Er kann es mit „dia Leit“, wie man im Schwäbischen sagt. Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen in Baden-Württemberg, wo am 8. März das Superwahljahr 2026 beginnt, punktet gerade bei den Seniorinnen des Häkelkreises „Die Hoffnungsbären“. Der trifft sich in einer Bäckerei in Köngen, Kreis Esslingen, und häkelt Teddys für gute Zwecke. „Sie sind einer von uns!“, ruft eine Mittsiebzigerin. Keine widerspricht, stattdessen Applaus für den „anatolischen Schwaben“ aus Bad Urach, Sohn von türkischen Eltern, einer Näherin und eines Arbeiters. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister soll den seit 15 Jahren amtierenden grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ablösen. Der tritt nicht mehr an.
Was Özdemir (60) eint mit seinem Herausforderer von der CDU, Manuel Hagel (37), ist der Hang zum Schick. Aber wo Hagel im dunklen Anzug auftritt und „Leistung und Fleiß“ ausruft, da kommt Özdemir mit gelockerter violetter Krawatte und zaubert über seinem Anzug noch einen coolen Stehkragen raus. „Innovation! Forschung! Wir müssen an die Spitze“, ruft Özdemir. Wo der ehemalige Sparkassendirektor Hagel sprachlich gesehen knödelt, da knarzt der gelernte Erzieher Özdemir auf Schwäbisch, aber rhetorisch dominant, dass es jeder in der letzten Ecke des Saales versteht. Und die Säle sind voll.

Kleinstadt Köngen am Freitagnachmittag, übervolles Burgforum, mehr als 300 Besucher; am Abend in der Festkelter von Metzingen, bekannt für Hugo Boss, wieder 300 Leute. Am Samstag ein überfülltes Bürgerhaus in Albstadt und abends die mit 700 Besuchern fast volle Stadthalle in Rottweil. Der Mann ist ein Magnet – obwohl diese Orte keine Grünen-Hochburgen sind. Die Wählerzustimmung für die Grünen lag hier bei der letzten Bundestagswahl zwischen 7 und 13 Prozent. Aber was bedeuten solche Zahlen in diesem Wahlkampf?

Fast doppelt so beliebt wie Landespartei
Das Personen-Parteigefälle ist hoch. Im jüngsten Baden-Württemberg-Trend von dimap würden 39 Prozent der Befragten Özdemir direkt zum Ministerpräsidenten wählen, nur 19 Prozent Hagel von der CDU. Während Özdemir persönlich triumphiert, schwächelt seine Partei: Die Ökos lagen bisher im Ländle nur bei 20 Prozent, jetzt sind sie in der jüngsten Umfrage auf 23 Prozent geklettert – vermutlich weil sie nicht mehr an der Bundesregierung beteiligt sind, heißt es in Stuttgart. Die CDU hat sich mit Werten um 29 Prozent längst an die Spitze gesetzt. Die Zahlen auf der Bundesebene sind für die Grünen deutlich schlechter, da liegen sie stabil bei nur zwölf Prozent.
Wir richten unseren Wahlkampf auf Özdemir aus. Es geht nicht um das landespolitische Klein-Klein, es geht darum, welcher Kopf das Land führt.
Pascal Haggenmüller, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg
Mister „39 Prozent“ hat daraus seine Lehren gezogen. Özdemir hat sich in seiner Kampagne von den Grünen entkoppelt. Auf seinen Wahlplakaten – düster, staatsmännisch – ist der Parteiname nicht sichtbar. Zumindest von den Landes-Grünen hat er das Plazet dafür: „Wir richten unseren Wahlkampf auf Özdemir aus. Es geht nicht um das landespolitische Klein-Klein, es geht darum, welcher Kopf das Land führt“, sagt Pascal Haggenmüller, der Landesvorsitzende. Wer durch Özdemirs Website scrollt, findet keinen Hinweis auf die Grünen, aber seinen Slogan: „Er kann es.“
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In seinen Reden in den Provinzstädtchen erwähnt Özdemir die Grünen mit keinem Wort. Es sei denn, es geht um den „Irrsinn“ bei der Abstimmung beim Mercosur-Abkommen – mit dem er „aufräumen“ werde, wenn er bei den Grünen etwas zu sagen habe. Oder er platziert den Hinweis, dass er oft „über Kreuz“ mit den Bundes-Grünen gewesen sei. Oder er weist auf „den Fehler“ der Landes-Grünen hin, dass sie der Einführung der US-Polizeisoftware „Palantir“ zugestimmt haben, das will er als Ministerpräsident rückgängig machen und ein europäisches „Palantir“ anstoßen.
Özdemir spricht über die bösen Weltmächte und Davos, über die Krise der Autoindustrie, Effizienz in der Verwaltung, Start-ups, bessere Bildungschancen, und dankt der Polizei für ihren Dienst – kurz, er spricht über alles. Aber die Grünen ignoriert er, schweigt sie tot. Selbst auf seinen Flyern findet man sie nicht. Klimaschutz, ein Markenkern der Grünen, kommt in den vier Reden nicht vor.
Ablenkungsmanöver gegen „Grünen-Bashing“
„Fast scheint es mir, als wolle Cem Özdemir gar nicht so sehr mit den Grünen verbunden werden“, sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Stuttgart-Hohenheim. Dass die eigene Partei auf den Wahlplakaten nicht erwähnt werde, sei ungewöhnlich. „Kandidaten verzichten auf die Partei-Sichtbarkeit, wenn sie selbst deutlich populärer sind als die Partei.“

Der Bewerber versuche, sich vom negativen Image seiner Partei zu entkoppeln, sie werde als „Klotz am Bein“ wahrgenommen. „Bei Özdemir scheint das der Fall zu sein.“ Özdemirs Publikum stört das wenig. Als informativ und nachdenklich werden seine Reden gelobt. In Albstadt sagt ein Zuhörer, dass es im Ort in den vergangenen Jahren ein „Grünen-Bashing“ gegeben habe. Wegen des Verbrennerverbots hätten viele Nachbarn auf die Grünen „nur noch aggressiv“ reagiert. Özdemir schützt sich davor. In der schwäbischen Provinz versteckt er sein Grünsein. Möglich, dass er an diesem Wochenende wieder mehr den „Öko“ heraushängen muss. Da tritt er in der Grünen-Hochburg Freiburg auf.



