Mit der alternden Weltbevölkerung nimmt auch die Zahl der Menschen zu, die an Demenzerkrankungen wie Alzheimer leiden. Heilende Therapien gibt es bislang nicht, viele Medikamente zeigen nur begrenzte Wirkung. Eine kleine brasilianische Studie sorgt nun für Aufmerksamkeit: Sie deutet darauf hin, dass extrem niedrig dosierte Cannabisextrakte den kognitiven Abbau bei Alzheimer verlangsamen könnten.

Untersucht wurde die Wirkung sogenannter Mikrodosen eines Cannabisextrakts bei Menschen mit leichter Alzheimer-Erkrankung. Die Studie erschien im „Journal of Alzheimer’s Disease“ und wurde von einem Forschungsteam um den brasilianischen Pharmakologen Fabricio Pamplona begleitet. Beteiligt waren 24 Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 60 und 80 Jahren.

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Die Teilnehmenden erhielten über mehrere Monate täglich ein Öl aus Cannabisextrakt. Es enthielt die Wirkstoffe THC und CBD in gleichen Anteilen – allerdings in extrem niedriger Dosierung: jeweils 0,3 Milligramm. Diese Menge liegt deutlich unter der Schwelle, bei der psychoaktive Effekte auftreten. Ein „High“, wie es mit Cannabis oft verbunden wird, blieb aus.

Wichtiger Erfolg: Kognitiven Fähigkeiten bleiben stabil

Um die Wirkung auf die Probanden zu messen, nutzten die Forschenden etablierte Tests zur Beurteilung der geistigen Leistungsfähigkeit, darunter den Mini-Mental-Status-Test (MMST). Das Ergebnis: Während sich die kognitiven Fähigkeiten in der Placebo-Gruppe im Studienzeitraum weiter verschlechterten, blieben sie bei den Patientinnen und Patienten mit Cannabis-Mikrodosierung stabil. Im Schnitt erzielten sie zwei bis drei Punkte bessere Ergebnisse als die Vergleichsgruppe.

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Die Effekte seien zwar moderat, aber klinisch relevant, ordnen die Wissenschaftler ein. Gerade bei Menschen im frühen Stadium der Erkrankung könne eine Stabilisierung bereits ein wichtiger Erfolg sein.

Warum so geringe Mengen wirken könnten

Dass winzige Dosen eine Wirkung zeigen, erscheint zunächst überraschend. Doch frühere Tierstudien liefern dafür eine mögliche Erklärung. Bereits 2017 hatten Forscher um den deutschen Neurowissenschaftler Andreas Zimmer gezeigt, dass sehr geringe THC-Mengen bei älteren Mäusen kognitive Fähigkeiten verbessern können. Sie beobachteten dabei Veränderungen im Hippocampus – einer Hirnregion, die für Gedächtnis und Lernen entscheidend ist.

Weitere Untersuchungen deuten darauf hin, dass das sogenannte Endocannabinoid-System im Gehirn mit zunehmendem Alter an Aktivität verliert. Dieses System spielt eine wichtige Rolle beim Schutz von Nervenzellen und bei der Regulation von Entzündungsprozessen. Cannabinoide könnten diesen altersbedingten Rückgang zumindest teilweise ausgleichen.

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Keine Wirkung auf Lebensqualität – aber auch kaum Nebenwirkungen

Verbesserungen zeigten sich ausschließlich im kognitiven Bereich. Andere Faktoren wie Depressionen, allgemeiner Gesundheitszustand oder Lebensqualität blieben unverändert. Auffällig: Die Häufigkeit von Nebenwirkungen unterschied sich nicht von der Placebo-Gruppe. Das führten die Forschenden auf die extrem niedrige Dosierung zurück.

Der in der Studie verwendete Cannabisextrakt wurde von der brasilianischen Patientenvereinigung ABRACE bereitgestellt. Eine Finanzierung durch die Cannabisindustrie gab es nach Angaben der Autoren nicht. Eines der größten Hindernisse für den medizinischen Einsatz von Cannabis sei nicht die Studienlage, sondern die gesellschaftliche Wahrnehmung, schreibt Pamplona. Viele Menschen, darunter auch medizinisches Fachpersonal, verbänden Cannabis vor allem mit Rausch und Abhängigkeit. Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch, dass therapeutische Effekte auch ohne Bewusstseinsveränderung möglich sind.

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Das könnte langfristig neue Behandlungsstrategien eröffnen, etwa zur Vorbeugung bei Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen oder familiärem Alzheimer-Risiko. Trotz der positiven Signale mahnen die Forschenden zur Vorsicht. Die Teilnehmerzahl war klein, die Beobachtungszeit begrenzt, und die Effekte beschränkten sich auf einen Teilbereich der kognitiven Leistung. Größere Studien mit längerer Laufzeit und zusätzlichen biologischen Messmethoden seien nötig, um die Ergebnisse zu bestätigen.