Der Historiker Dr. Tobias Korenke fordert eine grundlegende Debatte über die Zukunft der deutschen Erinnerungskultur. Im Gespräch mit WELT-Moderator Marian Grunden stellt er die Frage, ob die Vermittlung der NS-Geschichte genügend Menschen erreicht habe. Die Wahlerfolge der AfD und aktuelle Auseinandersetzungen über Antisemitismus lassen ihn daran zweifeln.
„Wir haben da sehr viel Zeit und Geld in den letzten 80 Jahren investiert“, sagt Korenke. Inzwischen frage er sich, ob man mit der Erinnerungskultur „grandios gescheitert“ sei. Möglicherweise sei sie vor allem ein Projekt für bestimmte gesellschaftliche Gruppen geblieben.
Protest gegen AfD-Kranz im Berliner Bendlerblock
Wie entschieden Korenke gegen eine Vereinnahmung des Widerstands durch die AfD eintritt, zeigte sich bereits am 20. Juli im Berliner Bendlerblock. Vor der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats versuchte er, einen Kranz der AfD zu entfernen. Sicherheitsmitarbeiter griffen ein. Bei dem Handgemenge wurde der Kranz beschädigt.
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Gegenüber der ARD bezeichnete Korenke die Kranzniederlegung als „ungeheure Geschmacklosigkeit“. Eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei habe aus seiner Sicht keinen Platz bei einem Gedenken an Menschen, die für Rechtsstaat und Menschenwürde ihr Leben verloren hätten. Korenke ist Enkel des Widerstandskämpfers Rüdiger Schleicher und Großneffe des Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er war Kommunikationschef der FUNKE Mediengruppe.
Erinnerung zu stark ein „Studienratsprojekt“?
Bei WELT richtet der Historiker seinen Blick auch auf Versäumnisse der Bildungsarbeit. Die Erinnerungskultur sei zu stark auf eine gebildete Schicht ausgerichtet gewesen – „zu stark ein Studienratsprojekt sozusagen“. Innerhalb dieses Milieus habe man geglaubt, die Vermittlung funktioniere. Auch unterschiedliche Familiengeschichten in einer Einwanderungsgesellschaft müssten stärker berücksichtigt werden. Menschen aus Syrien oder der Türkei hätten einen anderen biografischen Zugang zur deutschen Vergangenheit als Menschen mit deutschen Vorfahren.
Mit Sorge blickt Korenke zudem auf Berlin. Dass eine künftige Koalition zunächst ein Papier über Antisemitismus verhandeln müsse, empfindet er als alarmierend – 81 Jahre nach Kriegsende.

Erinnerung ohne persönliche Begegnung mit Zeitzeugen
Eine weitere Herausforderung sei das absehbare Ende der Zeitzeugenschaft. Korenke erinnert an Margot Friedländer und ihre große öffentliche Wirkung. Überlebenden persönlich zuzuhören, sei eine besonders wirkungsvolle Form der Auseinandersetzung gewesen. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir trotzdem die Erinnerung an die Diktatur lebendig halten“, fordert er. „Und das ist eine riesige Aufgabe.“
fmg


