Ungarn stehen fünf heikle Tage bevor. Während eine neue Hitzewelle das Land erfasst, muss ausgerechnet das einzige Atomkraftwerk vollständig vom Netz – und damit die wichtigste Stromquelle des Landes. Ministerpräsident Peter Magyar warnte am Sonntag, Stromnetz und öffentliche Dienste würden dadurch enorm belastet. „Uns stehen die fünf kritischsten Tage bevor“, erklärte er auf Facebook.

Atomkraftwerk Paks: Niedrigwasser zwingt Reaktoren zum Stillstand

Das Atomkraftwerk Paks, rund 130 Kilometer südlich von Budapest, ist für die Kühlung seiner Reaktoren auf Wasser aus der Donau angewiesen. Doch nach wochenlanger Dürre führt der Fluss deutlich weniger Wasser. Reuters und AP zufolge ist der Pegel auf historische Tiefstände gefallen. „Der Wasserstand der Donau ist weiter gesunken“, sagte Magyar in einem Facebook-Video. Deshalb hätten die Ingenieure die Produktion erneut gedrosselt. Am Sonntag sank die Leistung auf nur noch 240 Megawatt. Am heutigen Montag soll Paks erstmals seit 44 Jahren vollständig abgeschaltet werden.

Die Folgen sind beträchtlich: Paks deckt normalerweise rund 40 bis 45 Prozent des ungarischen Strombedarfs. Mit der Abschaltung fallen bis zu 2000 Megawatt heimischer Produktion weg. Zugleich treibt die Hitze den Verbrauch nach oben. Wegen Klimaanlagen und Kühlsystemen könnte der Strombedarf laut Magyar um rund 20 Prozent steigen.

Extreme Dürre befürchtet

Energiekrise in Ungarn: Regierung greift zu drastischen Sparmaßnahmen

Die Regierung versucht nun, die drohende Stromlücke mit weitreichenden Einsparungen zu schließen. Vor allem Unternehmen und Kommunen sollen ihren Verbrauch in den besonders kritischen Stunden zwischen 17 und 22 Uhr reduzieren oder auf andere Tageszeiten verschieben. Für Großbetriebe will die Regierung verbindliche Vorgaben erlassen. Werden die Sparziele verfehlt, drohen laut Magyar Sanktionen. Im äußersten Fall könnten einzelne Großverbraucher zeitweise vom Netz genommen werden. Privathaushalte seien dagegen „das letzte Glied in der Kette der Einschränkungen“.

Doch die Sparmaßnahmen werden im Alltag bereits spürbar. Nach Angaben Magyars soll der Güterverkehr auf der Schiene ab Montag am Nachmittag für fünf Stunden ruhen, um den Stromverbrauch zu senken. Beschäftigte des öffentlichen Dienstes sollen an den ersten drei Tagen der Woche von zu Hause arbeiten. Auch die nicht notwendige Beleuchtung öffentlicher Gebäude soll abgeschaltet werden.

Lesen Sie auch

Dürre und Energiekrise könnten Ungarn teuer zu stehen kommen

Einsparungen allein dürften jedoch nicht ausreichen. Einen Teil des fehlenden Stroms will Ungarn durch Importe ersetzen. Mark Radnai, stellvertretender Vorsitzender von Magyars Tisza-Partei, beziffert die möglichen Mehrkosten auf 100 bis 200 Milliarden Forint – umgerechnet etwa 275 bis 550 Millionen Euro.

Dabei reicht die Krise längst über die Stromversorgung hinaus. Die anhaltende Dürre beeinträchtigt bereits Schifffahrt und Tourismus, in mehr als 100 Städten und Dörfern wird Wasser rationiert. In besonders betroffenen Regionen ist die Bevölkerung aufgerufen, ihren Verbrauch weiter zu senken. „Jeder Tropfen Wasser zählt“, mahnte Magyar. Wie lange Paks abgeschaltet bleibt, hängt vor allem vom Wetter und vom Pegel der Donau ab. Magyar hält einen wochenlangen Stillstand für möglich.