Es ist eine traurige Bilanz: In Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen weitverbreitet und die führende Todesursache. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts verursachen diese Erkrankungen insgesamt etwa 40 Prozent aller Sterbefälle. „Ein bedeutender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist ein zu hoher LDL-Cholesterinspiegel“, sagt Prof. Dr. Ulrich Laufs, Leiter der Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Das LDL steht für Low Density Lipoprotein, auch als „schlechtes“ Cholesterin bekannt, und erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und weitere kardiovaskuläre Erkrankungen. „Das LDL-Cholesterin kann sich in den Arterien ablagern und so zur Arteriosklerose, also Gefäßverkalkung, führen“, erklärt der Kardiologe. Doch die Annahme, dass hohe Cholesterinwerte nur Erwachsene betreffen können, sei ein Trugschluss. „Auch Kinder können erhöhten Cholesterinspiegel haben und das ist auch gar nicht so selten“, erklärt Ulrich Laufs.

Familiäre Hypercholesterinämie: Was ist das?

High cholesterol and blood clot
Auch Kinder können hohe Cholesterinwerte haben, die zu gefährlichen Ablagerungen in den Gefäßen führen.© Getty Images | piyaset

Schuld daran ist häufig eine familiäre Hypercholesterinämie (FH), also eine erblich bedingte, angeborene Fettstoffwechselstörung. „Die familiäre Hypercholesterinämie tritt bei etwa 1 von 250 Personen auf. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch, da nicht alle Betroffenen diagnostiziert werden“, erläutert der Mediziner.

Diese genetische Veranlagung führt dazu, dass der Körper das LDL-Cholesterin nicht effektiv aus dem Blut entfernen kann, was zu erhöhten Werten führt. „Egal, wie gesund die Betroffenen dann essen oder wie sportlich sie sind, bei ihnen wird sich trotzdem Cholesterin in den Arterienwänden ansammeln“, stellt der Experte klar und betont, dass eine gesunde Lebensweise trotzdem sehr wichtig für das Wohlbefinden und die Gesundheit ist.

Familiäre Hypercholesterinämie: Ursache liegt in den Genen

Da die FH eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung ist, wird sie oft von den Eltern an die Kinder weitergegeben. „Wenn ein Elternteil betroffen ist, besteht eine 50-prozentige Chance, dass das Kind die Krankheit ebenfalls erbt“, erklärt Ulrich Laufs. Oft fällt die Erkrankung jedoch erst spät auf, da weder Kinder noch Erwachsene routinemäßig auf eine familiäre Hypercholesterinämie untersucht werden. „Diese Fettstoffwechselstörung ist jedoch von Geburt an vorhanden und je später sie entdeckt wird, desto höher ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, erläutert der Kardiologe.

Lesen Sie auch

Hypercholesterinämie: Symptome bleiben oft lange unbemerkt

Denn auch wenn hohe LDL-Cholesterinwerte zunächst keine Symptome verursachen, schädigen sie die Blutgefäße schleichend, ohne dass man dies direkt spürt. „Ein hohes LDL-Cholesterin, das bereits im Kindesalter auftritt, birgt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, oft schon in jungen Erwachsenenjahren“, warnt der Mediziner. Die LDL-Cholesterinwerte sollten bei Kindern daher möglichst niedrig sein, ein Wert unter 110 mg/dl wird als wünschenswert angesehen. „Ab einem LDL-Cholesterin von 135 mg/dl besteht der Verdacht auf eine familiäre Hypercholesterinämie“, erklärt Ulrich Laufs.

Hypercholesterinämie bei Kindern: Experten fordern frühes Screening

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, aber auch andere Verbände aus dem Bereich der Kardiologie fordern daher schon lange flächendeckende Vorsorgeuntersuchungen (Screenings) bei Kindern, um so eine frühzeitige Diagnose von FH und Behandlung zu ermöglichen. „Je früher ein hoher LDL-Cholesterinwert entdeckt, aber auch behandelt wird, desto geringer ist das Risiko für schwere Folgeerkrankungen“, sagt auch Ulrich Laufs.

Prof. Dr. Ulrich Laufs, Leiter der Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.
Prof. Dr. Ulrich Laufs, Leiter der Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.© Gildemeister Fotografie | Gildemeister Fotografie

In Deutschland, wie auch in den meisten europäischen Ländern, gibt es jedoch bislang kein flächendeckendes Früherkennungsprogramm. In Bayern, Niedersachsen, Bremen und Hamburg gibt es mittlerweile immerhin die sogenannte Vroni-Studie, die allen Kindern im Alter zwischen 5- bis 14-Jahren ein kostenloses Screening beim Kinder- und Jugendarzt anbietet. Mittels weniger Blutstropfen, die aus der Fingerkuppe entnommen werden, kann untersucht werden, ob bei dem Kind ein Verdacht auf FH vorliegt. Bei Verdachtsfällen erfolgt dann eine molekulargenetische Untersuchung, gegebenenfalls werden auch nahestehende Verwandte untersucht.

Allein in Bayern, wo die Vroni-Studie seit 2020 läuft, wurden laut dem Bayerischen Gesundheitsministerium bislang mehr als 27.000 Kinder untersucht und 265 Kinder und deren Familien mit FH diagnostiziert. „Wir sehen also, dass solche Screenings eine super Prävention sind und auch helfen können, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen“, erläutert Ulrich Laufs.

Mehr zum Thema: Statine gegen Cholesterin: Experte warnt vor Dickmacher-Effekt

Tatsächlich plante auch der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ein sogenanntes Gesundes-Herz-Gesetz, das Früherkennungstests von FH bei Kindern und Jugendlichen vorsah. Das Gesetz wurde jedoch nie umgesetzt, da die Ampel-Koalition zerbrach. Ob die neue Regierung um Bundeskanzler Friedrich Merz das Gesetz umsetzt, bleibt allerdings unklar.

„Es wäre auf jeden Fall wünschenswert, wenn es bundesweit ein Cholesterin-Screening bei Kindern gäbe“, sagt der Kardiologe Ulrich Laufs. Experten wie er empfehlen ein Screening am besten im Rahmen einer U9-Vorsorgeuntersuchung, also im Alter zwischen fünf und sechs Jahren. Dann könnte man rechtzeitig intervenieren und gegebenenfalls mit Medikamenten gegensteuern.

Hypercholesterinämie behandeln: Wann Kinder Statine benötigen

Denn Menschen, die von FH betroffen sind, benötigen oft schon im Kindesalter eine Therapie mit Statinen, um schwerwiegende Folgen zu verhindern. Statine können in der Regel ab einem Alter von fünf Jahren verschrieben werden, insbesondere wenn Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen. Ab zehn Jahren sind alle Statine grundsätzlich zugelassen. Statine wirken, indem sie ein Enzym hemmen, das für die Cholesterinproduktion benötigt wird. „Statine zählen heute zu den bestuntersuchten und sichersten Arzneimitteln“, stellt Ulrich Laufs klar. Schwerwiegende Nebenwirkungen bei Kindern seien nicht bekannt.

Lesen Sie auch

Wollen Eltern ihr Kind auf zu hohe Cholesterinwerte testen lassen, sollten sie den behandelnden Kinder- und Jugendarzt ansprechen. „In vielen Fällen übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für einen einfachen Cholesterin-Test, insbesondere wenn bereits hohe Werte in der Familie bekannt sind“, sagt Ulrich Laufs.

Dieser Artikel ist erstmals im Juni 2025 erschienen.