Ein Leben ohne Sex – lange galt das als Randerscheinung oder wurde als persönliche Wahl abgetan. Doch eine neue Studie zeigt: Hinter der Enthaltsamkeit steckt weit mehr, als gängige Klischees vermuten lassen. Veröffentlicht im Fachjournal „PNAS“, wirft sie einen differenzierten Blick auf ein Phänomen, das bislang kaum Beachtung fand.
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Leben ohne Sex: Ein Prozent ohne sexuelle Erfahrung
Beteiligt waren Forscherinnen und Forscher des Amsterdam University Medical Centers, der University of Queensland sowie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik. Sie werteten Daten von zwei großen Bevölkerungsstudien aus: zum einen von der britischen UK Biobank mit rund 400.000 Menschen zwischen 39 und 73 Jahren, zum anderen von einer australischen Stichprobe von etwa 13.500 Erwachsenen im Alter von 18 bis 89 Jahren.
Die britischen Daten lieferten den Kern der Analyse, die australischen dienten als Ergänzung und Kontrollgruppe. Im britischen Datensatz gaben rund ein Prozent der Befragten an, noch nie Sex gehabt zu haben. Diese Gruppe unterschied sich deutlich von der Mehrheit. Sie verfügte im Durchschnitt über eine höhere Bildung und schnitt bei kognitiven Tests besser ab.
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Aber: Sie wirkte zugleich aber verletzlicher. Einsamkeit, Nervosität und eine geringere Lebenszufriedenheit waren in dieser Gruppe weitverbreitet. Viele berichteten, dass sie seltener enge Beziehungen pflegten, weniger Vertrauen in andere Menschen hatten und dem eigenen Leben weniger Sinn zuschrieben.
Sexlosigkeit bei Mann und Frau: auffällige Unterschiede
Besonders auffällig waren die Unterschiede bei Männern. Wer keinen Sex hatte, war häufiger körperlich schwächer, insbesondere bei der Oberkörperkraft. Zudem spielte das örtliche Geschlechterverhältnis eine Rolle: In Gegenden, in denen weniger Frauen lebten, berichteten Männer häufiger von Sexlosigkeit.
Auch ökonomische Rahmenbedingungen wirkten sich aus. Wo die Einkommensungleichheit besonders hoch war, war das Phänomen weiter verbreitet. Frauen, die ohne sexuelle Erfahrung blieben, zeigten keine auffälligen körperlichen Merkmale. Dennoch litten sie ähnlich stark unter Einsamkeit und sozialer Isolation wie ihre männlichen Pendants.
Absolute Beginner
Neben den sozialen Bedingungen traten genetische Faktoren deutlich hervor. Rund 17 Prozent der Unterschiede bei Männern und 14 Prozent bei Frauen ließen sich durch genetische Variation erklären. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes „Jungfräulichkeits-Gen“, sondern um viele kleine Varianten, die in ihrer Summe Einfluss haben.
Leben ohne körperliche Liebe: Betroffene leben oft zurückgezogener
Auffällig war der Zusammenhang mit hoher Intelligenz, hoher Bildung und introvertierten Persönlichkeitszügen. Auch autistische Merkmale zeigten Überschneidungen mit sexlosem Leben. Gleichzeitig ergaben die genetischen Analysen eine eher geringere Anfälligkeit für Depressionen, Angststörungen und ADHS. Wer ohne sexuelle Erfahrung blieb, führte in vielen Fällen ein Leben, das insgesamt zurückgezogener wirkte. Betroffene gaben an, seltener Alkohol und Tabak zu konsumieren.
Manches deutet darauf hin, dass sie schon in ihrer Jugend häufiger eine Brille trugen – ein scheinbar banales Detail, das die Forschenden jedoch als Indiz für frühe kognitive Unterschiede interpretierten. „Wir erkennen hier eine Gruppe von Menschen, die tendenziell sozial weniger eingebunden ist und daher häufiger Schwierigkeiten hat, einen Partner zu finden“, kommentiert der Psychologe Brendan Zietsch von der University of Queensland.
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Sexlosigkeit ist kein Randphänomen
In der australischen Stichprobe fiel ein weiterer Aspekt ins Gewicht: Religiosität. Vor allem religiöse Frauen berichteten überdurchschnittlich oft, noch nie Sex gehabt zu haben. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn Faktoren wie Alter, Bildung oder Einkommen berücksichtigt wurden. Damit zeigt sich, dass neben Biologie und Persönlichkeit auch kulturelle Prägungen entscheidend sind.
Die Studie macht deutlich, dass Sexlosigkeit kein Randphänomen ist, sondern etwa ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung betrifft. Ob es sich dabei um freiwillige Enthaltsamkeit oder unfreiwillige Isolation handelt, blieb offen – die Forschenden konnten dies mit den vorhandenen Daten nicht unterscheiden.
Dieser Artikel erschien erstmals im September 2025.








