Im Veranstaltungssaal der Staatsgalerie von Stuttgart brandet bei der Grünen-Wahlparty Jubel auf, grüne Landespolitiker wie die Minister Winnie Hermann (Verkehr), Thekla Walker (Umwelt) und Landtagspräsidentin Muhterem Aras hüpfen wie Kinder johlend in die Höhe, als die erste Prognose kommt. Ricarda Lang – die 40 Wahlkampfauftritte im Ländle hatte – spricht als Erste von einem „historischen Ergebnis“, sie sei überwältigt. Dann kommt der Matador der Grünen auf die Bühne, Cem Özdemir (60), Ex-Bundeslandwirtschaftsminister, gekleidet in Anzug und grün-schwarzer Krawatte. Das ist ein Fingerzeig, welche Koalition das Ländle weiter regieren wird.
Die frühen Hochrechnungen zeigen schon einen Vorsprung der Grünen vor der CDU: Es läuft also auf Özdemir hinaus als künftigen Ministerpräsidenten. Aber es wird knapp. Özdemir ist auf der Bühne umringt von seinen Parteistrategen, lässt aber noch rasch seine Ehefrau Flavia Zaka, mit der er frisch verheiratet ist, auf die Bühne ziehen, bevor er zu sprechen beginnt. „Ich danke jedem da draußen herzlich, dass er mit uns unterwegs war. Nicht nur mit der Partei, sondern den anderen auch“, sagt Özdemir. Ein dezenter Hinweis, dass er den Wahlkampf weitgehend ohne Hilfe der Bundes-Grünen durchgezogen hat.
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„Als Ministerpräsident muss ich für das Landeswohl eintreten, nicht nur Parteiinteressen folgen“, erklärt er später. Die gemeinsamen vergangenen zehn Jahre mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und der CDU seien erfolgreich gewesen. Das will er fortsetzen. Für die Grünen ist das Wunder geschafft. Eine gigantische Aufholjagd des Realos Özdemir, dessen Partei Mitte Januar beim Wahlkampfstart noch sechs Prozentpunkte hinter der CDU lag.
Das Konzept der Südwest-Grünen hatte Erfolg
Im Geno-Haus, wo die CDU laut feiern wollte und einen DJ engagiert hatte, hingegen nur mauer Beifall. Der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel wird erklären, dass er die Verantwortung für das Ergebnis übernehmen werde. Er gratuliere den Grünen und Özdemir persönlich. „Wir haben fünf oder sechs Prozent hinzugewonnen, aber wir wollten stärkste Kraft werden.“ Der CDU-Landesvorstand werde am Montag beraten. Als später im Plenarsaal des Parlaments die Landespressekonferenz tagt, da wirkt Hagel fast bedrückt. Alle Kamerateams umringen den Kontrahenten Özdemir, nicht ihn.
Aber es gibt noch andere Verlierer. Kleinere Parteien werden heftig abgestraft, etwa die SPD, die in Richtung Fünf-Prozent-Hürde rutschte und die Polarisierung auf zwei Politiker dafür verantwortlich machte. „Das ist für mich persönlich ein extrem schwerer Tag“, sagte der SPD-Landeschef Andreas Stoch. Er will seinen Rücktritt vom Vorsitz anbieten. Als er das bei der „Wahlparty“ der Genossen zwischen roten Plüschsesseln im Königin-Olga-Bau verkündet, da kommen einigen die Tränen. Auch die Liberalen fliegen aus dem Parlament in ihrem Stammland, und auch FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke macht zerknirscht die Fixierung auf zwei Personen für die Niederlage verantwortlich. Man sei bei den Medien mit Themen kaum noch vorgedrungen.
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Erfolgreich war wohl der Plan, die Bundes-Grünen – die in einer Umfrage bei knapp zwölf Prozent liegen – völlig aus dem Wahlkampf rauszuhalten. „Unser Konzept der Polarisierung ist aufgegangen“, sagt Arne Braun, grüner Kulturstaatssekretär in Stuttgart. Im Übrigen habe sich der Gegenkandidat Hagel einige Pannen geleistet.
Bei den Christdemokraten war ein lautes Nachdenken erkennbar, warum der Rückenwind von Bundesprominenz aus der Union im Wahlkampf wenig geholfen hat. Sprach man mit CDU-Sympathisanten an der Basis, war früh herauszuhören, dass die Unionsdebatten über das Rentenpaket, die Lifestyle-Teilzeitarbeit und die Kosten für Zahnbehandlung dem Wahlkämpfer Hagel eher geschadet haben.
Der erste Job der Regierung: der Wirtschaft helfen
Offiziell wird in der Union die „Schmutzkampagne“ der Grünen wegen der Veröffentlichung des Eva-Videos als ein Grund für das laue Abschneiden der CDU genannt. CDU-Landesgeschäftsführer Tobias Vogt schiebt eine zweite Erklärung nach: „Die Grünen saugen förmlich die Wähler von Linken und SPD ab.“ Auch Fragen zum Kandidaten Hagel wurden am Wahlabend laut. War er zu unreif? Kam er zu „glatt“ rüber?
Özdemir und Hagel haben in ihren Programmen viele Schnittmengen, besonders in der Wirtschaftspolitik. Die kriselnde Autoindustrie ist das Thema, das beide anpacken wollen. Schon bisher hatte Kretschmann mit seiner CDU-Wirtschaftsministerin den Abwärtsstrudel der Wirtschaft bremsen wollen – durch die Stärkung von Innovationen.
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Cem Özdemir will der Spur folgen, hat aber auch Vorschläge von Hagel gutgeheißen: Sonderwirtschaftszonen, eine Wirtschaftsallianz, die Schaffung von Unternehmensclustern für Medizintechnik, Robotik und KI. Man wolle zeigen, dass Klimaschutz und Wirtschaft kein Gegensatz seien, sagte Özdemir. „Ich will den verlässlichen Kurs mit der CDU fortsetzen“, erklärte er in einer späten Studiorunde. Entweder mit ihm als Ministerpräsidenten oder mit einem Ministerpräsidenten Hagel. Zu dem Zeitpunkt waren die Hochrechnungen schon klar für Grün. Hagel schien sich über das Angebot nicht recht zu freuen. Es klang zu unwahrscheinlich. Gegen 2.15 Uhr kam das vorläufige Wahlergebnis: Grüne bei 30,2 Prozent, CDU bei 29,7 Prozent gefolgt von AfD (18,8) und SPD (5,5). Eine Besonderheit besteht: Mit je 56 Sitzen haben Grün und Schwarz die gleiche Zahl an Mandaten im Landtag, ein Patt.





