Seit Jahren stellen sich Forscherinnen und Forscher dieselbe Frage: Lässt sich Demenz durch einen bestimmten Lebensstil hinauszögern – oder sogar verhindern? Immer wieder gerät dabei Bewegung in den Blick. Dass Sport Herz und Kreislauf gut tut, gilt als unbestritten. Aber schützt er auch das Gehirn? Und falls ja: Zählt vor allem, wie viel man sich bewegt – oder eher, wann im Leben?

Eine neue Auswertung aus den USA reiht sich in eine wachsende Zahl von Studien ein, die darauf hindeuten, dass Bewegung das Demenzrisiko senken kann – und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf den richtigen Zeitpunkt im Leben.

Lesen Sie auch

Neue US-Langzeitstudie: Wie Sport das Demenzrisiko beeinflussen könnte

Für die im „JAMA Network Open“ veröffentlichte Analyse wertete das Team um Francesca R. Marino, Anatomie- und Neurobiologin an der Boston University Chobanian and Avedisian School of Medicine, die Daten von 4.354 Teilnehmenden der berühmten Framingham-Herzstudie aus. Diese Studie läuft seit Jahrzehnten und begleitet mehrere Generationen von Menschen aus derselben Region in den USA. Die Teilnehmenden wurden je nach Altersgruppe im Durchschnitt zwischen gut 14 und über 37 Jahren medizinisch nachverfolgt. Zu Beginn der jeweiligen Phase hatte niemand eine Demenzdiagnose.

Um die körperliche Aktivität zu erfassen, nutzten die Forschenden einen standardisierten Fragebogen. Die Teilnehmenden gaben an, wie viele Stunden sie pro Tag schlafen, sitzen, und wie viele Stunden sie mit leichter, mäßiger oder intensiver Bewegung verbringen. Aus diesen Angaben berechnete das Team einen Physical Activity Index, also eine Art Punktesystem für Bewegung: Wer viel und eher anstrengend aktiv war, bekam einen hohen Wert, wer überwiegend saß und sich kaum bewegte, einen niedrigen.

Auch interessant

Sport gegen Demenz: Was die Studie zum Zusammenhang zeigt

Während der langen Nachbeobachtungszeit entwickelten 567 von 4.354 Personen eine Demenz, darunter 369 Fälle von Alzheimer-Demenz. Das Team um Marino berichtet in der Publikation von einem klaren Muster: Menschen, die sich mehr bewegten, erkrankten seltener an Demenz als diejenigen mit sehr wenig körperlicher Aktivität.

Dieser Zusammenhang war aber je nach Alter unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Autorinnen und Autoren schreiben, die Daten deuteten darauf hin, dass es im Leben Phasen gebe, in denen körperliche Aktivität besonders eng mit dem Demenzrisiko verknüpft sei – und andere Phasen, in denen dieser Zusammenhang schwächer oder statistisch kaum nachweisbar sei.

Demenzrisiko senken durch Sport: Warum die Lebensmitte so wichtig erscheint

Am deutlichsten war der Schutzeffekt bei Menschen, die sich in der Lebensmitte – also etwa zwischen 45 und 64 Jahren – regelmäßig bewegten. In dieser Gruppe hatten die körperlich aktivsten Personen laut Studie ein um 41 Prozent geringeres Demenzrisiko als die inaktivste Gruppe. Die Forschenden geben an, dass dieser Unterschied auch dann bestehen blieb, wenn andere Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht oder Vorerkrankungen statistisch berücksichtigt wurden.

In der Veröffentlichung wird dieser Befund so interpretiert, dass gerade die Lebensmitte ein besonders sensibles Zeitfenster sein könnte: In dieser Phase scheinen Gehirn und Gefäße noch formbar genug zu sein, um von einem aktiven Lebensstil langfristig zu profitieren – während erste Alterungsprozesse bereits einsetzen, die man durch Bewegung möglicherweise verlangsamen kann.

213160_1325_213160_cover.jpg
#25 Christian Dürr über Alzheimer, Delmenhorst und den anderen Christian der FDP
Meine schwerste Entscheidung
 

Lesen Sie auch

Auch im höheren Alter – in der Studie waren das Menschen zwischen 65 und 88 Jahren – zeigte sich ein deutlicher Vorteil für diejenigen, die körperlich aktiv waren. Das Forschungsteam berichtet, dass in dieser Gruppe das Demenzrisiko bei den Aktiven um 45 Prozent niedriger lag als bei den Menschen mit sehr wenig Bewegung. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass körperliche Aktivität damit auch im hohen Alter noch sinnvoll sei. Mit anderen Worten: Auch wer erst mit 70 oder 75 beginnt, sich regelmäßiger zu bewegen, kann der Studie zufolge noch etwas für sein Gehirn tun.

Bewegung in jungen Jahren: Kein klarer Schutz vor Demenz – aber andere Vorteile

Überraschend ist ein anderer Befund: Für das frühe Erwachsenenalter – also Menschen zwischen 26 und 44 Jahren – ließ sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der gemessenen Bewegung und dem späteren Demenzrisiko nachweisen. Die Forschenden warnen jedoch ausdrücklich davor, daraus zu folgern, Bewegung in jungen Jahren sei überflüssig. Vielmehr sei es möglich, dass Aktivität in dieser Lebensphase vor allem andere gesundheitliche Bereiche stärke – etwa Herz-Kreislauf-System, Gewichtskontrolle oder psychische Gesundheit – deren Einfluss auf Demenz sich in dieser Auswertung nicht eindeutig abbilden ließ.

Hinzu kommt: In der jüngsten Altersgruppe gab es in der gesamten Beobachtungszeit relativ wenige Demenzfälle. Das macht es statistisch schwieriger, einen klaren Zusammenhang zu erkennen. Ob intensiver Sport mit 30 sich erst mit 80 auszahlt, kann diese Studie allein deshalb kaum beantworten.

Auch interessant

Moderate bis intensive Bewegung: Welche Aktivität das Demenzrisiko senken könnte

Die Studie unterscheidet nicht nach konkreten Sportarten, aber nach Intensität der Bewegung. Entscheidend ist, ob sich Puls und Atmung deutlich bemerkbar machen – oder ob man eher nur ein bisschen in Bewegung ist. In der Studie heißt es dazu, dass insbesondere „moderate oder anstrengende körperliche Aktivität in der Lebensmitte mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden“ gewesen sei. Unter moderat verstehen die Forschenden etwa zügiges Gehen, Radfahren mit etwas Tempo oder Schwimmen, bei dem man zwar noch sprechen, aber nicht mehr problemlos plaudern kann.

Leichte Bewegung – etwa langsames Schlendern oder kurze Wege im Alltag – zeigte in den Daten dagegen keinen klar messbaren Schutzeffekt. Das heißt nicht, dass sie nutzlos wäre: Es ist gut belegt, dass schon weniger Sitzen dem Körper guttut: Alltagsbewegung entlastet die Gelenke und stärkt den Kreislauf. Wenn es jedoch um den Schutz vor Demenz geht, legt die Studie nahe, dass es dafür mehr braucht – nämlich Bewegung, bei der man sich spürbar anstrengen muss.

Lesen Sie auch

Genetisches Alzheimer-Risiko: Was Sport dennoch bewirken kann

Doch Intensität und Zeitpunkt der Bewegung erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn nicht alle Menschen starten mit den gleichen Voraussetzungen: Manche tragen von Geburt an ein deutlich erhöhtes Risiko für Alzheimer in ihren Genen. Die Studie untersuchte deshalb auch, ob Bewegung Menschen hilft, die ein erhöhtes genetisches Risiko für Alzheimer haben. Im Zentrum der Auswertung stand dabei das sogenannte APOE-ε4-Gen, von dem bekannt ist, dass es die Wahrscheinlichkeit für eine Alzheimer-Erkrankung deutlich erhöht.

Die Forschenden differenzieren hier sehr genau. In der Lebensmitte zeigte sich der schützende Effekt der Bewegung vor allem bei Menschen ohne dieses Risiko-Gen. Im höheren Alter sah das Bild jedoch anders aus: Dort profitierten laut Auswertung auch Trägerinnen und Träger des Alzheimer-Gens von körperlicher Aktivität. Wer sich trotz genetischer Vorbelastung regelmäßig bewegte, erkrankte seltener an Demenz als genetisch ähnlich belastete, aber inaktive Personen. Marino und ihr Team betonen, körperliche Aktivität könne „die mit APOE-ε4 verbundenen Veränderungen wahrscheinlich teilweise, aber nicht vollständig ausgleichen oder verzögern“.

Auch interessant

Alzheimer und Demenz: Wie Sport das Gehirn widerstandsfähiger macht

Warum aber sollte Sport das Gehirn überhaupt schützen? Die neue Studie kann diese Frage nicht vollständig beantworten, ordnet ihre Ergebnisse aber in den bestehenden Forschungsstand ein. Fachleute gehen heute von mehreren gleichzeitig wirkenden Mechanismen aus. Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung, auch im Gehirn. So bekommen Nervenzellen mehr Sauerstoff und Nährstoffe. Außerdem fördert Bewegung die Ausschüttung von Botenstoffen, die das Wachstum und die Vernetzung von Nervenzellen anregen.

Hinzu kommt: Regelmäßige Aktivität wirkt entzündungshemmend und stabilisiert Blutzucker- und Blutfettwerte. Beides sind Faktoren, die eng mit dem Demenzrisiko verknüpft sind – etwa über Diabetes oder Gefäßschäden. Auch Stresshormone scheinen eine Rolle zu spielen. Wer sich regelmäßig bewegt, baut Stress häufig besser ab. Gleichzeitig bleiben die kleinen Blutgefäße im Gehirn elastischer und funktionsfähig. Dadurch können kleine Durchblutungsstörungen, die das Gehirn über Jahre schädigen, möglicherweise seltener auftreten.

Das Forschungsteam um Marino schreibt, dass die beobachtete Risikoreduktion gut zu diesen bekannten biologischen Mechanismen passe. Körperliche Aktivität sei damit kein „Wundermittel“, aber ein Einflussfaktor, der an vielen Stellschrauben gleichzeitig drehe – und „in jedem Lebensalter dazu beiträgt, kognitive Reserve aufzubauen und kognitive Einbußen im Alter hinauszuzögern“.