Viel mehr kampfbereite Soldaten, modernste Waffentechnologie, große Verantwortung für Reservisten: Als Reaktion auf die russische Bedrohung steht die Bundeswehr vor einem beschleunigten Umbau und einer beispiellosen Aufrüstung. Im Lauf des nächsten Jahrzehnts soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee in Europa“ mit technologisch überlegenen Streitkräften werden, sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung entsprechender Pläne. Schon bis 2029 soll die Bundeswehr demnach die volle Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit erreichen, um auch einem groß angelegten Angriff standhalten zu können. Bis 2035 wächst die Bundeswehr den Planungen zufolge auf 460.000 kampfbereite Soldaten – 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und rund 200.000 Reservisten.
Das ist Kern einer Militärstrategie, die Pistorius in Grundzügen erläuterte – die Details und die möglichen Szenarien sind geheim. Auch weitere Leitlinien, die Pistorius etwa zur Entwicklung der Reserve präsentierte, sind als Geheimdokumente eingestuft. Klar ist aber die Bedrohungsanalyse: „Russland stellt auf absehbare Zeit die größte unmittelbare Bedrohung dar“, heißt es in der Militärstrategie, darauf liege nun der Fokus. Pistorius sagte: „Russland bereitet sich durch seine Aufrüstung auf eine militärische Auseinandersetzung mit der Nato vor und sieht den Einsatz militärischer Gewalt als legitimes Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen.“ Generalinspekteur Carsten Breuer warnte: „Es war noch nie so ernst.“ Die Bundeswehr müsse schon heute verteidigungsfähig für den „fight tonight“ und bis 2029 so aufgewachsen sein, dass sie einem großen Angriff Russlands standhalten könne.
Aufwuchs im Eiltempo: Zeitweise mehr Soldaten als Plätze
Pistorius nannte als erste Priorität der Verteidigungspolitik jetzt den Personalaufwuchs. Als Zwischenziel bis 2029 soll die Bundeswehr im Eiltempo von jetzt 185.000 auf 204.000 aktive Soldaten wachsen, hinzu sollen 140.000 Reservisten kommen. Man sei auf gutem Weg, die Zahl der Bewerbungen sei um 20 Prozent gestiegen, die Zahl der Einstellungen im ersten Quartal liege um zehn Prozent über dem Vorjahreszeitraum, sagte Verteidigungs-Staatssekretär Nils Hilmer. 2025 sei bereits das beste Einstellungsjahr seit Aussetzen des Grundwehrdienstes gewesen „und das erste Jahr, wo wir wieder aufgewachsen sind“. Das Interesse an den Streitkräften sei weiterhin hoch. Pistorius sagte: „Der Aufwuchs ist der wesentliche Schlüssel für die Maximierung unserer Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit.“
Mehr rund um die Bundeswehr
Um die Personalziele sicher zu erreichen, sollen in den nächsten Jahren, wenn möglich, auch mehr Soldaten eingestellt werden, als Dienstposten zur Verfügung stehen: „Überbuchungen“ werden an besonders beliebten Standorten gezielt zugelassen, um einen Ausgleich zu haben, wenn Bewerber absagen oder abbrechen. Weitere Prioritäten sind laut Pistorius der Ausbau der Infrastruktur – also vor allem von Kasernen –, der Aufbau von Innovationszentren für neue Rüstungstechnologie und die weitere Beschaffung. Schwerpunkte bei der Aufrüstung sind weitreichende Präzisionswaffen, die die Bundeswehr erstmals erhalten soll, um Russland mit der Drohung von Angriffen tief im Hinterland abschrecken zu können, dazu Drohnen und eine bessere Luftverteidigung. In einer dritten Phase „bis 2039 und darüber hinaus“ solle die Bundeswehr die „Fähigkeiten von übermorgen“ erhalten. Dabei würden automatisierte Waffensysteme und Künstliche Intelligenz eine wesentliche Rolle spielen.

Das Kriegsbild, das der Militärstrategie zugrunde liegt, zieht auch Lehren aus den Erfahrungen im Ukraine-Krieg: Kalkuliert wird mit einer „Entgrenzung des Krieges“, in dem die gesamte Wirtschaft, Gesellschaft und der Staat bedroht sind. Erwartet werden auch ein zunehmend transparentes Gefechtsfeld, die Automatisierung und die wachsende Bedeutung von weitreichenden, präzisen Abstandswaffen, die keine sicheren Rückzugsräume mehr zuließen.
Freiwilligkeitsprinzip für den Reservistendienst soll eingeschränkt werden
Zentraler Baustein der Personalpolitik soll die Reserve sein, die die aktive Truppe im Bündnis- und Verteidigungsfall schnell verstärken und unterstützen soll. Laut Planung ist ein Aufwuchs auf mindestens 200.000 Reservisten und Reservistinnen bis 2035 vorgesehen – gespeist vor allem aus dem neuen freiwilligen Wehrdienst und gegebenenfalls einer Wehrpflicht. Die Reservisten sollen im Heimatschutz eingesetzt werden und zur Sicherung von Deutschlands Rolle als logistische Nato-Drehscheibe im Verteidigungsfall – etwa zum Schutz kritischer Infrastruktur, von Verkehrswegen und Militäreinrichtungen. „Die neue Reserve ist das Scharnier zwischen Militär und Zivilgesellschaft“, sagte Pistorius. „Wir denken die Reserve neu, wir sehen sie ausdrücklich auf Augenhöhe mit der aktiven Truppe.“
Geplant ist dem Vernehmen nach, das Freiwilligkeitsprinzip für den Reservistendienst einzuschränken. Einzelheiten sollen in einem Gesetz festgeschrieben werden, dessen Entwurf Pistorius im Sommer vorlegen will. Der Minister kündigte auch eine große Entbürokratisierungs- und Modernisierungsoffensive an. „In vielen Bereichen hemmt uns immer noch ein überbordender Bürokratismus“, sagte Pistorius. Mit insgesamt 153 Maßnahmen solle die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr erhöht werden: Bürokratieabbau werde zur Verpflichtung, Melde- und Berichtspflichten würden reduziert, die Zahl der Antragsvorschriften werde gesenkt.






