Die AfD empört immer wieder mit schiefen Vergleichen aus der Zeitgeschichte. Vor allem ihre Verweise auf die Zeit des Nationalsozialismus wirken abstrus. Ein besonderes Beispiel lieferte Parteichefin Alice Weidel im Januar 2025, als sie in einem Videogespräch mit dem amerikanischen Multimilliardär Elon Musk den Diktator Adolf Hitler und dessen Nationalsozialismus als eigentliche Linke und Kommunisten bezeichnete. Damit widersprach sie nicht nur allen historisch-wissenschaftlich gesicherten Tatsachen. Sondern sie schob dem politischen Konkurrenten der Linkspartei beziehungsweise dessen Vorgängern in der KPD während der Weimarer Republik eine wundersame Mitschuld an den Verbrechen der Nazis zu, als seien diese nicht unter den ersten gewesen, gegen die die Nazis mordend vorgingen.
Im Zentrum der Erinnerung an den Widerstand in der NS-Zeit steht jedoch meist nicht so sehr die KPD, sondern der Umsturzversuch der Gruppe um den Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944. Stauffenberg wollte Hitler mit einer Bombe töten, die nationalsozialistische Herrschaft stürzen und den Zweiten Weltkrieg beenden. Zu dem Widerstand gegen das NS-Regime gehörten unter anderen auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der schon 1943 verhaftet worden war, sowie der Jurist Rüdiger Schleicher, der nach dem Attentatsversuch 1944 in Haft kam. Beide wurden kurz vor Kriegsende 1945 von den Nazis ermordet.
Rangelei bei diesjähriger Gedenkfeier im Bendlerblock
Vor allem die Nachkommen halten heute die Erinnerung an sie in Ehren. Und als kurz vor der diesjährigen Gedenkfeier der Bundesregierung im Bendlerblock zum Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler der frühere Verlagssprecher Tobias Korenke – Großneffe Bonhoeffers und Enkel Schleichers – einen Kranz der AfD-Bundestagsfraktion entfernen wollte, gab es eine Rangelei, bei der Korenke der Kranz wieder entrissen wurde. Das Gesteck der AfD wurde bei dem Handgemenge beschädigt und von einer weiteren Besucherin der Veranstaltung etwas später in den nahe gelegenen Landwehrkanal geworfen.
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Korenke leitete von 2013 bis 2025 die Abteilung Unternehmenskommunikation der FUNKE Mediengruppe, in deren Verlag auch diese Zeitung erscheint. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter der gemeinnützigen yeswecan!cer gGmbH.
Korenke: Ich sah diesen Kranz und dachte, der ist falsch hier
Im Gespräch mit dieser Zeitung im Bendlerblock rechtfertigte er sein Vorgehen. Der militärische Gebäudekomplex in Berlin-Tiergarten ist der Ort, an dem sich der Widerstand der Wehrmachtsoffiziere organisierte und von dem aus Stauffenberg ursprünglich nach einem gelungenen Attentat auf Hitler den Putsch dirigieren sollte. Noch in der Nacht zum 21. Juli wurden Stauffenberg sowie drei seiner Mitstreiter im Innenhof des Bendlerblocks erschossen. Ein weiterer wurde zur Selbsttötung gedrängt, und als die misslang, wurde er ebenfalls erschossen.

Bei einem Treffen im Bendlerblock sagte Korenke auf die Frage, warum er das überhaupt gemacht habe, es sei eine spontane Aktion gewesen. „Ich bin einigermaßen pünktlich hier zur Feierstunde, was nicht immer meine Art ist, und sag dann noch zu meinen Kindern: ‚Wunderbar, wir können heute mal sitzen und müssen nicht stehen.‘ Und dann sah ich diesen Kranz und dachte, der ist falsch hier. Er ist einfach falsch.“
Die AfD „ist keine normale Partei. Sie ist eine antidemokratische Partei“
Korenke begründet das damit, dass die AfD eine Partei sei, „die unsere demokratischen Freiheiten nutzt, um genau diese abzuschaffen“ und die permanent den Nationalsozialismus und die Zeit des Nationalsozialismus relativiere. „Diese Partei kann hier nicht die Widerstandskämpfer instrumentalisieren und für ihre Zwecke nutzen. Das ist keine normale Partei. Sie ist eine antidemokratische Partei.“
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Laut Korenke steht die AfD für Programmpunkte, „gegen die die Menschen, die hier gestorben sind und überhaupt Widerstand gegen Nationalsozialismus geleistet haben, ihr Leben ließen“. Und deswegen habe er als „unfassbar geschmacklos“ empfunden, dass die Partei einen Kranz niederlegen wollte.
Inklusive der AfD haben alle im Bundestag vertretenen Parteien beim Gedenken im Bendlerblock mindestens einen Kranz niedergelegt. Vor allem die Regierungsparteien CDU, CSU und SPD bezeichnet die AfD jedoch immer wieder als Alt- oder Kartellparteien, als hätten diese sich gegen die Bevölkerung verschworen. Dazu stellt sie die Politik der Grünen und Linken grundsätzlich infrage. Ein gemeinsames Gedenken wirkt deshalb umso mehr gekünstelt.

Familie geprägt durch den Tod der Widerstandskämpfer
In Korenkes Fall gehen die Beweggründe aber weit tiefer – beziehungsweise sind weit persönlicher. Er sagt, nicht nur sein Großvater Rüdiger Schleicher und der Bruder seiner Großmutter Ursula Schleicher (geb. Bonhoeffer), also Dietrich Bonhoeffer, seien „kaltblütig ermordet worden“. „Eine Schwester meiner Großmutter (Christine, d. Red.) hat Hans von Dohnanyi geheiratet.“ Auch er sei in den letzten Kriegstagen ermordet worden. Hans von Dohnanyi war unter anderem Vater des späteren SPD-Politikers, Bundesministers und Ersten Bürgermeisters Hamburgs, Klaus von Dohnanyi, und dessen Bruder, des Dirigenten und Intendanten Christoph von Dohnanyi.
Der Tod der Widerstandskämpfer „prägt natürlich eine Familie“, sagte Korenke. „Ich spreche jetzt darüber, weil die politische Situation so ist, dass ich das Gefühl habe, dass das Andenken der Widerstandskämpfer durch den Dreck gezogen wird. Ich möchte nicht, dass ihr Einsatz für eine freiheitliche Grundordnung, für Rechtsstaat, für Menschenwürde umsonst war.“
Protokollchef nimmt Entschuldigung „netterweise“ an
Zu dem Handgemenge im Bendlerblock sagte Korenke, es habe eine gewisse Rangelei gegeben. „Es kam ein Sicherheitsbeamter sofort auf mich zu, als ich den Kranz an mich nahm. Der drückte mich an die Wand. Es kamen dann aber auch ein paar andere Angehörige und Nachkommen dazu, um mir zu helfen.“ Dazu habe sich der Protokollchef eingeschaltet, „den ich dummerweise beschimpft habe“. Korenke sagt, er habe sich dafür im Anschluss entschuldigt. „Er hat die Entschuldigung netterweise angenommen.“
Für Korenke war der Vorfall das Ende der Veranstaltung. „Rechtlich ist das völlig in Ordnung“, sagte er. „Ich habe da gegen geltendes Recht verstoßen. Ich glaube trotzdem, dass es eine richtige Tat war.“
Die AfD reagierte empört. Götz Frömming, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Geschichte in der Bundestagsfraktion, sagte, die Fraktion sei zu diesen offiziellen Gedenkfeiern als im Bundestag vertretene Partei eingeladen gewesen. In der ARD sprach er von einer „unwürdigen Störung des Gedenkens“. Die Partei lade „den Herrn zu einem Gespräch über Programm und Ziele der AfD“ ein.
Dazu wird es vermutlich nicht kommen. „Ich glaube, es ist einfach anständig, der AfD überall, wo man sie trifft, zu widersprechen“, sagte Korenke im Bendlerblock. „Es ist ein hervorragendes Land, bei allen Problemen, die wir haben, in dem wir leben dürfen. Lasst uns das feiern. Dann haben wir auch die Kraft, die Probleme, die es zweifellos gibt, gemeinsam zu lösen.“




