Donald Trump wollte auf den Wahlzettel. Die Amerikaner haben ihm den Gefallen getan – allerdings ganz anders, als er gehofft hatte. Bei den Kongresswahlen am Dienstag gab es eine doppelte Klatsche für den Präsidenten und seine Republikaner. Das Repräsentantenhaus geht nach den Mehrheitsprojektionen diverser Sender und Zeitungen an die Demokraten. Auch im Senat ist die republikanische Mehrheit wie weg. Die Opposition jagte der Regierungspartei mindestens acht Mandate ab: North Carolina, South Carolina, Texas, Kansas, Ohio, Maine, Michigan und Iowa. Alle News zu den Midterms finden Sie in unserem Liveblog.

Aus dem von Trump erbettelten Vertrauensvotum ist eine brutale Zurückweisung geworden. Selbst in Bundesstaaten und Wahlkreisen, die er vor zwei Jahren teils mit zweistelligen Prozentvorsprüngen souverän gewann, brachen republikanische Bastionen weg.

Midterms: Trump verliert die Kontrolle über beide Kammern – auch weil er auf den Wahlzettel wollte

Die Auszählung läuft noch; alle Siegesmeldungen und Mehrheitsangaben beruhen auf Projektionen der Wahlteams, nicht auf amtlichen Endergebnissen. Im Repräsentantenhaus hatte die Wahldatenplattform „Decision Desk HQ“ den Machtwechsel bereits um 21.09 Uhr Washingtoner Zeit ausgerufen, CNN sieht ebenfalls eine demokratische Mehrheit. Im Senat veranschlagt das laufende DDHQ-Modell die demokratische Siegchance auf 93 Prozent. Ab Januar 2027, dafür spricht derzeit viel, werden dem Präsidenten beide Kammern des Kongresses entglitten sein. Das Wahlergebnis bei den Midterms in den USA finden Sie hier.

„Ich bitte einfach alle, so zu tun, als stünde ich auf dem Wahlzettel“, hatte Trump am Vorabend bei Fox News gesagt. Und: „Wenn unsere Leute wählen gehen, gewinnen wir erdrutschartig.“ Der Erdrutsch kam, aber in die entgegengesetzte Richtung. 

Trump hatte den Wahlkampf auf sich zugeschnitten und seine Kandidaten persönlich empfohlen. Die Verantwortung lässt sich deshalb schwer auf Hinterbänkler oder Parteiführung abschieben. 

Jon Ossoff verteidigt seinen Senatssitz gegen Trumps Kandidaten

Schon nach den ersten Wahllokalschließungen zeigten die Sender demokratische Vorsprünge auch in republikanischen Hochburgen. Mancher Abstand spiegelte zunächst die Reihenfolge der ausgezählten Stimmen. Doch aus einzelnen Warnsignalen wurde eine Serie. Republikaner mussten plötzlich um Bezirke kämpfen, die ihre Partei eigentlich als Reserve für Verluste anderswo eingeplant hatte. 

Schon vor 20 Uhr kam eine wichtige Nachricht aus Georgia: Jon Ossoff verteidigte seinen Senatssitz gegen den von Trump unterstützten Republikaner Mike Collins. Ausgerechnet der Demokrat, den die Republikaner ursprünglich zu ihren aussichtsreichsten Zielen gezählt hatten, ließ sich nicht verdrängen. Für die Opposition war das zunächst eine Absicherung, kein zusätzlicher Sitz.

Georgia legte aber sofort nach. Keisha Lance Bottoms, die frühere Bürgermeisterin von Atlanta, gewann das Gouverneursrennen gegen den republikanischen Unternehmer Rick Jackson. Sie wird die erste schwarze Frau, die in den USA zur Gouverneurin gewählt wurde. Jackson hatte versprochen, Trumps „Lieblingsgouverneur“ zu werden. Stattdessen folgt auf den Ossoff-Erfolg ein zweiter Rückschlag für das republikanische Lager in einem zentralen Südstaat.

Texas, North und South Carolina: Die Demokraten gewinnen in Trumps „Heartland“

In North Carolina wurde aus demokratischer Verteidigung demokratischer Angriff. Ex-Gouverneur Roy Cooper besiegte Michael Whatley, den ehemaligen Vorsitzenden der Republikanischen Partei und engen Trump-Vertrauten. Der Sitz des ausscheidenden Republikaners Thom Tillis wechselte die Seite. Cooper hatte als Gouverneur schon zweimal bewiesen, dass er auch Wähler außerhalb seiner Partei erreicht. Seine Botschaft diesmal: “Make stuff cost less” - Sinngemäß: Ich werden die Lebenshaltungskosten senken.

Noch schmerzhafter für den Präsidenten ist South Carolina. Dort schlug die demokratische Kinderärztin Annie Andrews die republikanische Amtsinhaberin Darline Graham. Die Schwester des im Juli verstorbenen Senators Lindsey Graham hatte dessen Sitz zunächst durch Ernennung übernommen. Trump stellte sich mit Nachdruck hinter sie. Nun verliert seine Kandidatin in einem Staat, den er 2024 mit fast 18 Prozentpunkten Vorsprung gewann. Der demokratische Vorstoß reicht weit über die üblichen Wechselwählerregionen hinaus. 

Und dann kam, fast sensationell, auch noch Texas hinzu: Der Sieg des Demokraten James Talarico gegen Generalstaatsanwalt Ken Paxton ist der erste Erfolg der Partei mit dem Esel im Wappen in einem Senatsrennen seit 38 Jahren, fast noch getoppt durch den Sieg der Demokratin Gina Hinojosa, die Gouverneur Greg Abbott ablöst. Trump gewann Texas 2024 mit knapp 14 Punkten Vorsprung. In Kansas setzte sich der Demokrat Adam Hamilton gegen Amtsinhaber Roger Marshall. In Iowa hatte der Demokrat Josh Turek die Nase vorn. Sherrod Brown machte gegen den Republikaner Jon Husted in Ohio das Bild vorläufig perfekt.

Repräsentantenhaus: Selbst das „Gerrymandering“ hilft den Republikanern nicht

Im Repräsentantenhaus hatten sich die Hinweise auf einen Machtwechsel früh verdichtet. In Kentucky gewann Zach Dembo einen Bezirk, den Trump 2024 mit 15 Prozentpunkten Vorsprung geholt hatte. In Indiana verlor Victoria Spartz gegen den Demokraten J.D. Ford. Auch Pennsylvania brachte demokratische Zugewinne. Mindestens 20 republikanische Mandate haben die Demokraten – Stand 6 Uhr in Europa – erobert, vier hätten gereicht. Noch sind zahlreiche Rennen offen. Die republikanische Fraktion dürfte noch weiter schrumpfen. 

Auch der Neuzuschnitt von Wahlkreisen, das sogenannte „Gerrymandering“, erwies sich nicht als zuverlässige Versicherung. In Florida behauptete die Demokratin Kathy Castor ihren Sitz im Raum Tampa, obwohl die Republikaner die Grenzen zu ihren Gunsten verschoben hatten. Jared Moskowitz setzte sich ebenfalls in einem umkämpften, neu zugeschnittenen Bezirk durch. 

Ganz ohne Lichtblicke blieb die Nacht für Trumps Partei nicht. In Florida gewann sein Verbündeter Byron Donalds knapp gegen den Demokraten David Jolly. Donalds wird der erste schwarze Gouverneur des Staates und löst im Januar Ron DeSantis ab. Doch anderswo fällt auch die Bilanz der Gouverneursrennen für die Republikaner bitter aus: In Iowa gewann der Demokrat Rob Sand. Der Gegenwind beschränkt sich nicht auf Washington. 

Trump lässt die Wut an seinem Haussender „Fox News“ ab

New Hampshire lieferte einen historischen Moment. Der Demokrat Chris Pappas, 46, Gastronom und bisheriger Kongressabgeordneter, wird der erste offen schwule Mann im US-Senat. Sein republikanischer Gegner John Sununu räumte ein: „Es ist nicht unsere Nacht.“ Pappas sprach von einem nötigen „Kurswechsel“ und einer neuen Generation in Washington. Der Sitz bleibt demokratisch. 

Trump verfolgte die Ergebnisse mit wenigen politischen Beratern und Kabinettsmitgliedern, abgeschirmt im East Room des Weißen Hauses. Eine öffentliche Rede zum Ausgang blieb zunächst aus. Seine schlechte Laune hatte er schon zuvor dokumentiert: Auf Truth Social attackierte er seinen wichtigsten verbündeten Nachrichtensender Fox News, der angeblich zu viel über Demokraten berichte. „Meine Zahlen sind besser als je zuvor“, behauptete er. Die Wahlkarten erzählten eine andere Geschichte.

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Ob die vorhergesagten Abstände stimmen, wird erst die weitere Auszählung zeigen, sie kann sich über Tage hinziehen. Aber schon die demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus bedeutet neue Untersuchungsausschüsse, Vorladungen und Kontrolle statt Gefolgschaft. Fällt auch der Senat, werden zudem Personalentscheidungen und Richterernennungen schwieriger. Trump bliebe Präsident, mit Vetorecht und erheblichen Vollmachten. Den Kongress als verlässlichen Machtverstärker hätte er komplett verloren. Für den 47. Präsidenten ein Debakel.