Anpassung und dem Wunsch, doch noch gesehen oder geliebt zu werden.
Hinzu kommt, was Sie selbst klar benennen: Wer schon als Kind zu wenig Schutz, Anerkennung oder Zuneigung erlebt hat, trägt oft alte Verletzungen in spätere Beziehungen. Gerät man dann an einen dominanten Partner, wiederholt sich oft etwas Vertrautes – auch wenn es schmerzhaft ist. Das heißt nicht, dass Sie schuld sind. Es heißt nur: Alte Wunden prägen, was uns vertraut erscheint. Der wichtigste Schritt ist deshalb, die Verantwortung dorthin zu legen, wo sie hingehört – auf das Verhalten Ihres Mannes und auf die Verletzungen Ihrer Kindheit, nicht auf Ihren Wert als Mensch.
Loslassen nach toxischer Beziehung: Wut ernst nehmen
Loslassen bedeutet nicht, die Vergangenheit kleinzureden. Es bedeutet eher, sie innerlich neu einzuordnen. Hilfreich kann sein, die eigene Geschichte aus der eigenen Perspektive aufzuschreiben: Was haben Sie geleistet und ertragen? Viele erkennen erst dann, wie viel sie tatsächlich bewältigt haben. Helfen können zudem kleine Rituale des Abschieds, etwa ein Brief an den verstorbenen Partner, der nicht abgeschickt wird und unausgesprochene Gefühle ordnet.
Ihre Beziehungsfrage, Ihre Geschichte – schreiben Sie uns!
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Oder haben Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen? Schreiben Sie uns einfach unter beziehung@funkemedien.de – auf Wunsch auch anonym. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.
Gerne leiten wir Ihre Fragen auch an unsere Beziehungsexperten weiter, wie etwa das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden. Sie geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.
Auch Wut ist in Ihrer Lage kein Zeichen von Bitterkeit, sondern zunächst ein gesundes Gefühl. Sie zeigt, dass Grenzen verletzt wurden. Problematisch wird sie erst, wenn sie sich gegen einen selbst richtet oder das ganze Leben beherrscht. Ein hilfreicher Zwischenschritt kann sein, Wut zunächst zu würdigen, statt sie sofort in Verzeihen verwandeln zu wollen. Verzeihen ist kein moralischer Auftrag und kein schneller Schritt. Manchmal bedeutet es schlicht, der Vergangenheit nicht länger die Macht über das eigene Leben zu lassen.
Ihr Wunsch, wieder frei lachen zu können, ist vielleicht der wichtigste Satz Ihres Briefes. Denn er zeigt: In Ihnen gibt es noch immer einen lebendigen Teil, der sich nach Leichtigkeit sehnt. Eine gute psychotherapeutische Begleitung könnte helfen, die Verletzungen aus Kindheit und Beziehung aufzuarbeiten. Dass Sie Ihre Geschichte aufgeschrieben haben, ist bereits ein erster Schritt.
Ihre Paartherapeuten, Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden


