In Deutschland erlebt rund jedes vierte Kind die Trennung seiner Eltern, wie das Deutsche Jugendinstitut berichtet. Welche kurzfristigen Folgen das für die Kindheit der Heranwachsenden hat, ist vielfach untersucht. Bislang weniger gut erforscht ist, wie sich die Trennungserfahrung auf das spätere Leben auswirkt. Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal „Demography“, legt nun nahe, dass die Folgen bis ins Erwachsenenalter reichen – und womöglich sogar die Familiengründung der nächsten Generation beeinflussen.

Für ihre Untersuchung werteten die Forschenden um Silvia Palmaccio von der Universität Bocconi in Italien und der KU Leuven umfangreiche Daten aus den Niederlanden aus. Untersucht wurden Menschen, die in den 1970er-Jahren geboren wurden. Die zentrale Frage lautete, ob die Scheidung der Eltern das spätere Familienleben ihrer Kinder beeinflusst – genauer gesagt: ob Menschen aus Trennungsfamilien im Lauf ihres Lebens weniger eigene Kinder bekommen.

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Um die Ergebnisse nicht zu verfälschen, berücksichtigten die Autorinnen und Autoren nach eigenen Angaben auch andere mögliche Einflüsse, die die Zahl der eigenen Kinder beeinflussen können. Dazu zählten etwa die soziale Lage der Herkunftsfamilie oder kulturelle Prägungen. Solche Faktoren wurden statistisch so weit wie möglich herausgerechnet, um den Zusammenhang zwischen elterlicher Scheidung und späterer Familiengründung genauer zu bestimmen.

Das Ergebnis blieb deutlich: Männer aus Scheidungsfamilien bekommen um 6,1 Prozentpunkte häufiger gar keine Kinder als Männer, deren Eltern verheiratet blieben. Bei Frauen zeigte sich ein ähnliches Bild, allerdings war der Einfluss etwas schwächer. Hier lag der Unterschied bei 2,3 Prozentpunkten. Bekamen die Betroffenen doch Kinder, so waren dies durchschnittlich weniger als bei Nicht-Scheidungskindern. Bei Männern sank die Zahl eigener Kinder infolge der elterlichen Scheidung um etwa 13 Prozent, bei Frauen um rund fünf Prozent. Der Effekt war bei Männern damit mehr als doppelt so stark wie bei Frauen.

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Die Forschenden untersuchten außerdem, ob es eine Rolle spielt, wie alt die Kinder zum Zeitpunkt der Scheidung waren. Schließlich erlebt ein Kleinkind die Trennung der Eltern anders als ein Jugendlicher, der die Konflikte womöglich viel bewusster wahrnimmt. Einen Zusammenhang fanden die Forschenden hier allerdings nur bei Frauen. Je älter die Töchter bei der Trennung ihrer Eltern waren, desto weniger Kinder bekamen sie laut der Studie später. Bei Männern konnten die Autorinnen und Autoren keinen vergleichbaren Effekt finden.

Die Studie liefert zudem Erklärungen: Ein Grund, warum Scheidungskinder später selbst keine oder weniger Kinder bekommen, ist die Stabilität ihrer eigenen Beziehungen. Erwachsene aus Scheidungsfamilien lebten demnach häufiger in Partnerschaften, die kürzer hielten. Jedoch zeigt die Studie, dass Kinder aus Scheidungsfamilien im Durchschnitt früher selbst Eltern werden als Kinder, deren Eltern sich nicht getrennt haben. Das klingt zunächst irritierend: Müsste nicht, wer früher mit der Familiengründung beginnt, am Ende eher mehr Kinder bekommen? Doch der frühe Einstieg ins Elternsein wurde offenbar durch kürzere oder instabilere spätere Beziehungen wieder aufgewogen. Deshalb blieb die Kinderzahl insgesamt niedriger.

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Zudem deutet die Untersuchung an, dass sich diese Zusammenhänge im Laufe der Zeit verändert haben könnten. In den älteren Geburtsjahrgängen fielen die Unterschiede stärker aus als in den jüngeren – besonders bei Frauen. Das könnte darauf hindeuten, dass der gesellschaftliche Wandel die Folgen elterlicher Scheidung abgeschwächt hat. Eindeutig beweisen lässt sich das auf Basis der erhobenen Daten aber nicht.

Politisch wirft die Studie neue Fragen auf. Die Forschenden betonen, dass klassische Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate möglicherweise nicht greifen, wenn Stabilität in Partnerschaften ein Hauptfaktor ist. Wer die Geburtenrate erhöhen wolle, müsse dann stärker berücksichtigen, wie sehr Familiengründung von verlässlichen Partnerschaften abhängt, schreiben sie.

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Ob sich die Ergebnisse ohne Weiteres auch auf Deutschland übertragen lassen, ist allerdings offen. Heike Trappe, Professorin für Soziologie und Familiendemografie an der Universität Rostock, mahnt gegenüber dem Science Media Center Deutschland zur Vorsicht: „Bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse wäre ich vorsichtig.“ Sie verweist darauf, dass die Niederlande nicht nur kleiner seien als Deutschland, sondern sich auch gesellschaftlich und familienpolitisch in manchem unterscheiden.

Die Folgen elterlicher Scheidungen lassen sich laut Trappe daher nicht unabhängig vom jeweiligen nationalen Kontext beurteilen. Entscheidend sei etwa, wie Kinderbetreuung organisiert ist, wie verbreitet Ehe und Scheidung grundsätzlich sind und welche sozialen Sicherungssysteme Familien auffangen. Was sich in den Niederlanden zeigt, müsse daher nicht automatisch auch für Deutschland gelten.