Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro versprechen eine merkliche Gewichtsreduktion in kurzer Zeit – und verändern seit einigen Jahren nicht nur die Behandlung von Adipositas. Nun hat das Pharmaunternehmen „Lilly“ erste Studienergebnisse für eine Abnehmspritze mit einem neuen Wirkstoff – Retatrutid – veröffentlicht. Diese deuten auf eine krassere Gewichtsabnahme hin als mit bisher verwendeten Präparaten.
Grundlage für die Annahme bildet eine sogenannte Phase-3-Studie, die das Unternehmen „Eli Lilly and Company“ (kurz: „Lilly“) mit Sitz in Indianapolis (USA) durchgeführt hat. Dabei wurde die neue Spritze an 445 Erwachsenen mit Adipositas und gesicherter Kniearthrose, jedoch ohne Diabeteserkrankung, getestet. 84 Prozent starteten mit einem BMI von mehr als 35. Über 68 Wochen spritzten sich die Teilnehmenden wöchentlich jeweils neun oder 12 Milligramm des Wirkstoffs oder erhielten ein Placebo plus Lebensstilberatung.
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USA: Studienteilnehmer verloren mit neuer Abnehmspritze bis zu 32 Kilogramm
Die Ergebnisse waren beeindruckend: Wer wöchentlich mit 12 Milligramm Retatrutid behandelt wurde, verlor innerhalb der 68 Wochen im Schnitt 28,7 Prozent Gewicht – jeweils rund 32,3 Kilogramm. Studienteilnehmer mit geringerer Dosis nahmen durchschnittlich 26,4 Prozent, etwa 29,1 Kilogramm, ab. Zum Vergleich: Die Placebo-Gruppe verlor im selben Zeitraum lediglich rund 2,1 Kilo.
Außerdem berichteten die Studienteilnehmer, die das Medikament eingenommen hatten, von deutlich weniger Knieschmerzen. In der Studie wurde ein Schmerzscore genutzt, der Beschwerden auf einer Skala von 0 bis zehn Punkten einordnet. Höhere Punkte beschreiben dabei stärkere Schmerzen. Bei Retatrutid-Patienten nahm der beschriebene Schmerz um bis zu 4,5 Punkte ab – der von der Placebo-Gruppe empfundene Schmerz sank auf der Skala um etwa 2,4 Punkte. Auch andere Werte wie etwa der Blutdruck, Blutfette und Entzündungsmarker besserten sich laut dem Unternehmen durch den Wirkstoff.
„Menschen mit Adipositas und Kniearthrose leben oft mit Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit und benötigen möglicherweise irgendwann einen vollständigen Gelenkersatz“, sagte Kenneth Custer, geschäftsführender Vizepräsident von Lilly. Die Ergebnisse der Studie seien „ermutigend“ und unterstreichen laut Custer „die starke Wirkung von Retatrutid“ auf Körpergewicht, Schmerzen und körperliche Funktion.
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Neue Abnehmspritze aus den USA wirkt anders als Wegovy und Ozempic
Retatrutid wirkt anders als bisherige Abnehmpräparate. Der Wirkstoff dockt an gleich drei Rezeptoren an: GIP, GLP-1 und Glucagon. Ein Rezeptor ist wie ein Schalter an einer Zelle. Wird er aktiviert, sendet die Zelle ein Signal. Wird der Rezeptor GLP‑1 aktiviert, dämpft das den Appetit, verlangsamt die Magenentleerung und senkt den Blutzucker. GIP verstärkt diese Effekte. Der Wirkstoff stimuliert außerdem den Glucagon‑Rezeptor – das kann den Energieverbrauch erhöhen und den Fettstoffwechsel antreiben.
Das unterscheidet sich maßgeblich von Abnehmmitteln wie Ozempic oder Wegovy, die auf der Substanz Semaglutid basieren. Diese dockt lediglich am GLP‑1-Rezeptor an. Auch Mounjaro mit dem Wirkstoff Tirzepatid spricht nur die GIP- und GLP-1-Rezeptoren an. Die neue Spritze von „Lilly“ vereint alle drei. Das Ergebnis: weniger Appetit und Nahrungsaufnahme, langsamere Magenentleerung und ein angekurbelter Fettstoffwechsel. Gleichzeitig offenbart die neue Studie aber auch unangenehme Nebenwirkungen.
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Übelkeit, Durchfall, Erbrechen – auch neue Abnehmspritze kommt mit starken Nebenwirkungen
Bis zu 43 Prozent der mit der neuen Spritze behandelten Personen klagten über Übelkeit – im Vergleich zu rund elf Prozent aus der Kontrollgruppe. Etwa ein Drittel der Retatrutid-Nutzenden hatte Durchfall, während dies bei der Placebo-Gruppe bei 13 Prozent vorkam. Ein Viertel derer, die sich Retatrutid spritzten, litt außerdem an Verstopfung. Auch Erbrechen und Appetitlosigkeit kamen vermehrt bei den Studienteilnehmern vor, die das Mittel eingenommen hatten.
Obendrein stehen auf der Liste der Nebenwirkungen sogenannte Dysästhesien. Dabei handelt es sich um unangenehme Missempfindungen auf der Haut oder an Nerven. Das kann sich wie ein Kribbeln, Brennen oder Stechen anfühlen oder eine Überempfindlichkeit für Wärme oder Kälte mit sich bringen. Bei bis zu einem Fünftel der Behandelten kam es zu Beschwerden dieser Art – bei der Kontrollgruppe meldete fast niemand diese Nebenwirkung.
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Hersteller sieht in neuer Abnehmspritze „wichtige Behandlungsoption“ für einige Patienten – doch Zulassung kann noch dauern
Der Hersteller des neuen Wirkstoffs sieht trotz dieser unangenehmen Begleiterscheinungen in Retatrutid eine „wichtige Behandlungsoption für Patienten mit erheblichem Gewichtsverlustbedarf und bestimmten Komplikationen, einschließlich Kniearthrose“. Im Jahr 2026 sollen weitere Ergebnisse der Phase-3-Studie veröffentlicht werden. Diese gelten zwar als relativ verlässlich und bilden die Grundlage für eine spätere Zulassung des Medikaments – unabhängig sind diese jedoch nicht. Auch die Langzeitwirkung wird dabei nicht überprüft.
Das Unternehmen will die Ergebnisse der Studie jedoch im kommenden Jahr in einem Fachmagazin mit einem unabhängigen Peer-Review-Verfahren unterbringen. Bis zur finalen Zulassung des Medikaments kann es allerdings noch dauern. Wenn es soweit ist, könnte Retatrutid allerdings den Markt der Abnehmspritzen neu sortieren.








